bianconi giovanni
Leopold Biberti, Schauspieler

1894-1969, geboren in Berlin, gestorben in Frankfurt am Main

Sohn eines französischen Opernsängers und einer Pianistin. Biberti begann als „Wunderkind“ im Alter von acht Jahren Pianokonzerte zu geben. Diese Karriere wurde durch sein rasches Wachstum abgebrochen, mit 13 Jahren war er 1.82 Meter gross. Schauspielunterricht in Berlin. Er nahm in Bern Wohnsitz, wo er Schweizer Bürger wurde und den Berner Dialekt erlernte. Nach dem Ersten Weltkrieg Engagements in Deutschland, 1934 Rückkehr in die Schweiz. Verschiedene Tätigkeiten als Bühnen- und Filmschauspieler. Biberti spielte 1955 zusammen mit Hannes Schmidhauser in „Ueli, der Pächter".

Aus dem "Ferien-Journal" Nr. 114/4 vom 6. Juli 1968, Asconeser-Künstler, Zu Besuch bei Leopold Biberti, Schauspieler, von Doris Hasenfratz: „Seit dreissig Jahren wohnt Leopold Biberti in Ascona, sofern er nicht auf Tournée ist. Wenn ein bedeutender Schauspieler vom Rang Bibertis aus Hollywood nach Ascona käme, um Biberti zu besuchen, würde er sich wundern, dass ein so bekannter Bühnenkünstler nicht in einer Villa im Hollywoodstil mit Schwimmbassin und Sonnenuhr an der Wand wohnt. In Bibertis Garten stehen auch keine mit Polstern ausgestatteten Sitzschaukeln. Statt dessen steht man vor einem einfachen Tessinerhaus, umgeben von Bäumen. Das Haus, so sagte mir Biberti, war früher ein Pferde- und Hühnerstall, den er seinen Bedürfnissen entsprechend umbauen liess.

Biberti stammt aus einem Milieu, das seine Berufswahl entscheiden beeinflusst hat. Sein Vater, Franzose, war Ende der achtziger Jahre ein bekannter Sänger, der in Berlin, Wien und in andern Opernhäusern grosse Rollen sang. Er hatte keine besondere fachliche Schulung genossen, aber von der Natur hatte er eine reiche wohlklingende Stimme und Talent zum Gesang mitbekommen. Als er später von jüngeren, technisch durchgebildeten Sängern in den Hintergrund gedrängt wurde, sah er sich nach einem andern Tätigkeitsfeld um und wurde Sprachlehrer für französisch. Zu seinen Schülern in Berlin gehörte der spätere Kaiser Wilhelm II., zu jener Zeit noch Kronprinz. Ihm verdankte er es, dass er bei Ausbruch des ersten Weltkrieges, obwohl Franzose, zuerst noch unbelästigt in Berlin bleiben konnte. Bibertis Mutter war Pianistin und die musikalische Begabung der Eltern hat sich auf ihn vererbt. Er bekam Klavierunterricht und im Alter von acht Jahren schon fing seine Karriere als Wunderkind an. Da er Fingerfertigkeit besass und seine Hand eine Spannweite von dreizehn Tasten umfasste, konnte er schon als Kind Liszt spielen, zahlreich waren die Konzerte, in denen er öffentlich aufgetreten ist. Seine Wunderkindkarriere wurde jedoch jäh abgebrochen, weil er so rasch wuchs, dass er mit 13 Jahren die Grösse von 1.82 m erreichte und dadurch erwachsen wirkte. Aber auch die Gabe der Schauspielkunst war ihm in die Wiege gelegt worden. Ein Stipendium ermöglichte ihm eine einjährige Ausbildung in Berlin, dann trat er in Bern seine Bühnenlaufbahn an.

Zweisprachig aufgewachsen, war Bern für ihn die ideale Stadt. Hier erwarb er das Schweizerbürgerrecht und lernte auch schweizerdeutsch. Während seiner jahrzehntelangen Bühnenlaufbahn hat Biberti sich sein Naturtalent – unverdorben und durch keine Vorbilder beeinflusst – zu erhalten gewusst. Es gibt kaum eine Rolle im Theaterrepertoire, die er nicht gespielt hat. Er spielt den jugendlichen Held so überzeugend wie den alten Mann, er übernahm Charakterrollen, spielte Liebhaber- und komische Rollen. Er spielt in der Schweiz und in Deutschland und da er auch das Französische beherrscht, gastiert er auch in Frankreich und der welschen Schweiz. Die von ihm am häufigsten gespielte Rolle ist Othello. Er wirkt aber auch in modernen Stücken mit, z.B. von Dürrenmatt und Anouilh.

Nach dem ersten Weltkrieg fuhr er vorübergehend nach Deutschland, dort spielte er u.a. in Berlin, Hamburg und Stuttgart. 1934 kehrte er wieder in die Schweiz zurück.

