Delly Flay-Waldvogel, Tanzpädagogin

1904-1970, geboren in Schaffhausen

Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 122/4, vom 5. Juli 1969 Willy und Delly Flay-Waldvogel – Zürich, Berlin, Ascona, von Doris Hasenfratz: „Abenteuerlich ist der Lebenslauf des Tänzers und Ballettmeisters Willy Flay, eines gebürtigen Baslers. Er und seine Frau sind Wahl-Asconesen, die jeden freien Tag in ihrem in den Bäumen versteckten Haus im Saleggi verbringen. Willy Flay kam zum ersten Mal als vierzehnjhäriger Bub mit seinen Eltern nach Ascona in die Ferien. Damals trugen die Bewohner ihre Matratzen zum Sonnen auf die Piazza und es kam vor, dass sie in heissen Sommernächten auch draussen schliefen! Willy Flay wuchs in der Nähe von Zürich auf, wo sein Stiefvater ein Bauerngut besass. Bevor er morgens nach Zürich zur Schule fuhr, musste er das Vieh versorgen. Da er Angst hatte, dass seine Mitschüler ihn wegen des Stallgeruches hänseln könnten, begoss er sich von Kopf bis Fuss mit Eau de Cologne. Er wollte Schauspieler oder Tänzer werden. Die Familie wünschte jedoch, dass er etwas „Rechtschaffenes“ lernen sollte. Er war ein hübscher blonder Junge, der schon damals eine Beatlefrisur trug. Abends betätigte er sich öfters als Statist am Theater. Durch Trinkgelder verdiente er so viel, dass er bei einem Reinhardtschüler Schauspielunterricht nehmen konnte, der ihm den Rat gab, sich in Berlin weiter auszubilden.
Vom Silber putzen und Patisserie servieren. Um diesen Plan zu verwirklichen, liess er sich vorerst als Page im berühmten Hotel Aldon in Berlin, dessen Direktor damals ein Schweizer war, engagieren. Vormittags musste er Silber putzen, nachmittags Patisserie servieren. Dabei nahm er täglich 20 bis 25 Mark Trinkgelder ein. In seiner freien Zeit besuchte Willy verschiedene Ballettschulen. Als er sich genügend Geld erspart hatte, ging er zum weiteren Studium nach Paris. Er kehrte jedoch wieder nach Berlin zurück und tanzte erstmals in einer Rolle der „Geschichte des jungen Prometheus“. Reinhardt sah ihn und engagierte ihn für die Titelrolle der Josephslegende, damals erschien sein Bild auf der Titelseite einer schweizerischen Illustrierten. Zur gleichen Zeit brachte eine andere Illustrierte als Titelbild eine Aufnahme der Tänzerin Delly Waldvogel, welche zu dieser Zeit gemeinsam mit Sonja Markus Tanzabende in der Schweiz veranstaltete. Als Flay dieses Bild sah, dachte er nur noch das eine: „Diese Frau – und keine andere!“
Gemeinsam auf dem Lebensweg. Um Delly Waldvogel kennen zu lernen, fuhr Willy Flay nach Davos, wo sie einen Tanzabend gab. Als passionierte Skiläuferin war sie in Davos unter dem Namen „Roter Teufel“ bekannt. Sie lernten sich kennen und Delly schlug vor, dass Willy nach Schaffhausen kommen solle, wo sie bereits eine Tanzschule besass und leitete. Die beiden Künstler beschlossen, in der Schweiz gemeinsame Tanzabende durchzuführen, arbeiteten Tag und Nacht und gastierten kreuz und quer in unserm Lande. Oft hatten sie nur fünf Franken in der Tasche, verzichteten auf Essen und Trinken, um sich das Benzin für ihren alten Wagen leisten zu können. An dem Defizit dieser Tournée hatten sie jahrelang abzuzahlen.
Dann erhielt Willy ein Engagement als Ballettmeister an das Stadttheater Basel, an dem er ein Ballett aufbaute. In den Ferien gaben die beiden Künstler Tanzabende an der italienischen Riviera. Und jedes Mal, wenn sie nach Italien fuhren, machten sie in Ascona einen Zwischenhalt. Sie traten sowohl im „Teatro San Materno“ wie auch in der „Taverna“ auf und organisierten in Ascona Künstlerbälle.
Zwei Franken pro Quadratmeter Land. Besonders das damals noch wildromantische Saleggi hatte es diesen beiden Künstlern angetan. Sie fanden ein kleines Haus, das früher der Schauspielerin Tilla Durieux und ihrem Gatten gehörte. Delly und Willy hatten den Wunsch, sich hier anzusiedeln. Da sie aber kein Geld besassen, liehen sie sich den nötigen Betrag, kauften das Häuschen sowie ein Stück Land zum damaligen Preis von zwei Franken pro Quadratmeter. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, brachten sie ihr Mobiliar nach Ascona. In der Zwischenzeit, als sie beide in Genf gastierten, erhielten sie ein Engagement an die Genfer Oper, an der damals Alexander Krannhals Dirigent war. Genf besass kein klassisches Ballett, und so hiess es für Willy und Delly erneut Aufbauarbeit leisten. Während des Krieges erhielt das Theater jedoch so wenig Subvention, dass sie oft auf ihre Gage verzichteten, damit die Mitglieder des Balletts bezahlt werden konnten. In Genf besitzen sie noch heute eine Ballettschule.
Der Wunschtraum – ein Freilichttheater. Nach und nach baute sich das Künstlerpaar sein Anwesen im Saleggi um und aus und verwirklichte einen Wunschtraum: ein Freilichttheater für 800 Zuschauer. In Zusammenhang mit den Asconeser Musikwochen wurden Ballettabende mit Ballettensembles von 40 bis 50 Mitwirkenden veranstaltet. Die Kosten konnten jedoch nicht gedeckt werden, hauptsächlich deshalb, weil das Wetter den Veranstaltern oft einen Strich durch die Rechnung machte, die Ballettabende wurden vorläufig eingestellt.  Wenn das Tänzerpaar Flay-Waldvogel jedoch einmal seine Lehrtätigkeit in Genf aufgeben wird – ihrer Schule wurde noch eine Meisterklasse angegliedert – dann wird es sich ganz nach Ascona zurückziehen und es soll ein neuer Versuch gemacht werden, um die Idee des Freilichttheaters zu verwirklichen.
Betritt man das Haus, in dem das Tänzerpaar in Ascona wohnt, so spürt man etwas von einer verzauberten Welt, etwas von jenem Zauber, der in Ascona einst überall zu finden war!“

