hemingway
Claire Goll, Schriftstellerin und Journalistin

1890-1977, geboren in Nürnberg, gestorben in Paris

Geborene Clarisse Liliane Aischmann. 1911 heiratete sie in Leipzig Heinrich Studer, 1912 wurde die Tochter Dorothea Elisabeth geboren. Als überzeugte Pazifistin emigrierte sie 1916 nach Genf, studierte an der dortigen Universität und betätigte sich als Journalisten. 1917 lernte sie Yvan Goll, den sie 1921 heiratete, kennen. 1918 Affäre mit Rainer Maria Rilke. Nach den Jahren in Ascona (1918-1919) ging sie mit Yvan Goll nach Paris. 1939 Emigration nach New York, Rückkehr nach Paris 1947. Ihr Mann starb 1950. Danach widmete sie sich, in "zweifelhafter Manier", der Herausgabe des Werks ihres Mannes. 2002 erschien „Claire Goll, Ich lebe nicht, ich liebe. Eine biografische und literarische Collage“ von Susanne Nadolny bei Edition Ebersbach, Berlin, ISBN 978-3-9347-034-7-6.

Brief von Claire Goll, 55 rue Pigalle, Paris an Rainer Maria Rilke, Gut Schoenenberg vom 5. Mai 1920, Auszug: „Rainer, mein Herz ist traurig über Deinen Brief. Dass ich Dir helfen könnte! Du musst doch wieder irgendwo Heimat finden. Obwohl man sich heute überall entheimatet fühlt. –Es war natürlich leichtsinnig von mir Dir von Schlössern vorzuträumen. M. Laurencin, die inzwischen wieder abgereist ist, aber hat mit Gide gesprochen. (Weisst Du, dass Gide sich Deiner Korrespondenz 1914 angenommen hat?) Und G. sagte, er wolle sich für Dich umtun, für den Fall, dass Du nach Paris zurückkehren willst. Auch Vildrac, der ja so gütig ist, würde bestimmt etwas für dich tun. Denn man findet heute Wohnung fast nur durch Verbindungen, kaum noch mit Geld. Wir wohnen seit ½ Jahr im Hotel, faute de mieux. Ich will Dir nun ganz exakte Zahlen schreiben. So grenzenlos ich Dich auch herwünsche, noch stärker ist der Wunsch Stille um Dich zu wissen. Solche Stille kannst Du Dir nur mit monatlich 1000 Frs erkaufen – minimum. Deutsches Geld kommt natürlich nicht in Frage. Auch ich habe deutsches Geld, das ich mir gar nicht kommen lasse. Am Anfang ging es uns sehr bedenklich. Dann hat G. für einen deutsch-schweizerischen Verlag eine Stelle angenommen und ich hatte etwas Schweizer Geld – so leben wir von wenig Mitteln und viel Realismus. Du könntest für einen deutschen Verlag Lektor spielen – wenn sich wirklich niemand findet, der Rainer Maria Rilke Paris auftun will! Da ist z.Z. der Millionär Mayer, der sog. Pelzneger in Zürich. Von ihm lebten s.Z. Rubiner und Frank, leben heute noch Werefkin, Jawlensky etc. Da ist ferner André Germain in Brissago ...“

