1885 Die Brissagoinseln erwachen.

Die geschriebene Geschichte der Brissagoinseln beginnt im 13. Jahrhundert, die lebendige im Jahr 1885, dem Zeitpunkt als die sagenumwobene Barnonessa Antoinette de St. Lèger, bzw. ihr Gatte, die Inseln kaufte und daraus machte, was noch heute sichtbar ist - ein botanisches Paradies. Das Schaffen der Baronesse und ihre Person waren Anziehungspunkte für Künstler, Gelehrte und Wirtschaftskapitäne. Sie legte den Grundstein für den kulturell motivierten Tourismus.

 

Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 124/6, vom 16. August 1969, Die Brissago-Inseln in philatelistischer Sicht, von Dr. Lars Pfenninger: „Die Brissagoinseln werden immer wieder in den verschiedensten Zusammenhängen genannt, aber man wird nicht ohne weiteres vermuten, jedenfalls nicht als Laie, dass die Brissagoinseln auf dem Gebiet der Philatelie eine ebenso originelle wie auch einmalige Vergangenheit haben. Die beiden Inseln, wovon die grössere einige hundert Meter lang ist, wurden im Jahr 1884 von einer steinreichen Ausländerin, der Baronin Antoinetta St. Léger, einer gebürtigen Russin, die dann durch ihre Heirat Irländerin geworden ist, gekauft. Sie war es, welche die grössere Insel in einen tropischen Park umwandeln liess. Die Kirche Sant’Appollinare wurde in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten, während das dazugehörige Kloster nach kleineren Umbauten zum Wohnsitz der äusserst temperamentvollen Baronin wurde. Sie war eine geniale und vor allem sehr dynamische Dame, welche mit der halben Welt in Kontakt stand und ihre Hände in unzähligen Spekulationen mit im Spiel hatte. Ihrem Mann wurde das unermüdliche Treiben seiner Frau bald unheimlich und als er einsehen musste, dass er ihrem Tatendrang kaum Fesseln anzulegen vermochte, verliess er die Inseln für immer und siedelte sich in der Gegend von Neapel an. Kurze Zeit später verliess auch die Tochter die Inseln, um nie mehr zurück zu kehren. Von den familiären Pflichten befreit, entwickelte die mit einigen Bedienten allein zurückgebliebene Baronin eine noch intensivere Tätigkeit, schrieb und empfing Briefe aus allen Gegenden der Welt. Anfänglich hielt sie sich in Locarno ein Postfach, das sie täglich von einem ihrer Diener leeren liess, später aber erhielt sie von der Postdirektion die Erlaubnis, auf der Insel ein eigenes Postbüro zu halten. Am Anfang, d.h. vom 1. Januar 1891 bis 31. März 1921, handelte es sich dabei, wie man heute sagen würde, um eine nicht rechnungspflichtige Postablage, vom 1. April 1921 bis 14. Februar 1928 war die Post auf den Brissagoinseln eine rechnungspflichtige Poststelle. Allerdings erhielt die Baronin, welche offiziell als Posthalterin und Briefträgerin amtierte, weder eine Bezahlung noch sonstige Unterstützung, denn sämtliche Kosten hatte sie selber zu bestreiten. Da sie aber ausser ihrem Personal allein auf der Insel wohnte, war sie somit ihre eigene Posthalterin und Briefträgerin zugleich. Ebenfalls auf ihre Spesen holte ein Fährmann die Post in Locarno ab und brachte die abgehende Post ebenfalls dorthin. Obschon auch Brissago eine Poststelle besass, welche natürlich viel näher gewesen wäre, hat die Baronin nur während weniger Monate ihre Korrespondenz über Brissago spediert, da sie mit dem „Service“ der Post von Brissago nicht zufrieden war, versandte sie ihre Post über die Post von Locarno.
Wie alle Poststellen hatte natürlich auch die Post auf der Brissagoinseln ihren eigenen Stempel, auf welchem u lasen stand: Isole St. Léger. Ab 19. Mi wurde die Ortsbezeichnung erweitert und auf dem neuen Stempel war zu lesen: „Isole di St. Léger presso Locarno“. Wahrscheinlich wäre heute dem alten Stempel noch eine Postleitzahl angeführt worden, was bestimmt nicht überflüssig gewesen wäre, wenn die Poststelle den Namen „St. Léger“ behalten hätte, denn diesen Namen findet man weder in Atlanten, noch auf Landkarten.
Als Poststelle hatte die Insel natürlich ihren schönen, braven Briefkasten. Ohne die ausdrückliche Erlaubnis der Baronin wagte niemand die Insel zu betreten, ausser eben, um in jenem Briefkasten Korrespondenz einzuwerfen, denn der Stempel hatte für Leute, die sich mit Briefmarken befassten Seltenheitswert. Die Baronin gab ihren Besuchern gratis Ansichtskarten von der Insel. Wer dies wusste, warf natürlich die Post nicht nur in den Briefkasten, sondern zog es vor, die zu spedierende Korrespondenz der Posthalterin persönlich abzugeben. So kam man in den Besitz der Gratispostkarten und konnte zugleich flüchtige Bekanntschaft mit der adeligen Postangestellten machen, die ihres blauen Blutes wegen von vielen wie ein „Wundertier“ bestaunt wurde.
Im Jahr 1928 verkaufte die Baronin den ganzen Besitz einem reichen Deutschen, dem Baron Emden. Dieser liess sowohl die alte Kirche, wie auch das Wohnhaus in die Luft sprengen und errichtete an deren Stelle einen pompösen Palast. Wer weiss, ob dem neuen Besitzer,, falls er dies gewünscht hätte, ein neuer Poststempel mit dem Aufdruck Isole von Emden, bewilligt worden wäre? Anderseits gelten heute Briefe und Karten mit dem kuriosen Stempel Isole die St. Léger, als wirkliche Raritäten. Als die Baronin von der Insel schied und damit ihr Postbüro aufgehoben wurde, stellte ihr die Postdirektion ein Zeugnis aus, auf einem vorgedruckten Formular, wie es den Postangestellten ausgehändigt wird, wenn sie aus dem Postdienst austreten. Im Zeugnis der langjährigen Posthalterin von St. Léger stand geschrieben: „Fähigkeiten: ausgezeichnet, Dienstauffassung und Dienstleistungen: hervorragend, Betragen: makellos. Dauer der Anstellung im Postdienst vom 1. Januar 1891 bis 14. Februar 1928. Grund für die Ausstellung dieses Zeugnisses: Aufhebung der Poststelle.“ Ist dies Zeugnis nicht wunderbar? Es bezeugt, dass die Baronin St. Léger, die die Poststelle auf eigene Kosten bedient hatte, vom zuständigen Amt als äusserst fähig, treu und pflichtbewusst und mit makellosem Charakter, beurteilt wurde. Die Baronin selbst liess sich durch diesen kräftig wiehernden Amtsschimmel nicht im geringsten beeindrucken, im Gegenteil, sie war stolz darauf, dieses Dokument zu besitzen. Wenn sie es jemandem zeigte, meinte sie lachend dazu: „Dies ist die einzige Gratifikation, die ich von der Schweizerischen Postdirektion als Dank und Anerkennung für mehr als 28 Jahre treuen Postdienst erhalten habe!“