Ascona, Ristorante Verbano

Vater Meraldi, er stammte aus Bormio, kaufte 1890 die Liegenschaft an der Via Borgo und eröffnete die „Osteria Verbano“, ein einfaches Gasthaus. Während des Ersten Weltkriegs übernahm die Tochter, Gisela Meraldi, das Lokal und taufte es in „Caffè Verbano“ um. Ihre Schwester Federica, Fede genannt, sie arbeitete ihm Service, muss eine aussergewöhnliche Person mit legendärer Anziehungskraft auf Künstler und andere Gäste gewesen sein. Das Verbano wurde zum Treffpunkt der Künstler und Intellektuellen deutscher Sprache. 1924 fand dort die erste Ausstellung der Künstlergruppe "Der Grosse Bär" statt. 1935 heiratete Fede einen schottischen Golfspieler und begab sich mit diesem auf ihre Lebens- und Weltreise. Das Verbano blieb, besonders auch für die Emigranten des Zweiten Weltkriegs, Ort der Begegnung. Im Jahr 1938 wurde das Lokal an Ermenegildo Sasselli, einen Asconesen, verpachtet. Aus dem Caffè wurde ein Speiselokal, das als eines der ersten in Ascona bis um ein Uhr morgens geöffnet hatte. Das kam den Künstlern, vor allem den vielen Nachtmenschen unter ihnen, gelegen. Auch die für Asconeser Verhältnisse reichhaltige Speisekarte sorgte für Zulauf, und die Kerzen auf dem Tisch, die Künstlerportraits und –karrikaturen an den Wänden und die freundliche Bedienung. Auf behördliche Anweisung wurde das Verbano von „Caffè“ in „Ristorante“ umgetauft.  1960 kam Bernadette, geborene Walliserin und spätere Frau von Alessandro, Ermenegildos Sohn. Sie kümmerte sich um die Gäste, wie es einst Fede tat. 1975 hörten die Sassellis auf, im Verbano zu wirten. Das Lokal wurde mehrmals weiter verpachtet und mit jedem weiteren Mal verlor das Verbano mehr von seiner Anziehungskraft für Kulturschaffende. Heute ist es ein Ristorante unter Dutzenden in Ascona, zur Zeit gerade ein asiatisches. An den einstigen Glanz und Glamour erinnern nur noch Namen. Namen wie Werner Bergengruen, Marlene Dietrich, Ivan Desny, Paulette Goddard, Hermann Hesse, Henry Jäger, Horst Lemke, Albert Lindi, Lotar Olias, Erich Maria Remarque, Fred Werner oder Helmut Zacharias. Und bald wird niemand mehr wissen, wo das Verano überhaupt war ...

Hier eine Auswahl von Fotografien aus dem "Verbano" und seinem Gästebuch, freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Frau Bernadette Sasselli-Imhof, Ascona.

Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 96/2, vom 21. Mai 1966, Neue Kommandobrücke, von Giovanni: „Wer kennt es nicht, das Caffè Verbano mitten im Borgo, Rendezvous der Künstler und der Prominenz! Seit ungefähr einem Monat hat sich etwas geändert im Verbano. Eine neue Kommandobrücke, etwas breiter, länger und moderner wurde installiert. In der Mitte thront eine supermoderne, elektronisch gesteuerte Olympia. Fast scheint es, als wäre sie das Hirn der Kommandobrücke, der Kompass, mit ihren glänzenden Hebeln und Knöpfen. Man muss nur ganz leicht an einem schwarzen Knopf drehen und schon sprüht das köstliche heisse Gebräu Arabiens in vorgewärmte Tassen. Die auf Hochglanz polierte gerippelte Maschine strömt erst noch Wärme aus und wer friert, kann sich in ihrer Nähe wärmen.
Kapitän Sandro der „M/S Verbano“ assistiert von Admiral Gildo, kommandiert von seiner Brücke aus souverän das Schiff, guckt mit Sperberaugen in die Weite, damit ja keiner seiner Gäste an Bord Hunger oder Durst leide! Hie und da zieht er eine der leise auf Kugellager rollenden und gekühlten Schubladen heraus, um ein Glas kühlen Fendant oder Johannisberg auszuschenken oder er dreht an einem vernickelten Hahnen, um herrlich kühles Lager-Bier der „Birreria Nazionale“ – offen vom Fass – langsam in den Becher rinnen zu lassen. „Ben fresco“ würde Carlo, der Übersetzer kommentieren. Auch gutes Pilsener der König Brauerei aus Duisburg-Beeck hält der Kapitän am Lager, denn wer vieles hat, kann allen etwas bieten!“