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Gerhart Hauptmann, Schriftsteller

1862-1946, geboren in Obersalzbrunn, Deutschland, gestorben in Agnetdorf, Deutschland

Sohn einer Hoteliersfamilie. Nach einer bewegten Jugend studierte er in Jena, Dresden und Berlin verschiedene Disziplinen, ohne einen Abschluss zu erreichen. Ausgedehnte Reisen durch Europa. 1885 Heirat mit der Tochter eines Grossgrundbesitzers, die seine Existenz als freier Schriftsteller sicherte. "Führender Dichter des deutschen Naturalismus". Hielt sich oft in Rovio auf und wurde immer wieder im Asconeser Künstlerkreis gesehen. Kontakte zu Emil Ludwig in Moscia. Literaturnobelpreis 1912. 1919 wollte Hauptmann dem französischen Grafen de Loppinot das "Castello San Materno" in Ascona abkaufen, war aber als "boche" (abschätzige Bezeichnung der Franzosen für "Deutscher") nicht genehm. Das Castello wurde später von Charlotte Baras Vater erworben. Sein literarischer Nachlass wurde in Ronco s/Ascona verwaltet, in einer kleinen Wohnung an der Via Ciseri, in der später Peter Riesterer mit seiner Familie die Ferien verbrachte. Das "Ferien-Journal" von Oktiober 1962 berichtete darüber: "In Ronco oberhalb Ascona hat Dr. Benvenuto Hauptmann, zum Andenken an den 100. Geburtstag des grossen deutschen Dichters Gerhard Hauptmann eine Gendenkstätte errichtet. Es handelt sich um eine Art Museum wozu das Arbeitszimmer des Dichters in der Casa Al Sasso dient." Seinen "Till Eulenspiegel", erschienen 1927, liess Hauptmann, nachdem der "grosse Erzschelm, Landfahrer, Gaukler und Magier" das Nachkriegsdeutschland durchreist hatte, in der Maggia-Schlucht bei Ponte Brolla sterben: "Als einsamer Pilgrim überschreitet Till die Grenze der Schweiz. Er trifft dort auf dunkle Gestalten mit schlechtem Gewissen, die er nicht ohne Mitleid zurück lässt, später, in der Nähe von Pontebrolla, in einer Herberge zum Heiland, einen wirklich überaus seltsamen Hirten, der ihm bald wieder entschwindet. Im Suchen nach ihm stürzt der Vagant bei einer waghalsigen Bergpartie ab. Finis" www.gerhart-hauptmann.org.

