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in Ronco s/Ascona
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Bucherer, Holzschnitt von Hermann Hesse, 1948
Max Bucherer, Grafiker und Illustrator

1883-1974, geboren in Basel, gestorben in Ronco s/Ascona

Elftes Kind einer Kaufmannsfamilie aus Basel. Einer seiner Brüder war Carl Friedrich Bucherer, der sich in der Uhren- und Schmuckbranche einen Namen machen sollte. Jugend in Basel, frühe Freundschaft mit Hermann Hesse. Studien in München. 1905-1907 Wohnsitz in Gaienhofen am Bodensee, Hermann Hesse verschaffte ihm eine Stelle als Kunsterzieher in einem Mädcheninternat. Ab 1908 war Bucherer als Lehrer an der Kunstgewerbeschule in München tätig. 1909 Heirat mit Else Feustel, das Paar hatte fünf Töchter und einen Sohn. Im Ersten Weltkrieg Dienst als Füsilier am Gotthard. 1915 wurde er auf Antrag eines Österreichischen Offiziers als „Zeichner-Berichterstatter“ im österreichischen Kriegsgebiet eingesetzt. Nach dem Krieg Bezug einer Wohnung im „Brahmshaus“ in Rüschlikon, später im „Haus auf dem Hügel“. Tätigkeit als Textilfachlehrer an der Kunstgewerbeschule Zürich. Berufung als „Professor für Zeichnen“ an das Kantonale Knabengymnasium in Bern. 1931 Scheidung, 1934 Heirat mit der 30 Jahre jüngeren Käti Bosshard, mit der er eine Tochter hatte. 1945 liess sich Bucherer vorzeitig pensionieren und zog mit seiner Familie nach Ronco s/Ascona wo er in einem zum Atelier umgebauten alten Stall neben der Kirche malte.

Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 118/8, vom 5. Oktober 1968, Seine Bilder lassen Blinde sehend werden.... MABU – der Malerpoet von Ronco am Lago Maggiore, von Paul Rothenhäusler: „Max Bucherer, der dieses Jahr in seiner Künstlerklause in Ronco seinen 85. Geburtstag feiern konnte, wird von seinen Freunden MABU genannt, und bei der Nennung dieses Namens erinnern sich zweifellos viele ehemalige Schüler der Kantonsschule Zürich an ihren Professor, bei dem bis 1947 viele Gymnasiasten in die Grundregeln des Zeichnens eingeführt wurden und wertvolle künstlerische Anregungen erhielten.
Vor zwanzig Jahren zog MABU von Rüschlikon nach Ronco. Aus einem verlotterten Stall baute er nach eigenen Plänen ein Atelierhaus, das seine Besucher derart begeistert, dass er sich oft als Amateurarchitekt betätigen musste. Im Hauptberuf blieb er Maler, besser gesagt, wurde er nach seiner Pensionierung erst so richtig jener Poet der Farbe und der Form, als den ihn heute ein treuer Kreis im In- und Ausland verehrt. Die Zeichnungen und Aquarelle der vierziger und fünfziger Jahre zeigen noch die Bravheit des konventionellen Zeichenlehrers. MABU lächelt heute darüber, so wie er überhaupt über sich selbst und frühere Etappen seines Lebens lächeln kann.
Das Verständnis für die Künstlerpersönlichkeit des Malerpoeten von Ronco, der übrigens so verschiedenartige Menschen wie Hermann Hesse und Gottlieb Duttweiler zu seinen Freunden zählte, wird uns erleichtert, wenn wir erfahren, dass er ein Urbasler ist und dass er seinen Heidenspass am Skurrilen, an Fabelwesen und an jenem anekdotischen Element hat, wie es heutzutage aus leerem Formalismus heraus oft mit Verachtung bestraft wird. Anlässlich der 100-Jahr-Feier des Zürcher Gymnasiums im Jahre 1933 hat er von dreissig seiner Kollegen höchst originelle Porträt-Karikaturen gezeichnet. Von seinen Reisen nach Nordafrika brachte er immer wieder neue Impressionen der weiten Welt mit heim nach Ronco.
Bei der Überschwemmung der Maggia fand MABU Äste und Wurzelstrünke, welche von Wasser, Wind und Sand glattgewaschen und gebleicht waren. Unter Anwendung sparsamster Mittel vollendete der damals 75-jährige, was die Natur vorgebildet hatte. Die grotesken und lustigen Gesichter und phantastischen Gestalten, die so entstanden, sind charakteristisch für das Schaffen des Künstlers.
Als Achtzigjähriger stellte er erstmals in einer Sonderausstellung in Essen aus. Im gleichen Jahr folgte die Schau in der städtischen Kunstkammer im Zürcher Strauhof. Im September 1962 stellte er in der Galleria Casa Serodine in Ascona aus. Zwischen 1963 und 1966 wurden einzelne seiner Werke in Galerien von Lindau, Lahr, Toronto, Mailand, München und Paris gezeigt. Liebhabern und Kritikern hat es vor allem seine 1960 einsetzende Periode angetan. Draht, Nägel, Sackleinen und andere Materialien geben seiner nie versiegenden Phantasie neue Nahrung und inspirieren ihn zu Gebilden von eigentümlichen Kontrasten – etwa von Zartheit und Schrecken, von Verschmitztheit und Traurigkeit.
Im Frühling 1966 erhielt er den Besuch von zwei blinden Damen aus Deutschland. Beim Betasten seiner Bilder, die durch ihre erhobenen Konturen und Flächen den Tastsinn sehr anregen, erzählten sie dem Maler so erstaunliche Dinge, dass spontan der Gedanke einer „Ausstellung für Blinde“ auftauchte. Der Blindenverband Nordrhein-Westfalen hat eine Ausstellung arrangiert. Auch in der Schweiz ist man mittlerweilen auf den „neuen MABU“ aufmerksam gemacht worden. An einer Ausstellung, welche die Eingliederungsstelle für Sehbehinderte in Basel eingerichtet hatte, konnten Blinde einige Werke des Malers auf ihre introvertierte Art sehen, d.h. betasten.
MABU freut sich aufrichtig über das lebhafte Interesse, welches seine Bilder bei der internationalen Blindenwelt gefunden haben. Seit dem Besuch der blinden Damen hat er neue Arbeiten in Angriff genommen. Viele blinde Menschen freuen sich jetzt schon auf die nächste Ausstellung von MABUs abtastbaren Bildern, die auch für die Sehende einzigartige Kunstwerke sind.