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Jacques Brunet, Maler

Aus dem "Ferien-Journal" Nr. 132/6, vom 15. August 1970, Asconeser-Künstler, Jacques Brunet, Maler in Ascona, von Lp: "Auch heute noch in einer Zeit, in der Publizität gross geschrieben wird, gibt es Künstler, die bescheiden und intensiv in aller Stille arbeiten und Bedeutendes leisten. Viele von ihnen schrecken vor dem „Kultur-Rummel“ zurück oder scheuen sich ihre Werke der Öffentlichkeit zu präsentieren. Einer dieser Künstler, der in aller Bescheidenheit mit seiner Familie in Ascona lebt und hier arbeitet, ist der französische Maler Jacques Brunet. Äusserlich entspricht er dem landläufigen Bild eines Kunstmalers: kräftig gebaut, Bart, pfeife oder starke französische Cigaretten rauchend, irgendwie weltfremd, hoch in den Wolken seiner eigenen Welt lebend und sich nur da der Wirklichkeit erinnernd, wo es um seine Familie oder um seine Existenz geht.  
Ich habe in meinem Leben schon viele Maler persönlich kennen gelernt, echte und auch solche, die glauben, grosse Künstler zu sein und solche, die glauben ihr „Künstlertum“ mit skurrilen Allüren dokumentieren zu müssen. Von Jacques Brunet jedoch, habe ich einen positiven und nachhaltigen Eindruck gewonnen, obwohl ich nur einen kleinen Ausschnitt aus seinem Schaffen zu sehen bekommen habe.
Jacques Brunet ist vielseitig und zudem in seiner künstlerischen Überzeugung stark genug, um sich nicht ängstlich  einer Stilform oder Modeströmung zu verschreiben; er ist innerlich stark genug, so zu malen, wie es  i h m  und nicht, wie es den andern gefällt, obschon er dadurch wahrscheinlich bei vielen auf Ablehnung stösst und damit auch mit materiellen Schwierigkeiten zu rechnen hat. Er ist aber auch stark genug, um diese Schwierigkeiten auf sich zu nehmen, denn es geht ihm nicht um sich, sondern einzig um die künstlerische Aussage, um Form und Ausdruck. Er ringt um Bestes zu leisten und was dabei herauskommt, steht über dem Alltäglichen, steht selbst über Zeitgeschmack und Mode. Für seine Aussage sucht er eine klare künstlerische Form, ohne sich einer bestimmten Richtung oder Anschauung verpflichtet zu fühlen. Diese unakademische Art gibt seinem Werk auch die Mannigfaltigkeit und verleiht ihm bleibenden Wert. Man wird sich fragen, wieso ein solcher Mann selbst im kunstbeflissenen Ascona relativ unbekannt bleibt. Die Antwort auf diese Frage liegt wohl in unserem Zeitgeist begründet, zum Teil auch in der Oberflächlichkeit, aber auch Zeitmangel mag eine Rolle spielen, der Kunstfreund hat sich daran gewöhnt, in den Kunstausstellungen Umschau zu halten, kaum einer sucht einen Künstler persönlich auf, um seine Wahl zu treffen. Andere wieder kaufen Kunstwerke nur als Kapitalanlage und halten sich an berühmte Namen. Vielen fehlt der Sinn für die Kunst, weil sie zu bequem sind, sich damit zu befassen; aber auch der Kunstgenuss fällt einem nicht umsonst in den Schoss. So sind die Werke von Jacques Brunet vielen unzugänglich. Man findet in seinen Werken keinen Bluff, kein sich hinter übergrossen Dimensionen, grellen Farbklecksen und schockierenden Zusammenstellungen mühsam verstecktes Nichtskönnen. Was Brunet malt, hat etwas zu sagen, ist gut, wirklich gekonnt und empfunden. Wohl ist der Betrachter dieser Werke versucht, Verbindungen oder Verwandtschaften, Ähnlichkeiten in der Technik mit anderen Malern zu suchen, aber Brunet hat weder kopiert, noch versucht, sich in der Glorie anderer zu sonnen. Er bleibt bis ins kleinste Détail sich selbst, sich und seiner künstlerischen Überzeugung treu, obschon man manchmal glauben könnte, es nicht mit den Gemälden eines einzigen, sondern denen von mindestens drei Künstlern zu tun zu haben, so verschieden ist Brunets Darstellungskunst, so weit gespannt der Bogen seiner Ausdrucksformen. Brunet ist ehrlich, den andern, wie auch sich selbst gegenüber. Wenn er anklagt, dann klagt er nicht die „bösen Andern“, sondern sich selbst an. So überaus sympathisch der Kontakt mit Brunet ist, so sympathisch, einnehmend und grosszügig sind auch seine Werke. Man kann sich diesem seltsamen Zauber nicht entziehen, er und seine Bilder sind eins, seine Werke sind mit seinem Wesen identisch. Brunets starke Persönlichkeit hat seine Bilder geprägt und umgekehrt ist es seine Arbeit, die ihn formt und ihn verpflichtet.
Brunets Werke sind zeitlos, ihrer Aussagen, ihrem Problemkreis entsprechend zeitlos. Alles, was wesentlich, was wirkliche Qualität und ehrliches Streben nach Vollkommenheit verrät, ist zeitlos. Der Mensch braucht das Zeitlose, um nicht am Wahnsinn des Zeitgebundenen zu verzweifeln. Brunets Werke sind nicht für Roboter geschaffen, sondern für Menschen, die sich Zeit nehmen zu schauen, für Menschen mit wachem, kritischem Geist. Für den, der nach Bleibendem und nach Wahrem sucht. Diese Bilder sind das Resultat bewusst geleisteter Arbeit, einer Arbeit, die nicht zu allererst nach preis und Rendite fragt, sondern die aus klarer Überzeugung und dem Bemühen Bestes zu schaffen, geleitet worden ist. Brunet wagt es, dem unseligen Zeitgeist mutig entgegenzutreten und nach unvergänglichen Werten zu streben. Brunets Werke sind auch dekorativ, ohne deshalb an Gehalt einzubüssen, sie können und müssen gefallen. Möge das Kunstbewusstsein Jacques Brunets gleich dem Leitpfahl der aus den Schneemassen einer verschneiten Strasse herausragt, dem Suchenden zeigen, wo der Weg durchgeht."