Giovanni Anastasi
Giovanni Anastasi, Architekt, Lehrer, Politiker und Schriftsteller

1861-1926, geboren und gestorben in Lugano

Aus Jakob Keller, „Prosadichtung dreier Tessiner Zeitgenossen“ aus dem Jahr 1932: „Giovanni Anastasi ist ein Sohn der Salvatorestadt. Dort wurde er am 10. November 1861 geboren, und dort verbrachte er sozusagen sein ganzes Leben; er kannte keinen lieberen Ort als ,sein Lugano.“ Von der angesehenen Familie, der er entspross, zum Architekten bestimmt, hatte er bereits mit dem 20. Jahre seine Studien erfolgreich abgeschlossen. Eine günstige Gelegenheit, überseeisch sein Glück zu versuchen, hatte für ihn nicht den Reiz, wie sie ihn für viele seiner Mitlandsleute hatte ausüben können. Die Liebe zur Familie und zur Heimat hielt ihn in derselben zurück. Seine Gemütsanlage zog ihn aber vom Berufe weg zur Schule. Bereits das Jahr 1880 bestimmte ihn zum Lehrer mathematisch-naturwissenschaftlicher Richtung am Gymnasium seiner Vaterstadt. Von 1889 bis 1891 amtete er als Lehrer und Vizedirektor des kantonalen Lehrerseminars in Locarno und nachher neuerdings ein Jahr als Lehrer am Gymnasium in Lugano. Dem jungen Schulmann eignete ein erstaunlich reger und vielseitiger Geist, der frühe anfing, seine Tätigkeit auch in journalistischer Richtung auszudehnen. Ohne politisch hervorzutreten, nahm er Anteil an den öffentlichen Fragen des Lebens, und er fühlte es sozusagen als seine Bürgerflicht, schon ein Jahr nach der Rückkehr in die Vaterstadt, das ruhige Gebiet der staatlichen Schule zu verlassen und in das bewegtere der Journalistik überzutreten. Die Liberal-Konservativen Luganos hatten mittlerweile den „Corriere del Ticino" ins Leben gerufen, für den der Professore Anastasi als prädestinierter Direktor ausersehen war. Fünfzehn Jahre lang stand er auf dem Posten der Aufopferung und des Kampfes und fand dazu noch Zeit, als Korrespondent des „Journal de Genève"‘ sowie der schweizerischen Depeschenagentur zu wirken. Eine unverkennbare Sehnsucht nach der Schule veranlasste den Unermüdlichen, darüber hinaus sich am Institut Landriani in seinen mathematischen Lieblingsfächern zu betätigen. Nachdem die Lehranstalt von Ruf ihn bereits 1905 zu ihrem Direktor auserkoren, trat er anno 1907 als Chef des ,,Corriere‘ zurück, um sich der Leitung des Collegio Landriani zu widmen. Sie hatte zwölf Jahre seines Lebens ausgefüllt, als er 1917 sich entschloss, auch dieser Aufgabe sich zu entledigen. Während des Restes seines Lebens, von 1919-1926, blieb seine Lehrtätigkeit beschränkt auf einige Wochenstunden an der Töchterhandelsschule der Stadt. In den Vordergrund trat wieder die publizistische Tätigkeit. Anastasi wurde geschätzter korrespondierender Mitarbeiter der „Basler Nachrichten“, sowie der tessinischen konservativen Zeitung „Popolo e Libertà“. Auch liess er sich jetzt von der Öffentlichkeit in Anspruch nehmen. Als Mitglied des Grossen Rates rückte er gleich in hervorragende Stellung vor. Mit kompetentem und ausgeglichenem Urteil trat er an alle Fragen des öffentlichen Lebens heran, und mitbesonderem Gefallen, wenn es zum Wohle seines lieben Lugano geschehen konnte.
Das letzte Dezennium seines Lebens, ein Alter, in welchem es für viele gilt, in dem Mass der Zumutungen an die Kräfte abzubauen, schenkte Giovanni Anastasi Befähigung und Musse, als eigentlicher belletristischer Schriftsteller auf den Plan zu rücken. Während. Aus der Zeit der vorwiegenden Schultätigkeit eine Reihe geschätzter Lehrbücher für mathematisch-naturwissenschaftliche und für Handelsfächer sowie ein allgemeines Lesebuch hervorgegangen waren, erschienen nunmehr im Verlage von Alfredo Arnold in Lugano beachtenswerte Beiträge zur schönen Literatur: Nostranelle, La seconda giovinezza, und in neuer, eigener Auflage „il mangiacomune“. Man glaubte am besten daran zu sein und sich auf Weitere literarische Schöpfungen seines Geistes freuen zu dürfen, als am 5. Juni 1926 die Nachricht von seinem plötzlichen Hinschied seinen Kanton und das Schweizerland durcheilte und in aufrichtige Trauer versetzte. Über der Altstadt Lugano, im sonnenbestrahlten Hause mit den Palmen ringsherum war er, 65-jährig, einer Lungenentzündung erlegen. Dem literarischen Schaffen ward jählings ein Ziel gesetzt; um so wärmer gestalteten sich die Huldigungen, die männiglich unter seinen Verehrern dem Gedächtnis des grossen Erziehers und grossen Patrioten darbrachte, „dem edlen Herzen und der hochgesinnten Persönlichkeit“, wie man im Nekrolog der ,,Basler Nachrichten” las.” Seine Schriften und Bücher werden seinen Geist hinieden fortleben lassen!“