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Charlotte Bara (Bachrach), Ausdruckstänzerin

1901-1986, geboren in Brüssel, gestorben in Locarno

 

Tochter einer jüdischen Seidenhändlerfamilie. Ihre Mutter Elvira war eine Freundin von Else Lasker-Schüler aus der Schulzeit in Eberfeld. Als Sechsjährige Eintritt in die Klosterschule "Sacré-Coeur" in Brüssel, anschliessend dort Besuch der neu eröffneten städtischen Schule. 1915 nahm sie beim grossen russischen Tänzer Alexander Sacharoff, einem Schüler von Isadora Duncan, in Lausanne und bei Berthe Trümpy und Vera Skoronel in Berlin Unterricht. 1919 Tanzmatinee in Berlin, Max Reinhardt Kammerspiele; ihr Pianist war Leo Kok. Bekanntschaft mit Rudolf von Laban. Die Familie Bachrach musste im Ersten Weltkrieg Belgien verlassen. Auf ihrem Weg in die Schweiz machte die Bara in Worpswede Bekanntschaft mit Heinrich Vogeler, er malte ein Portrait von ihr. In Worpswede machten die Bachrachs Bekanntschaft mit Carlo Weidemeyer, dem späteren Architekten des "Teatro San Marterno". Die Bachrachs liessen sich 1919 im "Castello San Materno" eingangs Ascona nieder, einem denkmalgeschützen Schloss aus der langobardischen Zeit. Erste Auftritte im Tessin 1922 im Kursaal Locarno, 1924 am zweiten Kamelienfest in Locarno und so weiter. Unmittelbar neben dem "Castello San Materno" wurde 1927-1928 vom Architekten Carl Weidmeyer Charlottes "Tanztempel", das "Teatro San Materno" erbaut. Auf dieser Bühne standen unter anderen auch Elsie Attenhofer, Therese Giehse, Erika Mann, Werner Finck und Dimitri. Charlotte Bara fühlte sich mit den Menschen in Ascona verbunden und pflegte viele Kontakte, so zu Jakob Flach, Emil Ludwig und dessen Sohn Gordon, Jo Mihaly oder Aline Valangin. Bara war eine Meisterin des orientalischen und mystisch-religiösen Tanzes, sie wurde oft vom Pianisten Leo Kok, dem späteren Buchhändler der "Libreria della Rondine" in der "Casa Serodine" in Ascona, begleitet. Man nannte sie die "heilige Tänzerin". Das steht auch auf ihrem Grabstein auf dem Friedhof Ascona geschrieben. Er befindet sich einen Steinwurf von Castello und Teatro San Materno entfernt. Der Grabstein ihrer Eltern steht an einer Wand des Gräberfelds, wo die Valangin, die Werefkin und die Rosenbaums liegen. Bara war mit dem Psychologen Carl Rütters verheiratet. Zitat Bara: "Die Wigmann machte hauptsächlich Kulttänze, etwa das, was ich als schwarze Magie bezeichnen möchte, ich mache sakrale Tänze in streng christlichem Sinn, auch wenn ich das manchmal auf die Antike übertrage." Bara hat das "Castello San Materno" und ihr "Teatro San Materno" der Gemeinde Ascona verkauft. Peter Riesterer schrieb für den Verlag Ferien-Journal Ascona 1985 die Chronik: "Charlotte Bara Ascona, Leben und Tanz". Daraus ein Gedicht der Else Lasker-Schüler über die Bara:

Charlotte wandelt an den Nachmittagen
Durch ihre Gartengänge grünen Heiligensagen
Von frommer Dämmerung ins Himmelreich getragen.

Die heiligen Jesusfrauen: ihre Feen...
Sie hört wenn sie vom Leiden Christi klagen
Der schon im Weltenanfang sah die Welt verwehen.

Sie aber lernte auf den Spitzen ihrer Füsse stehen
Von den Cypressen, die das Weltenende übertragen.
Zu einem sanften Tanze hebt sich leicht ihr Gehen.

Zwei weisse Schäferhunde folgen ihrem Wagen.
Erzählten ihre Gliederweisen uns vom höheren Geschehen.