hemingway
Julius Hay, Dramatiker und Hörspielautor

1900-1975, geboren in Abony, Ungarn, gestorben in Ascona

Hay begann 1920 in Dresden Bühnenarchitektur zu studieren. Ab 1929 wohnte er in Berlin. Er unterstützte die deutsche kommunistische Bewegung in den 20er Jahren. 1933 Emigration über Wien und Zürich nach Moskau. 1945 Rückkehr nach Ungarn, wo er als Professor an der Theater- und Filmhochschule tätig war. Hay war einer der Wegbereiter des ungarischen Aufstands 1956, wurde verhaftet und sass bis 1960 im Gefängnis. Dann wurde er abgeschoben. Seinen Lebensabend verbrachte er in Ascona. Sein Grab bedindet sich auf dem Friedhof von Ascona.
Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 103/1, vom 15. April 1967, Asconeser-Künstler, Begegnung mit Julius Hay, von Doris Hasenfratz: „Julius Hay und seine Frau lernte ich vorletzten Winter auf einer Caféhausterrasse auf der Piazza in Ascona kennen. Die Wintersonne wirkt sich wärmend auf menschliche Kontakte aus; auf der Piazza kommt man mit seinen Tischnachbarn leicht ins Gespräch.
Jeder Satz, den Julius Hay spricht, ist durchdacht. Knapp und genau sind seine Antworten. Richtet man eine Frage an ihn, so spürt man, wie er nicht aus Träumen, sondern aus dem Denken herausgerissen wird. Dieser Dramatiker hortet in seinem Kopf gleichzeitig vier bis fünf Themen, die er weiterentwickelt, bis eines plötzlich sich vordrängt und nach der Niederschrift verlangt. Während der Niederschrift ändert er nur selten das vorerst im Kopf zu Ende gedachte Stück. Hay schreibt seine Stücke in Handschrift nieder; seine Frau Eva, von Beruf Dramaturgin, tippt die Mauskripte in die Maschine. Bei der Arbeit steht Hay an einem eigens für ihn konstruierten Stehpult. Sein Gedächtnis vermag die noch nicht niedergeschriebenen Themen über Jahre zu speichern. Theaterstücke, Hör- und Fernsehspiele; gleichsam aus seinem Gedächtnis aus. Es konnte ihm passieren, dass er am Radio die eigenen Stücke nicht sofort erkannte.
Vor drei Jahren, eingeladen von Freunden, kam das Ehepaar Hay erstmals wieder nach dem zweiten Weltkrieg nach Ascona. Sie entschlossen sich, in Ascona zu bleiben. Hay war in den Jahren 1935 und 1936 als Emigrant in Zürich. Sein Drama „Gott, Kaiser und Bauer“ war 1932 mit den Schauspielern Paul Wegener und Fritz Kortner an der Reinhardt-Bühne in Berlin aufgeführt worden; es gab nicht nur ein Theaterskandal, sondern auch eine Pressepolemik, die sich bis nach New York erstreckte. Von den Nazis wurde das Stück sofort verboten und Goebbels setzte den ungarischen Dramatiker auf die schwarze Liste. Schon einmal war Hay in die Emigration gegangen; er verliess Ungarn nach der niedergeschlagenen Revolution des Jahres 1919. In Dresden arbeitete er als Bühnenbildner; dann liess er sich in Berlin nieder, das er nach 1932 wieder verlassen musste. Prag, Wien, Zürich, Paris, Moskau und Städte in Mittelasien waren die Stationen seiner Emigration.
1945 kehrte er nach Ungarn zurück und übernahm an der Theaterhochschule in Budapest eine Professur für Dramaturgie. Hier lernte er auch seine Frau kennen. Hay wurde Vicepräsident des ungarischen Schrifstellerverbands, der als geistiger Kern des Oktoberaufstandes des Jahre 1956 angesehen wird. In einem Budapester Theater lief gerade die Generalprobe von „Gaspar Varo Recht“, ein Stück, das die Konflikte eines Mannes aus dem Volke darstellt, der in die Mühlen der Karrieristen, Bürokraten und Opportunisten gerät. Als im Jahre 1956 zum letzten Mal über die Ätherwellen von Radio Budapest Hilferufe zu hören waren, wurden sie auf ungarisch von Julius Hay, auf englisch und deutsch von seiner Frau Eva gesprochen. Nach der Niederschlagung des Aufstandes wurde Hay verhaftet. Er hätte fliehen können, aber er blieb. Er sollte zum Tode verurteilt werden; Proteste vieler Schriftsteller und Prominenter aus dem westlichen Ausland und aus Ungarn verhinderten das Todesurteil; er wurde zu 6 Jahren Gefängnis verurteilt und nach drei Jahren, in der Folge einer allgemeinen Amnestie, wieder freigelassen. Hinter Gefängnismauern hat er sein Stück „Mohacs“ geschrieben, sein schönstes nach Ansicht seiner Frau.
