Raphael Friedeberg
Raphael Friedberg, Arzt und Revolutionär

1863-1940, geboren in Tilsit, Ostpreussen, gestorben in Ascona

Friedeberg war einer von zwei Söhnen einer Rabbinerfamilie. Sein Studium der Nationalökonomie und der Medizin an der Universität in Königsberg wurde 1887 abgebrochen, weil er sich für die sozialdemokratische Wahlpropaganda engagiert hatte. 1890-1895 studierte er in Berlin weiter und schloss als Arzt und Spezialarzt für Lungenkrankheiten ab. Ab den 1890er-Jahren politisierte er im Rahmen der Krankenkassenbewegung und begann gegen die „Fixierung der SPD auf Parlamentsarbeit“ zu opponieren. Von 1901 bis 1904 sass er im Berliner Stadtrat. Er prangerte die Erfolglosigkeit im Kampf gegen das undemokratische Wahlrecht in Preussen an. Sein Vortrag über „Parlamentarismus und Generalstreik“ an einer Veranstaltung des Gewerkschaftskartells im August 1904 in Leipzig erregte Aufsehen. Im gleichen Jahr hielt er sich zum ersten Mal in Ascona auf. Wahrscheinlich auf Anraten von Erich Mühsam war er nach einer Karbunkeloperation mit anschliessender Blutvergiftung zu Erholung dort. Beginn der lebenslangen Freundschaft mit Fritz Brupbacher. Aus dem Tagebuch (1906, Seite 80) von Ida Hofmann: „Im Monat Mai (1904) versucht zum ersten Mal ein Arzt Dr. Friedeberg aus Berlin unsere Lebensweise ... Was sich Anarchist nennt, schart sich gern um seine sympathische Persönlichkeit, unter anderem Johannes Nohl, mit schönem Kopf und feiner Leidensmine, Schriftsteller Erich Mühsam, zwei im Grossstadtleben heruntergekommene Figuren, erfüllt von gepriesenem Gedankenleben und verkehrter Lebenslust. Lotte Hattemer und Elly Lenz, eine weitere Ansiedlerin, haben diesem Freudespaar die Pforten ihres Heims geöffnet, um ihnen in althergebrachter Weiblichkeit die praktischen Daseinswege zu erleichtern. Sie leben bald kommunistisch, bald voneinander getrennt, schwärmen für Individualismus und Nietzsche.“ 1907 nahm er am 3. Internationalen Kongress in Amsterdam Teil. Aufgrund seiner Erfahrungen als Arzt und Sozialpolitiker machte Friedeberg immer wieder auf Verletzungen der Menschenrechte des Proletariats im wilhelminischen Deutschland aufmerksam: „hohe Kindersterblichkeit und geringe Lebenserwartung, ein grosser Prozentsatz an Lungen- (Tuberkulose-) und anderen „sozialen“ Krankheiten in der proletarischen Bevölkerung. Die Sicherheit der Erwerbstätigkeit sei durch das Vorhandensein einer „industriellen Reservearmee“  jederzeit in Frage gestellt; schlechter Volksschul-Unterricht und die Verweigerung eines obligatorischen Fortbildungs-Unterrichts durch die herrschenden Klassen verhindere jede „tiefere Volksbildung“; die Erfüllung seiner Rechtsansprüche werde dem Arbeiter durch die „Klassenjustiz“ weitgehend unmöglich gemacht; von sozialen Aufstiegsmöglichkeiten für Proletarierkinder könne nicht die Rede sein, „das Kind des Arbeiters ist ausgeschlossen von den Kultur-und Bildungsmitteln der Nation“. Angesichts dieser Negativbilanz müsse man sich fragen, „ob da nicht ein Fehler etwa in dem Wege vorliegt, den die deutsche Arbeiterbewegung gegangen ist“. Diese Fehler versuchte Friedeberg aufzuzeigen. Provokant: „Ich verwerfe den Parlamentarismus und den politischen Massenstreik, der ja nur innerhalb des heutigen Klassenstaats und innerhalb des bürgerlichen Parlamentarismus dem Proletariat parlamentarische Rechte sichern soll. Ich trete dagegen nach wie vor ein: für die Gesetzlosigkeit, die Religionslosigkeit, die Vaterlandslosigkeit und den Antimilitarismus, für die direkte Aktion und den anarchosozialistischen Generalstreik, der, unter Verweigerung der Arbeitskraft des Proletariats als Klasse, die Zertrümmerung der kapitalistischen Ordnung und die Beseitigung des Klassenstaates zum Endzweck hat.