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Ignaz Epper, Maler

1882-1969, geboren in St. Gallen, gestorben in Ascona

 

Sohn eines Stickereizeichners und einer Bildhauerin. Ausbildung zum Stickereizeichner in St. Gallen. 1913 freier Künstler in Weimar und München. 1919 Heirat mit seiner Frau Mischa und erstmaliger Besuch in Ascona. Zürcher Zeit mit längeren Auslandaufenthalten bis 1932. Dann Umzug nach Ascona, zuerst in die Casa Pasini, dann im eigenen Haus, dem heutigen "Museo Epper", von wo aus er verschiedene Auslandreisen unternahm. In Ascona Freundschaft mit Jakob Flach, C. G. Jung, Werner J. Müller, Johannes Schürch und vielen anderen. Er engagierte sich zusammen mit seiner Frau im Marionettentheater von Jakob Flach. Epper verbrannte sich 1969 im Garten seines Hauses. Ignaz Epper gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des Expressionismus in der Schweiz.
Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 41/2, vom 16. Mai 1959, Asconeser-Künstler, von Josef Halperin: „Zu Anfang der zwanziger Jahre segelten wir einige Sommer lang mit Hermann Haller auf dem Zürichsee. Stets voll lustiger Geschichten, erzählte Haller aus der Zeit, da er als Schiffskoch oder als Steuermann auf dem Mittelmeer kreuzte. Chichio wippte mit den schlanken Beinen und lächelte abwesend vor sich hin. Mischa, die Mädchenhafte, blickte, ein zauberhaft unbeteiligtes Stück Natur, in die Weite. Luft- und Sonne drangen uns in die Poren, das leise Knattern der Leinwand im Wind, wenn wir das Boot wendeten, das Glucksen der Wellen, die der Kiel im Wasser zog, erfüllten uns mit einem traumhaften Glücksgefühl.
Ignaz Epper sass abgekehrt, stumm und schien von den andern durch eine undurchdringliche Einsamkeit getrennt. Er nahm wohl alles auf und beantwortete Fragen mit einem zweifellos zutreffenden, obzwar unverständlichen Brummen. In jenen paar Sommern hörte ich ihn insgesamt keine zwei Dutzend Worte reden. Der stämmige, untersetzte Körper trug einen eher grossen Kopf mit Hakennase und hoher Stirn, die durch das zurückgekämmte Haar betont wurde. Unter den  halbgesenkten Lidern blitzte gelegentlich ein heller Blick hervor, durchdringend und überraschend offen. Dennoch wirkte das braune, wie aus Holz geschnitzte Gesicht verschlossen. Er schien ein Mensch, der mehr als andere die Frage nach seinem Wohin aufgab, die Frage, ob er stehen bleiben, verkümmern, scheitern oder die innern Spannungen überwinden und die Schwere seines Wesens fruchtbar machen werde.
Ignaz und Mischa Epper hatten damals einige Auslandaufenthalte hinter sich. Sie waren aus Holland, von Berlin und Dresden nach Zürich zurückgekehrt, und Ignaz hatte mit expressionistischen Holzschnitten sich bereits einen Namen erworben. Von Zürich fuhren sie nach Elba, er besuchte Tunis, sie lebten anderthalb Jahre in Collioure, gingen nach Algier, Oran und Marokko, wandten sich nach dem Midi, Sanary, St. Tropez und, mit befreundeten Künstlern, wieder nach Collioure. Er ging die südliche Welt in farbigen Zeichnungen und Aquarellen ein, die seinem Ruf einen Titel hinzufügten. 1932 liess sich das Paar in Ascona nieder. Misch begab sich 1933 nach Paris, wo sie an der Académie Scandianve unter Despiau modellierte. 1938 bezogen sie das von Mauern umhegte Haus, das sie in Ascona, abseits des Menschenstroms, hatten bauen lassen. Hier wirken sie beide in ihren Ateliers, reisen sommers gemeinsam aus und pflegen daheim in ihren schönen hellen Räumen und dem wundervollen Garten die Gastfreundschaft.
