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Jakob Bührer, Journalist und Schriftsteller

1882-1975, geboren in Zürich, gestorben in Locarno

 

Sohn eines Buchdruckers und einer Bauerntochter. Er wuchs in Schaffhausen in ärmlichen Verhältnissen auf, absolvierte eine kaufmännische Lehre und war schon früh journalistisch tätig. Von 1904 bis 1917 Tätigkeit als Journalist in Wädenswil, Münsingen und Bern. Anschliessend freier Schriftsteller in Basel, Zürich, Davos, London, Paris und den USA. Zusammenarbeit unter anderem mit Hermann Aellen (Schweizerisches Schriftstellerlexikon, 1918) und Felix Möschlin. 1912 Mitbegründer des „Schweizerischen Schriftsteller-Vereins“. Bührer wurde von der bürgerlichen Presse wegen seiner sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Gesinnung boykottiert. Ab 1936 lebte er in Verscio. Er wirkte in Jakobs Flachs Marionettentheater in Ascona mit, zusammen mit den Malern Fritz Pauli, Ignaz Epper und Richard Seewald, den Bildhauern Werner J. Müller und Mischa Epper, dem Musiker und Buchhändler Leo Kok, dem malenden Architekten Carlo Weidemeyer und dem Berufskollegen Richard B. Matzig. Er war auch mit Rudolf Jakob Humm befreudnet. Bührer schrieb für Fritz Jordis und Heinrich Vogelers Halbmonatsschrift "Fontana Martina". Bührer stellte sich in den "Texten zum 90. Geburtstag" selbst vor (Auszug): "Damals fing der Frontenfrühling an. Das war eine ganz üble Sache, das war einer meiner schlimmsten Eindrücke, die ich erlebte. Das sind diese jungen Leute aus der besten Gesellschaft hinter diesen Flammenfahnen nachgegangen, diesen Hitlerfahnen, auf denen stand: "Jude verrecke!" Dann brach der Streik in Genf aus, in einer Zeit, in der grosse Arbeitslosigkeit herrschte - und dann kam die grausame Nacht mit 13 Toten und 60 Verletzten, in der Rekruten auf Streikende schossen. Das war für mich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ich trat mit einer öffentlichen Erklärung im "Volksrecht" in die Sozialdemokratische Partei ein. () Dieser Schritt hatte sehr, sehr schwere Folgen für mich. Ich verdiente damals ungefähr 800 Franken, das war verhältnismässig viel Geld für diese Zeit. Dann gingen meine Einnahmen mit einem Schlag auf 150 Franken zurück, denn die National-Zeitung schrieb mir, es tue ihr furchtbar leid, aber als erklärter Sozialdemokrat könne ich nicht mehr bei ihnen arbeiten. Ich musste mein Häuschen in Meilen verkaufen, weil ich den Zins nicht mehr aufbrachte und wir zogen in den Tessin. In Verscio konnten wir ganz billig ein kleines Haus kaufen." Freund Fritz Pauli war Bührer bei der Suche nach diesem Haus in Verscio, es hiess "Casa rossa" behilflich. Max Frisch berichtete zu Bührers 90. Geburtstag von einem Besuch um 1978: "Vor vier Jahren trafen wir uns in Verscio an Ihrem häuslichen Tisch; ich fand Sie nicht, wie man hätte erwarten können, in Resignation. Das ist es, Genosse Bührer, was wir von Ihrem hohen Alter zu lernen haben; Sie haben sich nicht beklagt, Sie haben aus Enttäuschungen gelernt, Sie haben das Gewissen und damit die Hoffnung nicht aufgegeben."
„Fontana Martina“ Nr. 10, März 1932, Jakob Bührer, "Der Weg ins Leben"
Was ist an diesem Film so wunderbar,
Dass er die schönsten Märchen überstrahlt?
Er macht uns, was kein Märchen konnte, klar:
Es geht mit Güte. Geht nicht mit Gewalt.
Und just der Sowjet bringt uns dieses Licht.
Er, dem’s an Seele, sagt man, Türe fehle,
Verkündet uns in diesem Filmgedicht:
Das letzte Ziel ist Neugeburt der Seele.
Lokomotiven schreien, wenn ein Guter stirbt.