Nach der Haftentlassung blieb das Ehepaar Hay in Budapest; sie ernährten sich schlecht und recht von Übersetzungen. Hay übersetzte den „Simplicissimus“ von Grimmelshausen ins Ungarische; seine Frau übertrug moderne englische und deutsche Dramen in ihre Muttersprache. 1963 wurden sie vom Norddeutschen Rundfunk nach Hamburg eingeladen; man inszenierte „Haben“ für das deutsche Fernesehen mit Therese Giehse in der Titelrolle. Die Hay erhielten Pässe und konnten ausreisen.
Julius Hay, im Jahre 1900 in einem kleinen Ort der ungarischen Tiefebene geboren, ist ein fanatischer Verfechter der persönlichen Freiheit; er setzt sich gegen jede Diktatur zur Wehr, ganz gleich von welcher Seite sie auch kommt. Er kämpft in seinem Werk und mit seinem persönlichen Engagement gegen alles, was den Begriff der Humanität verletzt, zu Konzessionen ist er nicht bereit.
Ascona hat für diesen Dramatiker ein gutes Arbeitsklima; Hör- und Fernsehspiele hat er hier verfasst und auch ein neues Theaterstück: „Attilas Nächte“ 1963 beendet. Jeden Morgen um 5 Uhr geht Julius Hay an sein Stehpult; er arbeitet bis 10 Uhr vormittags. Dann gibt es das Frühstück. Seine Frau Eva arbeitet in einem anderen Rhythmus, bis spät in die Nacht hinein. Kommt früher Hunger auf, so wird er mit Emmentalerkäse behoben. Asconeser Sonne und Käse: Es ist nicht auszumachen, was Julius Hay mehr schätzt!
Jetzt bi ich „Hausdramaturgin“ mein Frau Eva. Sie hatte nach der Matur Tanz und Choreographie studiert, auch für einige Zeit eine eigene Schule geleitet, aber dann zum Journalismus übergewechselt. Vom Journalismus fand sie auch den Zugang zum Theater; bis zur Inhaftierung ihres Mannes war sie Dramaturgin am Via-Theater in Budapest. Diese sprühende lebendige Frau von erstaunlicher rascher Auffassungsgabe ist die ideale Mitarbeiterin ihres Mannes. Alle Themen werden gemeinsam besprochen, überlegt.
Über die Rolle des Theaters in unserer Zeit sagte mir Julius Hay bei einem Espresso auf der Piazza: „Am Theater ist jedes Experimentieren erlaubt, nur ein nicht: Irgendwelche – neue oder alte – Form für einzig gültig zu erklären. Es ist unbedingt zu begrüssen, dass in den letzten Jahrzehnten Experimente mit dem nichtdramatischen Drama gemacht werden, aber wir dürfen es dem Zuschauer nicht übel nehmen, wenn er das dramatische Drama vorzieht. Ein Stück muss aktuelle Probleme behandeln, auch wenn das Thema historisch ist. Das ist aber nicht so zu verstehen, dass man heutige Vorgänge in historische Kostüme verkleidet, sondern dass man in der Vergangenheit die Vorgeschichte der Gegenwart, die Wurzeln der heutigen Situation und Ereignisse findet. Mit Stücken, die mir Absicht nur belehren wollen, habe ich die Erfahrung gemacht, dass sie nicht die Wahrheit, sondern immer nur eine Vulgarisierung von Versimpelung der Wahrheit verkünden können. Die Wahrheit finden wir nur im Leben selbst, das im Drama nicht als Fotografie, sondern als bühnenmässige-künstlerisch-dichterische Widerspiegelung erscheint.