"Ferien-Journal" Nr. 312/1, von April 1994, von Peter Riesterer: „Till Eulenspiegels Tod in der Maggia. Gerhart Hauptmann und das Tessin. Den bekannten Schriftsteller Gerhart Hauptmann (1862-1946) bringen wir, dank seiner Novelle "Der Ketzer von Soana" (1918), in Zusammenhang mit dem Tessin, resp. mit dem am Fusse des Generoso liegenden Dörfchens Rovio, das er 1886 erstmals aufsuchte und vom 16.April bis 6.Mai 1897 näher kennen lernte. Er bestieg den Generoso, versuchte in der Region ein Grundstück zu kaufen, das ihm, dem Deutschen verweigert wurde. Weniger bekannt ist, dass er sein Novellenmotiv in Ligornetto in der Werkstatt von Vincenzo Vela (1822-1891) fand; er hatte sie mehrmals aufgesucht. "Die Novelle ist eine reine Kolportage", schreibt Theo Kneubühler in Bezug auf Hauptmanns Monte Veritàbesuche.
In Lugano, wo der Dichter öfter geweilt haben soll, traf er u.a. Richard Katz, der später in Locarno-Monti ansässig wurde. Und am Lago Maggiore? Es wurde kaum publik, dass sich ein Teil des literarischen Nachlasses in Ronco s/A, während der Sechziger- und Siebzigerjahre, im Haus, das ich heute bewohne, befand. Dort verbrachten nach seinem Tod Frau und Sohn Ferienaufenthalte.
Hauptmanns "Des grossen Kampffliegers, Landfahrers, Gauklers und Magiers Till Eulenspiegel" erschien 1928 in Berlin und beschäftigte lange Zeit die literarische Welt: "Ponte Brolla, Eulenspiegels Tod in der Maggia, Motiv der Örtlichkeit"? Ein Jahrzehnt zuvor war der Dichter mit einem anderen Schriftsteller, Emil Ludwig, mehr oder weniger befreundet, auf Besuch in Ascona und versuchte das Castello Materno dem französischen Grafen de Loppinot abzukaufen. Erfolglos. Dem Grafen war der "boche" nicht genehm, sagte Charlotte Bara. Der Besitz ging an Frau Baras Vater über, der um 1927 für seine Tochter und deren Ausdruckstanzkünste das gegenüber liegende Teatro San Materno bauen liess.
Charlotte Bara mochte Hauptmann sowenig leiden wie den Hotel Monte Verità-Besitzer Baron Eduard Freiherr von der Heydt. Als ich, in persönlicher Zusammenarbeit mit ihr die Lebensgeschichte "Charlotte Bara - Ascona Leben und Tanz" schrieb (Ferien Journal Verlag Ascona, 1985), sprach sie von einem "gelegentlich in der Gegend herumstreunenden Hauptmann" und einem "in Ascona aufgetauchten Baron v.d.H., der den 'Reichtum' (gemeint 'neureiche und politische Prominenz') anlockte." Den Schriftsteller Emil Ludwig lobte sie dank dessen Hilfsbereitschaft. (Vor Drucklegung strich sie "aus Angst vor einer intellektuellen Mafia im Borgo und rund um den Monte Verità" den einen oder anderen Passus). Über Hauptmanns Besuche am Lago Maggiore war bislang wenig Konkretes zu ermitteln. Er soll von Lugano aus "ab und zu" zu uns rüber gekommen und das Hotel auf dem Hausberg besucht, Gast von Ludwig gewesen sein usw.
E.v.d.Heydt in seinen Monte Verità Erinnerungen (1958): Unter den "Fürsten der Literatur" will ich zunächst GERHART HAUPTMANN nennen. Er trug stets einen grossen schwarzen Filzhut im Stile des alten Bismarck, den er jedesmal verlor, und das Ende seiner Besuche auf dem Monte Verità war ein allgemeines Suchen nach dieser Kopfbedeckung des berühmten Dichters. Einmal passierte folgendes: Emil Ludwig hatte Otto Braun, den preussischen Ministerpräsidenten - von beiden wird noch die Rede sein - und Gerhart Hauptmann zu einem opulenten Frühstück in sein Haus eingeladen. Gerhart Hauptmann, der in Folge der ausgezeichneten Weine Ludwigs etwas in Stimmung gekommen war, erging sich plötzlich in begeisterten Schilderungen des deutschen Kronprinzen, den er zufälligerweise an der Riviera kennen gelernt hatte. Diese Begeisterung wurde natürlich von Otto Braun nicht geteilt. Emil Ludwig war über die Ausführungen Hauptmanns ganz entsetzt, da dieser ja eigentlich als Hohenzollerngegner galt. Er nahm mich nachher zur Seite und sagte: "Nun hat der gute Hauptmann in der gehobenen Stimmung sich unendlich geschadet, gerade als Otto Braun da war".
Bei Curt Riess liest es sich so: Emil Ludwig ging sehr grosszügig mit dem Geld um, das er mit seinen Büchern nicht nur in Deutschland, sondern auch durch Übersetzungen verdiente: in den USA standen seine Biographien auf der Bestsellerliste. Er unterstützte zahlreiche Bedürftige und solche, die vorgaben, es zu sein. Berühmt waren die Feste, die er gab; dasjenige seiner Silberhochzeit dehnte sich über mehrere Tage aus. Unter den Gästen befanden sich Gerhart Hauptmann mit Gattin und Jakob Wassermann, die Verleger Ernst Rowohlt und S. Fischer. Die Gäste waren nicht nur zu den Mahlzeiten, exquisiten Mahlzeiten, bei denen alle nur erdenklichen Delikatessen aufgetragen wurden, sondern auch zu den Übernachtungen in den Hotels eingeladen. Bei einem dieser schwelgerischen Empfänge wurde der Deckel einer Pastete abgenommen und eine weisse Taube flog heraus, um sich ratlos auf einer Gardinenstange niederzulassen, was Frau Hauptmann zu dem Ausruf veranlasste: "Gerhart, der Heilige Geist ist über dir!"
Beachtenswert ein Hinweis in der rororo-Hauptmann Monographie: Gerhart Hauptmann, dessen einst als pralle Gegenwartsdramen geschriebenen Werke nun Geschichte geworden waren, während historische Dramen wie Die Weber und Florian Geyer plötzlich als Zeitstücke ins Bewusstsein traten, dachte über das Leben, die Lebensdauer seiner Arbeiten ähnlich wie Gärtner oder Förster über ihre Pflanzungen. Als Emil Ludwig in einem Beitrag zum 70. Geburtstag Gerhart Hauptmanns verkündet hatte, welche Werke des Dichters bleiben und welche vergehen würden, hatte Hauptmann seinen Duzfreund Loerke gefragt, woher Emil Ludwig denn wisse, was dauern werde: Wir alle wissen es nicht; nur das wissen wir, dass nicht alles dauert.
Hauptmann machte auf seinen Reisen stets Notizen, die er erst Jahre später verarbeitete, in seine Erzählungen und Novellen einbaute. Es fällt auf, dass er sich in seinen Tagebüchern auf das Wesentlichste, literarisch bedacht, beschränkte und "flüchtige" Eindrücke, die tiefer gingen, wie z.B. seine Vision bei Ponte Brolla, an der Maggia, zu Plätzen der Geschehnisse (Tod des Till Eulenspiegels) machte. Nicht sein Till, er, Hauptmann wollte, von Ludwig angeregt, den von Gletschermühlen geformten wilden und gefährlichen Flusslauf der Maggia sehen. Ähnlich erging es ihm am unteren Lago Maggiore bei Stresa und Pallanza als Hotelgast. Dorthin versetzt er Goethe und die Stresa-Novelle MIGNON. Am 21. April 1897 erwägt er seinen Bruder Carl und Martha Hauptmann, geb. Thienemann, in Cannabio am Verbano, wo sie sich dort aufhielten, zu besuchen. Sie sind Bestandteil autobiographischer Schriften, Fragmente und dichterischer Werke. Der Eindruck, dass die nicht so reine Weste des "Hausberg-Barons von Asconas Gnade" und ein "selbstherrlich-überhebliches Verhalten des deutschpatriotischen Dichters" Hauptmann einander nicht näher kamen, (?) bleibt vorläufig im Raum stehen.