Ein Interview der Münchner "Abendzeitung" mit Claire Goll vom 31. Juli 1973:
Erzählen Sie aus Ihrer Vergangenheit!
GOLL: Wo soll ich anfangen? Ich war mit Romain Rolland, Rainer Maria Rilke, André Malraux, Louis Jouvet und Jacques Audiberti befreundet. Kokoschka hat mich gemalt, auch Marc Chagall, mit dem das Verhältnis aber jetzt ein wenig zerrüttet ist, seit ihm seine Geliebte, eine Engländerin, vierzig Jahre jünger als er, die aussieht wie die Beatrice von Dante, davonlief und zu mir flüchtete. Auch Picasso wollte mich malen, aber seine eifersüchtige Frau hat es verhindert. Mit Rilke war ich liiert, obwohl ich seinen Schnauzbart über den Negerlippen nicht ausstehen konnte. Als ich von ihm schwanger wurde, habe ich abgetrieben. Das Kind wäre sowieso idiotisch geworden wie seine Tochter, die dauernd Schlagsahne ass. Audiberti habe ich einen Korb gegeben. James Joyce, dieser pedantische Egoist, war mir zuwider. Nora, seine Frau, seufzte immer: Er schreibt und schreibt und schreibt. Darauf sagte ich: Sie haben halt ein Genie zu Hause. Ja, antwortete sie, das sagen alle, ich merke bloss nichts davon. Er brachte sein ganzes Geschlecht auf's Papier. Ein cerebraler Liebender, eigentlich gar kein Mensch. Mit Denkern habe ich nie viel anfangen können. Mich interessieren die einfachen Leute, Menschen aus Fleisch und Blut. Mit einem Elektriker bin ich sofort Bruder und Schwester. Da sage ich: Danke für Ihre Arbeit. Die Arbeiter sind meine Lieblinge. Taxifahrer chauffieren mich heute noch gratis. Klempner und Schuster arbeiten für mich ohne Lohn. Meine Putzfrau ist mir mit Haut und Haaren ergeben. Ich habe halt dieses gewisse Fluidum, diese unbewusste Lust an der Verführung. Ich kann nichts dafür.
1950 starb Ihr Mann, Yvan Goll...
GOLL: Ja, Ich wollte ihm folgen. Ich hatte ihm versprochen, ich würde mich umbringen nach seinem Tod. Aber er war dagegen. Er sagte: Bring Dich nicht um! Verwalte mein Werk! Es war nicht einfach. Denn die Männer haben mich auch im Alter nicht in Ruhe gelassen. Ich war noch sehr schön mit siebzig. Einer wollte mich sogar aus Liebe ermorden...
Nein!
GOLL: Doch! Er war Scherenschleifer, ein bildhübscher Junge. Er ging in die Küche, um meine Messer und Scheren zu schleifen. Dabei lächelte er schon so komisch. Ich hatte gerade noch die Geistesgegenwart, Michel, meinen Sohn, zu rufen. Da ist er geflüchtet. So was passiert mir andauernd.
Wann haben Sie sich zuletzt verliebt?
GOLL: 1967 während einer Vernissage in Paris. Der Junge sah aus wie Alain Delon, fünfzig Jahre jünger als ich, ein wilder, göttlicher Knabe. Er konnte Hölderlin auswendig. Da war es aus mit mir. Ich hatte schreckliche Gewissensbisse, weil ich meinen toten Yvan betrog, aber Michelangelo hat ja auch noch mit achtzig geliebt. Ich konnte nicht mehr ohne Liebe leben. Mein junger Freund blieb jede Nacht bis drei Uhr früh. Das war physisch nicht mehr ganz leicht für mich. Als er mich mit einem Homosexuellen hinterging, habe ich mich von ihm losgerissen. Es hat mich viele Tränen gekostet. Ich hatte einen Nervenzusammenbruch und beging den dritten Selbstmordversuch meines Lebens. Jetzt ist es endgültig aus mit der Liebe. Der nächste steht zwar schon vor meiner Tür, schön wie ein florentinischer Jüngling, aber ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr.
Schreiben Sie noch?
GOLL: Ich schreibe an einem Roman über meine letzte Liebe. Damit will ich den Frauen in meinem Alter beweisen, dass es für die Leidenschaft nie zu spät ist. Ich bin zweiundachtzig, aber ich stehe jeden Morgen Kopf und fahre Rad wie der Kaiser von Abessinien. Ich verehre Unkraut. Ich gehe zu Bett mit Rimbaud und singe täglich die Bach-Kantate "Ich freue mich auf den Tod". Mein Lieblingsheiliger ist Franz von Assisi. Meine Lieblingsspeise ist Eis. Aber in Deutschland ist das Eis so schlecht. Die deutsche Seele liegt in der Wurst.