Alice Braun
Alice Braun, Lyrikerin und Malerin

„Brückenbauer“ vom 20. März 1985: Alice Brauns Lyrik und Malkünste – Ist im südlichen Tessin von dichtenden und malenden Frauen die Rede, dann erinnert man sich an Marianne von Werefkin, die sich in Ascona vor längst verflossenen Jahrzehnten niederliess und als Malerin weltbekannt wurde. Um 1908 gehörte sie zum Kreis um Alexej Jawlensky, Wassily Kandinsky und Gabriele Münter in Murnau bei München, aus dem später der Kreis „Der Blaue Reiter“ hervorging. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind aus der deutschen Schweiz und aus Deutschland zahlreiche Schriftstellerinnen und Malerinnen ins Tessin gezogen, u. a. die Schwestern Kobel nach Brissago. Gemeinsam haben Betty die Autorin und Verena. die Zeichnerin und Malerin, Bücher ihrer „Begegnungen im Lande der Kamelien“ herausgegeben. Im Nachbardorf über den Inseln lebt von der mondänen Welt zurückgezogen die Bündnerin Alice Braun. Man ist ihr früher in Zürich im Pressezentrum der „Saffa“ (1958) begegnet. Der „Tages-Anzeiger“, Bündner- und Ostschweizer Zeitungen veröffentlichten ihre Gedichte, damals, als die Feuilletonseiten vorwiegend einheimisches Schriftgut förderten. Alice Braun ist ein Nachtmensch. Sie malt die abstrakten, in lichten Farben gehaltenen Bilder in einem alten Tessinerhaus, dessen obere Etage sie bewohnt. Ausgestellt hat sie verschiedentlich schon, in Zürich-Leimbachs Quartiermuseum, im Centro culturale Ascona, an den Sommerkunstwochen in Roncos „Centro“. Ihr normaler Tagesablauf besteht aus Lesen, Spaziergängen in ein weit vom Dorf abgelegenes Café, wo sie mit Gleichgesinnten diskutiert, aus Haus- und Gartenarbeiten. Bücher mit Biografien, Indianerweisheiten, Romane der Weltliteratur stapeln sich im Raum. Ihr Frühstück besteht aus zwei Tassen Espresso in der Dorfschenke, wo sie die Zeitungen liest. Sie beschäftigt sich mit Umweltproblemen und tut vieles zum Schutz der Tiere. Ihre Gedichte sind  gehobene, moderne Lyrik. Die Bündner können sie in ihren Zeitungen und Zeitschriften lesen:
Wunsch
Dort Atmen
wo Grenzen
im hellen Horizont zerfliessen ...
Geheimanis sein
in farberglühten Wiesen,
im trügerischen Schweigen
des Vulkans ...
Des trägen ICHs enthoben
wär mein Sinn
wie Welle, Wind über Weiden,
wie Tanz der Flamme
und mein Wissen um das Leiden
Spiegelung vergessenen Wahns.
Der neue Tag ist längst angebrochen, wenn sie sich zum Schlaf zurückzieht um neue Kräfte für ein schöpferisches Schaffen und einen fruchtbaren Lebensabend zu sammeln. Die Dichterin und Malerin Alice Braun ist in Aussage und Form eine moderne, aufgeschlossene Zeitgenossin. – Peter Riesterer

Das folgende von Ihrem verstorbenen Gatten Peter im Dezember 1994 verfasste Dokument mit dem Titel "Donna Alice" wurde uns freundlicherweise von Frau Verena Riesterer zur Verfügung gestellt. Bei der im Text beschriebenen "Donna Alice" handelt es sich um Alice Braun, die in Ronco s/Ascona lebte.
"Peter P. Riesterer, DONNA ALICE, direkt in die Maschine geschriebener erster Entwurf, "Was ich noch zum Jahresende sagen wollte ..." - Siehe Bild unten.