Remo Fasani

Remo Fasani, Lyriker und Hochschullehrer

 

1922-2011, geboren in Mesocco, gestorben in Grono GR

 

Nach dem Lehrerseminar studierte er an den Universitäten Zürich und Florenz. Er war von 1962 bis 1985 Inhaber des Lehrstuhls für italienische Sprache und Literatur an der Universität in Neuenburg. Fasani veröffentlichte neben Gedichten zahlreiche literaturkritische Bücher. Bekanntheit erlangte er auch als Übersetzer von deutschsprachiger Lyrik, unter anderem von Joseph von Eichendorff und Rainer Maria Rilke. Remo Fasanis Gedichte wurden mehrfach ausgezeichnet. 

 

Christoph Ferber hat für die Neue Zürcher Zeitung, NZZ, Ausgabe vom 28. September 2011, den folgenden Nachruf auf Remo Fasini verfasst: 

«Mein Lieber R. Dein Brief – schön wie ein Schweigen – hat mich sehr gefreut.» So beginnt Cristina Campo, die berühmte italienische Dichterin, am 24. Oktober l953 einen Brief an Remo Fasani. Der Empfänger hat mir das Büchlein, eine Sammlung der an ihn gerichteten Briefe von Cristina Campo (Marsilio, Venedig 2010), mit dem bezeichnenden, an die «Promessi Sposi» erinnernden Titel «Un ramo già fiorito» diesen Sommer im Altersheim von Grono im Misox überreicht. Nun ist er in der Nacht auf den 27. September ebendort gestorben, heimgekehrt «ins Schweigen». «Und alles ist ausgesprochen und es bleibt / nur die Heimkehr ins Schweigen», wie es in einem der Neunzeiler aus seinem wohl besten Gedichtzyklus, den 2000 verfassten «Novenari», heisst.

Das «Schweigen» ist das Leitmotiv seiner Lyrik, die 1944 einsetzt und diesen Sommer mit einem Zyklus endet, der den Naturereignissen gewidmet ist, wie sie Fasani durchs Fenster seiner letzten (wie auch anderswo) spartanisch eingerichteten Dichterklause beobachtet. Diese Beobachtungsgabe zeichnet schon den jungen Dichter aus, wenn er etwa im Gedicht «Schneefall» «dieses gleiche, am Ende / reglose Fallen» beschreibt sowie «diesen Laut, der erbebt und sich ausbreitet / auf dem Grunde des Schweigens». In Fasanis Dichtung werden «Laut» und «Schweigen» manchmal fast eins: «Sonntag, und Ruhe gewähre den Versen. / Durchlesen, allein, was schon da ist, / dem Laut und dem Schweigen lauschen, / dem Sinn, dem klaren, dem dunklen. / Schauen, ob alles sich ausgleicht / und atmet, während du liest, / mit dem gleichen Atem der Erde». Aber nicht nur dem «Atem der Erde» oder dem «Atem der Welt» – wie im nebenstehenden Gedicht «Sils Maria» – gilt seine dichterische Schöpfungskraft, dem Grund unseres Daseins also, sondern auch dem gesellschaftlichen Umfeld. So ist Fasani bekannt geworden als unerbittlicher Kämpfer (nicht nur mit Gedichten!) gegen die Verschandelung seines Heimattals, des Misox, als Verfechter der Italianità in der Schweiz (in beiden Fällen ohne Erfolg, traurig vor allem der Umstand, dass der Lehrstuhl für italienische Literatur in Neuenburg, den er während zweier Jahrzehnte innehatte, aufgehoben wurde).

Doch die meiste Zeit seines erfüllten Lebens hat der 1922 in Mesocco geborene Lyriker der Forschung gewidmet, vor allem Manzoni und Dante (Fasani gilt als einer der besten Kenner von Dantes Metrik) und – mit etlichen Veröffentlichungen – dem «Fiore», einer anonymen Dichtung aus dem 13. Jahrhundert, die er entgegen der herrschenden Meinung nicht dem jungen Dante zuschreibt. Noch im Juli hat er mir einen Artikel zum Lesen gegeben, in dem seine neuesten Thesen wohlwollend besprochen werden. Wohl wird nie «alles ausgesprochen» sein, was den «Fiore» betrifft. Als Lyriker aber hat Remo Fasani Vollendetes geleistet. Noch lange werden wir uns der Faszination seiner «Laute und ihren Schwingungen» nicht entziehen können.

 

Ein Auswahlband mit Remo Fasanis Gedichten («Der reine Blick auf die Dinge / Il puro sguardo sulle cose») ist 2006 bei Limmat erschienen.