ascona teatro san materno

San Materno, Castello und Teatro

Peter Riesterer zitierte Charlotte Bara: "Mein Vater hatte 1910 einige Ferientage in Locarno verbracht. Es gefiel ihm in dieser bezaubernden Landschaft so gut, dass er 1919 das Castello San Materno, das dem französischen Conte de Loppinot, einem hohen Offizier gehörte, kaufte. Das Schloss wurde nur von einem Hauswart, dessen Frau und von Eulen und Siebenschläfern bewohnt. Der Graf, in Ascona sehr beliebt, gehörte dem Malteser-Orden an. Im Innern des Schlosses befindet sich heute noch eine Kapelle mit einem Fresko aus dem 12. Jahrhundert in der obergeschossigen Apsiskalotte: Christus in der Mandoria, umgeben von Evangelistensymbolen. Leider ist es teils ergänzt und übermalt worden. Da der Graf niemanden in sein Haus liess, erstellte er davor eine weitere Kapelle, wo ein Priester täglich die Messe zelebrierte. Graf de Loppinot stand in bestem Einvernehmen mit meinem Vater, den er für einen Belgier hielt. Die belgische Nationalität wurde ihm angeboten, allein die guten Gefühle, die mein Vater für sein Gastland empfand, glaubten ihm zu genügen. Meine Eltern bezogen das Castello im grossen, tropischen Garten und liessen es durch den Architekten Paul Henning einrichten. Dieser baute in den Salon, der für meine ersten Auftritte in Ascona vorgesehen war, einen grossen Divan für die Zuschauer. Auch ein Flügel stand drin. Im Spätherbst 1919 kam Rainer Maria Rilke und wollte für einige Zeit im Castello wohnen. Meine Eltern hatten ihn auf Veranlassung von Alexej von Jawlensky, der damals schon ein bekannter Maler war, und Heinrich Vogeler, der später von Fontana Martina bei Ronco nach Russland zog, und dort elend zu Grunde ging, eingeladen, damit Rilke ungestört in Ruhe arbeiten könne. Rilke kam in ein Haus ohne Heizung, noch ungemütlich möbliert, in ein Haus mit Steinböden. Es war kalt. Er sah sich um und reiste gleich wieder ab. Das Castello war früher einmal Sommerresidenz der Domherren von Mailand und San Materno..."
Das "Teatro San Materno" wurde in den Jahren 1927-1928 im Auftrag von Paul Bachrach, dem Vater von Charlotte Bara, vom Bremer Architekten Carl Weidemeyer konzipiert und erbaut. Ein Theater mit 100 Sitzplätzen. Es war der erste klassisch-moderne Kulturbau der Schweiz. Charlotte Bara nutzte ihr Theater bis Ende der 50er Jahre. Im "San Materno" traten unter anderem auf: Elsie Attenhofer, Therese Giehse, Erika Mann, der Clown Dimitri und Werner Finck. Bara vermachte das Theater der Gemeinde Ascona, die das Haus dem Zerfall preisgab. Es folgte ein jahrzehntelanges Ringen zwischen Kulturinteressierten und Asconeser Behörden um die Rettung des Theaters, bis es schliesslich 2009, in neuem Glanz erstrahlt, wiedereröffnet wurde.