Wisst ihr, was das im Innersten bedeutet?
Das Werk will nicht, dass noch ein Mensch verdirbt.
... Magnjetogorsk ... ? Fühlt ihr, was das jetzt läutet?
... Magnjetogorsk ... ? Fünf Jahre, oder zehn ...
Dann können wir den Tag der Freude weihen ...
Das Gute muss im Menschen auferstehn.
Das Werk will nicht ... Lokomotiven schreien!
Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 151/1, vom 7. April 1973, Aus tiefstem Wesen Humanist, zum 90. Geburtstag des Schriftstellers Jakob Bührer, von Otto Steiger: „Am Mittwoch, 8. November 1972, wurde Jakob Bührer neunzig Jahre alt. Ein paar Angaben für die Jüngeren unter uns, denen der Name wenig oder nichts sagt: Jakob Bührer ist ein Schweizer Schriftsteller. Seit vielen Jahren lebt er mit seiner Frau in Verscio, einem kleinen Dörfchen am Eingang zum Centovalli. Bührer war Mitbegründer des Schweizerischen Schrifstellerverbandes und er gehörte dem Vorstand dieses Verbandes während zwölf Jahren an. Sein Werkverzeichnis ist so umfangreich, dass ich hier bei weitem nicht alles aufzählen kann, was er geschrieben hat. Zu Berühmtheit in unserem Land ist er nach dem ersten Weltkrieg durch drei humoristische Einakter geworden, die unter dem Titel „Das Volk der Hirten“ wohl über alle Schweizer Bühnen gingen. Ein paar Jahre später wurde am Schauspielhaus Zürich sein „Neues Tellenspiel“ uraufgeführt. Es folge das Drama „Galileo Galilei“, und 1938 erschien der erste Band seines epischen Hauptwerkes, der Trilogie „im roten Feld“. (Dieses Werk erschien übrigens im nächsten Jahr in einer neuen Ausgabe in der DDR). Seine späteren Werke, „Perikles“, „Judas Ischariot“, „Die drei Gesichte des Dschingis-Khan“ und „Gotthard“, sind alle an Schweizer Theatern uraufgeführt worden.
Im roten Häuschen mit der Palme davor
Wenn einer neunzig Jahre als wird, hat er allen Grund zum Feiern. Und seine Freunde und Bekannte haben allen Grund, ihm zu gratulieren. Deshalb  habe ich Jakob Bührer vorige Woche in seinem roten Häuschen mit der Palme davor besucht und da fällt mir eben ein, dass ich wieder, wie bei schon früheren Gelegenheiten, vergessen habe, ihn zu fragen, ob sein Häuschen zufälligerweise rot ist oder ob das symbolische Bedeutung hat; denn Jakob Bührer ist Sozialist. Er hat mir sogar gesagt: Ich bin Kommunist. Freilich mit dem Zusatz: Das, was heute in vielen kommunistischen Ländern geschieht, ist ja kein Kommunismus.
Er hat mich in seine Stube geführt. Aber ich habe bald einmal gemerkt: Ein anderer Anlass zu meinem Besuch wäre ihm lieber gewesen. Wir haben über die Feiern gesprochen, die jetzt in Basel und anderswo zu seinen Ehren veranstaltet werden. Das ist alles schön, hat er gesagt, aber diese Feiern kommen spät.
Schon engagiert, bevor es Mode wurde
So ganz unrecht hat er nicht. Ein Schriftsteller – und vorab ein so engagierter Schriftsteller wie es Jakob Bührer ist – will nicht, dass man ihn feiert, weil er alt geworden ist. Auch Gauner und Trottel werden alt. Er möchte vielmehr, dass man sich mit seinem Werk auseinandersetzt, er möchte bei den Lesern einen Widerhall spüren, ein Echo hören auf das, was er ihnen zuruft.
Aber so ganz recht hat er anderseits mit seiner Bemerkung auch wieder nicht. Wir sind nun einmal so, dass wir einen äusseren Anlass brauchen, um jemanden zu feiern, um Reden über sein Werk zu halten. Zum Beispiel die Verleihung des Nobelpreises oder eben der neunzigste Geburtstag.
