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Alfred Ehrismann, Pianist

Aus dem "Ferien-Journal" Nr. 124/6 vom 16. August 1969, Künstler im Tessin, Alfred Ehrismann, Pianist, Tegna von Dr. Lars Pfenninger: "Vielen Künstler ist das Tessin zur bleibenden Wahlheimat geworden. Nicht kleiner aber ist die Zahl derer, welche unsere Gegend zum Ausspannen und Ausruhen bevorzugen und sich in einem Ferienhäuschen von den Strapazen ihres Lebens erholen möchten. Auch der Pianist Alfred Ehrismann hat im Pedemonte sein Refugium, denn das Leben eines Musikers ist ungleich viel anstrengender als zum Beispiel das eines Schriftstellers, Malers oder Bildhauers, welche in ihrer Klause oder in ihrem Ateliers arbeiten und dann das fertige Werk an die Öffentlichkeit geben. Ein Musiker muss an den verschiedensten Orten, die oft tausende von Kilometern voneinander entfernt liegen, in einem ihm meist völlig unbekannten „Ambiente“ auftreten und da sein Bestes geben. Trotz der immer schneller und bequemer werdenden Reisemöglichkeiten „zupfen“ diese ständigen Luftveränderungen an den Nerven und an der Gesundheit, denn ein sensibler Künstler reagiert auf alles viel stärker, als ein „gewöhnlicher Sterblicher“. Neben dem Talent, braucht ein guter Musiker das Vertrauen in sich selber, in die eigene Leistung, das Vertrauen auf die eigene Berufung und in seine ihm eigene Technik und Arbeitweise. Aber der ausübende Künstler ist nicht nur sich und dem Komponisten, er ist ist auch seinem Publikum verpflichtet und hat dabei erst noch eine Unmenge von Nebenverpflichtungen zu erfüllen.

Durch einen glücklichen Zufall wurde anlässlich einer Vortragsübung die weltberühmte Pianistik Clara Haskil auf den jungen Pianisten Alfred Ehrismann aufmerksam. Sie empfahl ihn ihren Kollegen in Paris und so kam es, dass der begabte junge Schweizer in der Weltstadt mit den grössten Pianisten der letzten Jahrzehnte in Kontakt und in ihre Schule kam. Wohl kaum einer war berufener als Cortot, Ehrismann in die Wunderwelt der französischen Impressionisten, vor allem von Debussy und Ravel zu führen. So ist es denn kaum verwunderlich, dass sich Ehrismann heute immer mehr zum Ausdruck dieser Richtung verschrieben hat und mit kühn erscheinenden, aber überaus genialen Kontrasten, wie zum Beispiel Debussy/Schumann oder Ravel/Mozart, in seiner Programmgestaltung grossen Erfolg hat.

Alfred Ehrismanns Lehrtätigkeit als Lehrer der Konzertausbildungsklasse für Klavier am Konservatorium Winterthur, lässt ihm die nötige Freiheit, daneben seine Konzerttournées durchzuführen, die ihn vor allem nach Frankreich, nach Norditalien und auch nach Spanien führen, wo ihm sein äusserst differenziertes und gekonntes Spiel manchen Freund und unzählbare begeisterte Bewunderer gebracht hat. In Zaragoza, Madrid, Barcelona, Lérida, ja hinunter bis nach Malaga hat der Name Alfred Ehrismann einen guten Klang und vermutlich werden wir bald auch einmal in unserer Gegend Gelegenheit haben, seinen Interpretationen lauschen zu dürfen. Ehrismann ist weder ein sturer Pedant noch einer jener „Nur-Pianisten“ mit denen man einzig und allein nur über pianistische Fragen fachsimpeln kann. Nein dieser Mann ist weltoffen, vielseitig interessiert und von einem wohltuenden Humor beseelt. Seine Erlebnisse mit den Grössen unseres Jahrhunderts, vor allem mit Edwin Fischer, zeugen von einer Vitalität und einem überaus geistreichen Humor. Aus einem „kleinen Plauderstündchen“ mit diesem freundlichen Künstler werden unbemerkt zwei drei Stunden, ohne dass das Gespräch, welches in sprunghaften Kadenzen die gegensätzlichsten und verschiedensten Punkte streift, auch nur einen Augenblick abreisst. Ehrismann kann nicht nur sehr viel, sondern er weiss auch ungeheuer viel. Gerde dieses Wissen, gepaart mit einer wohlwollend kritischen Weltanschauung und eine bewusste Gründlichkeit, bewahren ihn selbst auf längeren Konzertreisen vor der gefährlichen „Routine“, die sich bei vielen Künstlern, vor allem gegen den Schluss einer Tournée gern bemerkbar macht.

Bestimmt lernen die angehenden Konzert-Pianisten der Klasse Ehrismann sehr viel, wenn sie ihrem Lehrer bei Konzerten zuhören. Nicht im Raum des Konservatoriums, sondern im Konzertsaal vor dem kritischen Publikum, wo alle Faktoren mitspielen und ihren mehr oder weniger spürbaren Einfluss auf das Spiel und auf das Gelingen eines Konzertes ausüben.

Alfred Ehrismann wirkt nicht nur als Künstler, als gereifter Pianist, sondern ebenso sehr als ausgeglichene und verantwortungsbewusste Persönlichkeit ausgesprochen überzeugend. Er macht sich keine Illusionen, keine „spazialen Karriereträume“ von kometenhaftem Aufstieg und mühelos zugeflogenen Millionen wie sie etwas in der Unterhaltungsmusik möglich sind. Er weiss zu gut, dass diese Dinge nicht mit dem Können, sondern mit dem Wirken einer grossen Werbeagentur zusammenhängen. Dafür aber weiss er seine immer zahlreicher werdenden dankbaren Zuhörer, vor allem in den lateinischen Ländern, durch sein sauberes, werkgetreues Spiel immer aufs Neue in seinen magischen Bann zu ziehen. In ihm vereinigen sich der französische Charme und die französische „grandeur“ mit der urschweizerischen, ich möchte fast sagen, uhrmacherhaften Exaktheit und die Ausdauer zu glücklicher Harmonie und bewirken seine grosse Meisterschaft.
Die Zeiten der grossen, „olympherrlichen“ Maestri scheint heute immer mehr der Vergangenheit anzugehören. Im „hohen Olymp“ der weltweiten Bewunderung, ja Vergötterung sind andere Gestalten eingezogen, deren „Grösse“ sich an überdimensionierten Gagen kommerziell berechnen lässt, die aber kurzlebiger sind und von launenhaften Massensympathie gnadenlos gestürzt und sofort vergessen werden. Umso mehr braucht man verantwortungsbewusste Menschen, wahre Künstler, die unentwegt die Fahne des Guten hochhalten und ihre ganze Persönlichkeit einsetzen, um ihren Anteil zur Bewunderung und zur Erweiterung des Kunst- und Kulturgutes beisteuern, welches das billige Fassadentum und Flitterzeug überleben wird. Ein guter Kämpfer in den Reihen des „Fähnleins dieser Aufrechten“ ist ganz bestimmt auch der Pianist Alfred Ehrismann."