roccolo
Buchumschlag, 1941

Der "Roccolo von Ascona"

Der „Roccolo“ in Ascona steht unterhalb des Monte Verità, in etwa auf dem Koordinatenschnittpunkt 702700/112800, in einer grossen Anlage, umgeben von hohen Mauern – er ist von aussen nicht zu sehen. Ursprünglich diente er, wie die vielen anderen Roccoli in der Südschweiz, der Vogeljagd. Ein typischer Roccolo war zwischen 10 und 15 Metern hoch, mit mehreren, über Aussentreppen erreichbaren Stockwerken. Der Dachstock verfügte über grössere Öffnungen, die den Jägern ihr Handwerk erleichtern sollten. Die Roccoli standen an Orten, wo erfahrungsgemäss viele Vögel vorbeizogen. In Käfigen gehaltene Lockvögel pfiffen ihre Artgenossen herbei. Sobald sie ihren Flug unterbrochen hatten, wurden sie von ihren Jägern im Turm aufgeschreckt und ein Teil von ihnen verfing sich in den Netzen, die in Bäumen und Büschen rund um den Roccolo aufgespannt waren. Das bedeutete ihr sicheres Ende. Sie landeten als Delikatessen in den Pfannen der Tessiner. 1875 erliess die Tessiner Regierung, nicht zuletzt auf Druck der Eidgenossenschaft, ein Verbot für die Vogeljagd. Ein Verbot, das nicht leicht durchzusetzen war, weil die Tessiner Bevölkerung sich dadurch von ihren Miteidgenossen bevormundet und in ihrer Lebenskultur beschnitten fühlte. In Werner von der Schulenburgs „Briefe vom Roccolo“ steht zu diesem Thema: „Die Signora Giardino sprach: „Es ist ein alter Vogelturm der Giardino, den die Vorfahren jahrhundertelang als Jagdturm benutzt haben. In der hohen Baumgruppe, vor dem Turm, hingen Netze. Die Lockvögel sassen oben im Turm. Dann kamen die Zugvögel – brr – und flogen in die Netze. Die andern, die nicht hinein flogen, wurden vom Turm aus geschossen. Oft haben sie zwei- bis dreihundert Vögel am Tag erlegt. Ach, waren das Zeiten.“ – In mir regte sich der Nordländer. Sie erinnern sich, liebe Freundin, dass uns in den Schulen diese Art des Vogelmordes immer als typisch südländische Grausamkeit hingestellt wurde ... Madame Giardino sah mich erstaunt an. Nach einiger Zeit meinte sie ruhig: „Essen Sie keine Fische? Was den Fischen recht ist, sollte den Vögeln billig sein. – Aber die Fische schreien nicht, wenn sie sterben müssen. Nicht wahr?“
Mit dem Eintreffen der „Naturmenschen“ auf dem nahen Monte Verità dürfte er als Wohnhaus interessant geworden sein. 1905 zog Käthe Kruse, die später berühmt gewordene Puppenmacherin aus Deutschland, mit ihren beiden Töchtern ein. Zuvor lebten sie in einer Lufthütte auf dem Monte Verità. In ihrem Buch „Das grosse Puppenspiel“ beschrieb sie ihr neues Zuhause: "Der Turm liegt mitten im Weinberg, eine Viertelstunde von der nächsten menschlichen Behausung entfernt". Kruse blieb bis 1910 in Ascona, bevor sie zu ihrem Mann, dem Künstler Max Kruse, nach Deutschland zurück zog. Gräfin Franziska von Reventlow schrieb in einem Brief an Max Stern von September 1912: „Dank für ihr letztes Schreiben – ich stieg damit zum Roccolo und dachte, nun muss ich gewiss noch vieles ändern, dann aber machte es mich sehr glücklich, und ich hoffe nun, der Schluss ist dadurch ganz gut zusammengegangen.“ Ab 1919 behauste der bereits zitierte Schriftsteller Werner von der Schulenburg als ein weiterer Prominenter den Roccolo, er erwarb ihn von der Signora Giardino. Sein Familienwappen ziert noch heute den Roccolo. Schulenburg lebte bis 1934 im Roccolo, dann zog er weiter ins Valle Onsernone.
Wer heute in Ascona die „Strada del Roccolo“, hochgeht, sich umschaut und sich vorstellt, dass man hier einst „eine Viertelstunde von der nächsten menschlichen Behausung entfernt“ lebte, staunt. Unter mehreren Titeln.
Ein sehr gut erhaltener Roccolo befindet sich in Agra, nahe der Strasse, die zum ehemaligen Sanatorium führt.

Unten eine Fotografie vom Roccolo auf dem Areal des heutigen Golfplatzes in Ascona, aufgenommen von Peter Riesterer.