Nachruf im „Ferien-Journal“ Nr. 127/1, vom 11. April 1970 von „ER“: „Die seit vielen Jahren jeweils vorübergehend in Ascona weilende Genfer Ballettmeisterin und -lehrerin Delly Flay-Waldvogel starb am 18. Januar im Alter von 66 Jahren an den Folgen schwerer Verletzungen, die sie bei einem Autounfall erlitten hatte. Ihren ersten Erfolg hatte die Künstlerin als 15-jährige in ihrer Heimatstadt Schaffhausen mit der Aufführung eigener Choreographien errungen. Später studierte sie in Zürich, Deutschland und Frankreich. Nach Tournéen in Europa wurde sie zunächst nach Basel und später nach Genf berufen. Vom Genfer „Grand Théatre“ wechselten Delly und ihr Mann, der Ballettmeister Willy Flay, als Ballettlehrer ins Genfer Konservatorium über, später eröffneten sie ein eigenes Studio. Auf ihrem Anwesen in Ascona verwirklichte das Paar einen Wunschtraum und liess ein Freilichttheater anlegen, sie veranstalteten Ballettabende, da ihnen jedoch das Wetter zu oft einen Strich durch die Rechnung machte, wurden keine Veranstaltungen mehr abgehalten. Alle, welche Delly Flay kannten, werden trauern, denn wie viele Menschen hat sie früher durch ihre Kunst beglückt!“
1939 fand in Feuerthalen die Hilarifeier statt, bei der unter anderem die Tanzgruppe „Flay-Waldvogel“ auftrat, siehe Programm unten. Am 17. Februar 1940 fand im Basler Stadttheater die Uraufführung von „Angelina“, ein heiteres Musikspiel in drei Akten, statt. Delly und Willy Flay-Waldvogel zeichneten für die Tänze verantwortlich, André Perrottet-von Laban, Sohn der Perrottet und des von Laban, für das Bühnenbild und Willy Ackermann war einer der Schauspieler.