Ein engagierter Schriftsteller sei Jakob Bührer, habe ich gesagt. Ich gestehe, ich brauche den Ausdruck nur widerwillig, weil mir kein besserer einfällt. Denn Engagiertheit ist heute zu einem Modeartikel geworden wie Jeans und Sex. Bührer war aber engagiert, lange bevor die Intellektuellen in Viererkolonnen links von der Mitte marschierten. 1932 hat er mit einem offenen Brief seinen Eintritt in die sozialdemokratische Partei erklärt. Es war seine Antwort auf die erschütternden Vorfälle in Genf, wo die Armee auf demonstrierende Arbeiter schoss und viele von ihnen tötete. 1932, das war das Jahr der heftigsten Auseinandersetzungen zwischen Nationalsozialismus und Demokratie. Hier bei uns, in Deutschland und anderswo. Es war das Jahr in dem spätestens jeder, der denken wollte, merken musste, dass die Machtergreifung Hitlers und damit der Zweite Weltkrieg unausweichlich geworden waren.
Es ist nicht leicht, das politische Klima jener Zeit heute zu verstehen. Auch für die nicht, die diese Zeit bewusst miterlebt haben. Sicher aber ist, dass es für einen bekannten Schriftsteller damals nicht leicht und nicht selbstverständlich war, einen solchen Brief zu schreiben und veröffentlichen zu lassen. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Nicht der Eintritt in die SP war schwer. Die Partei war damals schon stark genug und ihre Mitglieder hatten unmittelbar nichts zu fürchten. Aber die Veröffentlichung dieses Briefes mit der Kritik am Staat und seinem Missbrauch der Macht musste damals einem Schriftsteller weit mehr schaden als heute. Man hat nach her auch versucht, Bührer als einen verschrobenen Linken hinzustellen, als einen Sterngucker und Idealisten und dieses Wort wurde damals – und wird heute – von jenen, die „fest auf diese Erde stehen“ und die Ellenbogen mit Nachdruck in des Nachbars Magen bohren, mit spöttischem Lächeln ausgesprochen.
Nie in einem engen Sinn politisch
Seither hat Bührer der sozialdemokratischen Partei die Treue gehalten. Oder sollte man besser sagen, die Partei habe ihm die Treue gehalten? Denn in einem engen Sinn war Bührer nie ein politischer Mensch. Um Parteiparolen, um Parteigdogma hat er sich nie gekümmert. Aber er ist, aus seinem tiefsten Wesen heraus, ein Humanist. Dieser Humanismus leuchtet durch alle seine Werke. Auch in den politischen Zeitungsartikeln, deren er viele geschrieben hat, geht es nicht um Parteienzwist und Machtkampf, sondern immer um die Verwirklichung eben dieses Humanismus. Die Sozialdemokratie war und ist seiner Ansicht nach am besten geeignet, einer menschlicheren Gesellschaft auf die Beine zu helfen.
In den letzten Jahren hat sich Jakob Bührer kaum verändert. Zwar lächelt er jetzt manchmal nur, wo er früher rasch eine Antwort zur Hand hatte. Und häufig schliesst er im Gespräch die Augen. Vielleicht, weil die Sonne tief über seinem Garten steht und ihn blendet.
Sonst aber wirkt er so jung und vital wie immer, ja er hat mir bei unserem Gespräch etwas gesagt, was ein Sechzehnjähriger ebenso gut hätte sagen können: Eine AHV, meinte er, das ist schon recht. Aber ebenso dringend sollten wir eine Jugendversicherung haben. Eine Versicherung, die es den Jungen ermöglicht, unabhängig vom Geld der Eltern jene Bildung zu erwerben, die ihren Fähigkeiten entspricht.
Nun, das „Recht auf Bildung“ lässt bei uns nicht mehr allzu lange auf sich warten. Dauern wird es nur, bis wir die Voraussetzung geschaffen haben damit dieses Recht nicht nur ein Recht auf dem Papier, sondern praktisch durchführbare Wirklichkeit wird.
Man mag Jakob Bührer zu seinem neunzigsten Geburtstag vieles wünschen, denn er hat vieles verdient. Ich wünsche ihm – und das, was er als das Bessere erkannt hat, zu seinem Lebzeiten noch das Bessere werde.“