Biberti ist sehr wahrheitsliebend, er sagt von sich: „Ich bin empfindlich gegenüber jeder Unechtheit, gleich ob sie bei einem Autor, einem Regisseur oder bei einem Schauspieler vorkommt“. Diese Wahrheitsliebe hat ihren Grund. Biberti war wie viele Schauspieler einmal sehr eitel, er litt darunter und hat schliesslich diese Eitelkeit durch Selbsterziehung überwunden und sie durch die Liebe zur Wahrheit ersetzt. Aus diesem Grund ist er andern Menschen gegenüber in dieser Beziehung so überaus empfindlich. Kein Wunder, dass ihm mit der Zeit die Verlogenheit und die Intrigen des Theaterbetriebes zuwider wurden. Deshalb hat er auch seit fünfunddreissig Jahren keinen festen Vertrag mehr abgeschlossen, der ihn einem Ensemble verpflichtet hätte. Er gibt Gastspiele oder stellt eigene Tournées zusammen. Bei dieser Arbeitsweise fühlt er sich freier. Selbstverständlich hat Biberti auch bei vielen Filmen mitgewirkt. Auch das Fernsehen hat ihn geholt, obschon er nicht mit Begeisterung vor der Fernsehkamera steht, weil er durch den Regisseur in seinen Ausdruckswünschen gehemmt wird.

Auf meine Frage, wen er für den bedeutendsten Regisseur halte, antwortete er: „Trotz aller jungen Begabungen – Kortner, ich weiss, dass er auf der Bühne ein Diktator ist, aber er ist eine so bedeutende Persönlichkeit, dass man sich ihm gerne fügt“.

Biberti lässt sich nicht gegen die eigene Auffassung eines Stückes beeinflussen. Die grossen Erfolge hat er erzielt, wenn er seine Rolle frei gestalten konnte oder einen Regisseur hatte, der mit seiner Auffassung übereinstimmte. Biberti arbeitete gern mit Lindtberg und Düggelin. Eine lustige Geschichte ist ihm einmal in Frankreich passiert. Er spielte bei Barrault in Lyon den „Othello“, es war ein Riesenerfolg. Kurz darauf spielte er die gleiche Rolle in Paris. Aber da war nicht Barrault am Werk, sondern ein Regisseur, der eine ganz andere Auffassung des „Othello“ hatte. Das Resultat war furchtbar. In einer grossen Pariser Zeitung stand dann über den Hauptdarsteller: „Da kommt ein Schweizer Bauer und will Shakespeare spielen!“

Biberti geht selten als Zuschauer ins Theater. Ist es ein schlechtes Stück ärgert er sich, ist es ein gutes, ärgert er sich ebenfalls und zwar, weil er nicht mitspielen kann.

Auf die Frage, welchen Beruf er wählen würde, wenn er nicht Schauspieler geworden wäre, antwortete er: „Ingenieur“. Dies glaubt man ihm gerne, wenn man einen Blick in seine Werkstätte tut. Da stehen viele Bastelgeräte, Filmapparate (er hat eine Zeit lang Dokumentarfilme gedreht) Tonbandgeräte und ein grosses Fernohr. Die Astronomie ist sein liebstes Hobby. Wenn er den Sternenhimmel beobachtet, eröffnet sich ihm eine Welt, die die Gedanken um wesentlichere Dinge kreisen lässt als die Illusionen eines Theaterstückes. Es ist ausserdem eine Welt, die von Gesetzmässigkeit zeugt und wirklich ist. Mn könnte annehmen die Vorliebe für die Astronomie hänge bei ihm mit der Liebe zur Genauigkeit und Wahrheit zusammen. Als ich dieses erwähnte, sagte er: „Entschuldigen Sie, aber auch die Oberflächlichkeit der Presse kann einem die Arbeit verleiden. Ich will Ihnen ein Beispiel erzählen. Was war in München bei der Generalprobe zum Film „Rosa Bernd“, Käthe Gold spielte die Hauptrolle, Maria Schell spielte auch mit. Als die Presseleute mit ihren Apparaten im Filmatelier erschienen, kümmerten sie sich überhaupt nicht um Käthe Gold, die Hauptdarstellerin, die genial in ihrer Leistung war, sondern richteten ihre ganze Aufmerksamkeit auf Maria Schell, die gerade eine ganz unwichtige Szene spiele. Da man aber mit Maria Schell, die ich seit Beginn ihrer Laufbahn kenne, und als sehr begabte Schauspielerin schätze, zügigere Schlagzeilen machen kann, übersah man die künstlerische Leistung der Gold vollkommen. Was mich stark beeindruckte war die Tatsache, dass die Techniker, die die Scheinwerfer bedienten, und den Vorfall genau beobachtet hatten, wegen der Nichtbeachtung der Gold durch die Presseleute, Tränen in den Augen hatten!“

Für das Jahr 1968 hat Biberti keinerlei Theaterpläne, denn er möchte gerne einmal Pause machen. Er arbeitet fürs Radio und will in den Monaten Oktober und November mit dem Schiff nach Australien fahren, um seine Tochter zu besuchen, die dort in Perth lebt. Bei dieser Gelegenheit dürfte wieder seine alte Liebe zum Dokumentarfilm aufflammen, ohne ihn gefragt zu haben bin ich sicher, dass er diese Reise nicht ohne Kamera antreten wird. Gute Reise, bon voyage, buon viaggio - !“