Man sieht die beiden etwa im Verbano oder im Svizzero. Ignaz ist nicht mehr stumm. Er spricht leise, überlegt, sicher aus dem Schatz der Erfahrung und eines grossen Wissens schöpfend, interessiert an den politischen Wechselfällen, an den Erscheinungen des Tages, die er in den allgemeinen Zusammenhang zu stellen vermag. Inwieweit die innere Freiheit, über die er heute offensichtlich verfügt, sich in seinen Werken ausdrückt, das entzieht sich dem allgemeinen Urteil, denn in den letzten fünfundzwanzig Jahren hat er kaum mehr ausgestellt, relativ kleine Kollektionen, die keinen Gesamteindruck erlaubten, wenn man von der grossen Schau von 1951 in Amsterdam absieht, die trotz ihrem Erfolg nicht in die Schweiz zu dringen vermochte.
Erst wenn man die Casa Epper betritt, die Zeichnungen, Aquarelle und Ölbilder an den Wänden erblickt – und vollends, wenn Mischa, die treue Sachwalterin, die dicken Mappen mit Zeichnungen und Kompositionen öffnet und den Boden seines geräumigen Ateliers mit Aquarellen und Ölbildern bedeckt, ermisst man, wie fruchtbar Ignaz Epper seine Zeit genützt hat!
Wenn das Aquarellieren als die Kunst gilt, die auf das rasche Fixieren von Eindrucken, auf das Festhalten atmosphärischer Stimmungen angelegt ist, die mit der Veränderung des Lichteinfalls, des Sonnenstandes, des Zugs der Wolken von einem Moment zu andern wechseln können, so trifft diese Zweckbestimmung auf Epper nicht zu. Vor dem Gegenstand, sei es Natur, Tier, Mensch oder Architektur, skizziert er bloss, um sich der Umrisse, der Struktur zu vergewissern. – Er prüft mit dem durchdringenden Blick, den wir von seiner Jugend her an ihm kennen, saugt mit dem Auge das Licht, die Farbe ein. Für dieses optische Studium – oder soll ich sagen: das optische Leben – verwendet er mit Vorliebe die Zeit vom Frühling zum Herbst, in der er übrigens fleissig seinen Garten hegt. Im Winter holt er, was er in sich gesenkt, dankt einem untrüglichen Gedächtnis wieder herauf, doch verwandelt, in der Kelter seines Innern transportiert. Davon zeugen die Aquarelle mit dem einheitlichen Duktus und der Vielfalt der Charakteristika: die kalte Bise auf den Windmühlen, die Schiffe, der Nebel und Rauch Hollands – der helle Dunst des Tessins – die herbe Klarheit Spaniens mit der roten Erde – der Perlmutterglanz auf Ischia, die vulkanische Landschaft mit sarazenischen Bauten, das grünschimmernde Abendlicht, der goldene Hauch auf Küste und Meer.
Besonders in den letzten zehn Jahren entstanden Kompositionen in Kohle, Kreide, Tusch, Sepia, biblische, legendäre, mythologische Motive, die als Symbole irdischer Leider und Leidenschaften und überirdischer Gewalten gestaltet sind. Ein strenges Auge, ein unbestechlicher Geist hat das Reich der Seele ins Reich des unmittelbaren Realen einbezogen – ein strenges Auge, ein unbestechlicher Geist und nicht zuletzt ein gütiges Herz, das in der Beziehung zur Natur und zur Kreatur sich stets erneuert und erhebt. In das Gebiet der Kompositionen gehören der Knochentrommler, Guillotine und Morgue, das sterbende Pferd mit Schakal und Geier, das schauende Pferd mit Reiter, wie auch die Manifestationen der Kraft und der Geschicklichkeit, der Stier, die Corrida, die Manege, und schliesslich die tragikomisch verzerrte Narrheit des Ritters von der traurigen Gestalt. Don Quijote im Kampf mit seinem Schatten, und die stets an die zweite Stelle, nur zu oft in den niedern Rang des verachteten Dieners gewiesene Vernunft, der bescheidene, geduldige Sancho Pansa.
Immer mehr reizte es den Künstler, seine Eindrücke und seine Visionen in Farbe umzusetzen, Porträts und Akte, den barmherzigen Samariter und die Corridas, den Garten. Dunkel glüht diese Malerei, und unvergesslich ist ihr magisches Rot!“