“ Ab 1907 hielt er sich immer mehr und immer länger in Ascona auf, auch zog er von der Reichshauptstadt nach Friedrichshagen, wo auch Bruno Wille, Wilhelm Bölsche und Rudolf Steiner lebten. Mit Steiner hatte Friedeberg 1900-1905 an der Arbeiterbildungsschule in Berlin unterrichtet. In Ascona kaufte er sich an der Collina „auf einem Felsen ein Haus mit herrlicher Aussicht auf den Lago Maggiore und ein 10'000 Quadratmeter grosses, noch zu kultivierendes Grundstück und begann ein privates Leben als Columbarius. „Taubenwärter“ nannte er sich im Freundeskreis.“ Elly Lenz, die Malerin, zog im Sommer 1907 von ihrer Lufthütte auf dem Monte Verità zu ihm, im Dezember kam der gemeinsame Sohn Harald zur Welt. Emil Ludwig erinnerte sich in seiner Autobiografie „Geschenke des Lebens“ (Seite 229): „Sonst gab es weit im Umkreis kein Haus, und wenn etwa im Dorf einer dem anderen erzählte, dass ein paar verrückte junge Leute jetzt oben in Moscia wohnten, wo bisher die Malerin mit den langen Haaren war, die jetzt bei dem Anarchisten schlief, so hätte das niemand zum Risiko einer nächtlichen Eskapade veranlasst, bei der nichts zu holen war. Anmut ist ein wunderbares Mittel der Sicherheit.“ 1908 reiste Friedeberg zu Pjotr Kropotkin nach London. 1909 letzter öffentlicher Vortrag in Leipzig: „Anarchismus, seine Idee und Taktik“.  Aufgrund seines guten Rufs als Facharzt für Tuberkulose gewährten die Tessiner Behörden Friedmann die ärztliche Zulassung auch ohne Schweizer Arztexamen. Er wurde zum „Amtsarzt“ von Ascona und kam so auch mit der Bevölkerung in Kontakt. Friedeberg wurde von Szittya "der Vater der Asconeser Anarchisten" bezeichnet. "Er war einst Arzt in Berlin und sozialdemokratischer Reichtagsabgeordneter, bis er plötzlich Bekanntschaft mit dem französischen Syndikalismus machte. Er war ziemlich konsequent, trat aus der Partei aus, legte sein Mandat nieder und schrieb die erste syndikalische Broschüre, 'Direkte Aktion', in deutscher Sprache. Gründete die deutsche syndikalistische Bewegung. Hatte Unannehmlichkeiten mit der deutschen Behörde und verliess seine Heimat. Liess sich in Ascona nieder. Eine Zeitlang hat er jeden Anarchisten, der in das Dorf kam, materiell unterstützt. Es lebte zeitweise eine ganze anarchistische Kolonie bei ihm. - Die Theosophen, Spiritisten und Vegetarier hatten ihn als einen der ihrigen betrachtet; als aber die Sache mit den Anarchisten anfing, sah man sein Heim als das Nest des Teufels an und intrigierte überall gegen ihn." Friedeberg war mehrere Jahre lang auch als Kurarzt in Bad Kudowa tätig. Bad Kudowa ist eines der ältesten Heilbäder von Niederschlesien, heute liegt es in Polen. 1913 schrieb Friedeberg seinem Freund Fritz Brupbacher: „Elly macht noch in Theosophie, Harald wächst und ich altere“. 1914 ging Elly nach Dornach, um Rudolf Steiner und der Anthroposophischen Gesellschaft beim Bau des Goetheanums zu helfen. Friedmann unterstützte sie, solange er dazu in der Lage war. Harald ging mit seiner Mutter, er besuchte das Gymnasium in Basel, die dortige Rudolf Steiner-Schule und die Waldorfschule in Stuttgart, Harald Friedeberg verstarb im Jahr 1976. 1931 zog sich Friedmann ganz nach Ascona zurück, wo er am Rand der Armut lebte. Zu seinem Bekanntenkreis in Ascona zählten Otto Braun, Ernst Frick, Bernhard Mayer und Max Nettlau.

Unten ein Auszug aus "Monte Verità, Berg der Wahrheit" von Hand Manfred Bock und Florian Tennstedt.