Peter Heim
Peter Heim, Schriftsteller

Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 126/8 vom 4. Oktober 1969, Asconeser-Künstler, Begegnung mit Peter Heim, Schriftsteller in Cavigliano, von Dr. Lars Pfenninger: „Das Tessin und vor allem die Gegend um Ascona herum, hat immer und immer wieder Musiker, Dichter, Maler, Bildhauer und Schriftsteller angezogen und die meisten von ihnen nie mehr aus ihrem magischen Bann entlassen. Viele von diesen Künstlern aber könnten auf eine direkte Frage, warum sie gerade die Gegend zu ihrer Wahlheimat auserkoren haben, keine genaue Antwort geben, weil sie es in den meisten Fällen selbst nicht wissen! Ein Künstler ist ein überaus sensibles Geschöpf mit "überfeinen „Antennen“ für sichtbare und unsichtbare Dinge, für die Stimmung der Umgebung, was im italienischen Sprachgebiet so treffend mit „ambiente“ ausgedrückt wird. Der überwiegend grösste Teil der Leute, die hierher kommen, fühlt sich wohl in dieser Umgebung, der wirkliche Künstler aber schafft sich im gegebenen, dem „externen Ambiente“ sein nur auf ihn, auf seine persönlichen Bedürfnisse abgestimmtes „internes Ambiente“, in dem er arbeitet, Impulse und Anregungen für sein künstlerisches Schaffen empfängt, das von seiner Persönlichkeit durchdrungen ist und es ihm möglich macht, seine Werke zu schaffen. Er ist also einer Biene zu vergleichen, die von einer Blume zur andern fliegt, dort die „Rohstoffe“ sammelt, sie in ihr Heim trägt und sie dort zu dem geschätzten und oft auch wunderwirkenden Honig werden lässt.

Wer Peter Heims Werke list, merkt sehr bald, dass er es mit einem Schriftsteller zu tun hat, der nicht „nach der Mode tanzt“, obwohl seine Romane aktuelle Themen berühren. Er schreibt nicht nach irgend einem gerade „en vogue“ stehenden „man nehme Rezept“ in der Hoffnung, beim grossen Publikum anzukommen. Peter Heim kümmert sich sehr wenig um das übliche „man nehme“, er gestaltet sein Werk auf seine ihm ureigene rt bei ihm heisst es: „Ich, Peter Heim, schreibe....“ und dann schreibt er seine Gedanken und Einfälle nieder in seinem knappen realistischen Stil, gestaltet sie zum spannenden Werk. Ws mir Peter Heims schon vom ersten Augenblick ans so sympathisch erschienen liess, war gerade dieses gesunde Bewusstsein seiner Persönlichkeit. Bei ihm heisst es nicht, um mit den Worten von Max Frisch zu sprechen, fiktiv „mein Name sei Gantenbein“, sondern ganz einfach, „mein Name ist Peter Heim“ dieses „ist“ offenbart sich in unzähligen Kleinigkeiten, in der Gestaltung seines Heimes, wo er wirklich daheim ist. Die gerade in unserer Zeit epidemisch um sich greifenden „Normkrankheit“ hat ihn glücklicherweise nicht befallen; er ist seinem innersten Wesen in jeder Beziehung treu geblieben und macht dem Modegeist nicht die geringsten Konzessionen. Dies aber kann sich nur der leisten, welcher wirklich etwas zu bieten hat, welcher weiss, was er ist und wie sein Auftrag im grossen Räderwerk des Lebens lautet.

Peter Heim ist im Krieg und in der Gefangenschaft gewesen, ist mit den unterschiedlichsten Leuten in Berührung gekommen, hat mehrerer Jahre in Spanien gelebt und hat sich mit dem künstlerischen Ausdruck dieser in ihrer Art einzig dastehenden Nation auseinandergesetzt, ist in ihre Geheimnisse ein gutes Stück weit eingedrungen und hat dabei gespürt, dass die spanische Kultur und Wesensart ihn mit magischer Kraft von einem Weg abzubringen, ihn umzuformen vermöchte, wenn er ihr zu lange ausgeliefert bliebe und ist ihr daher geflohen, um hier in der bezaubernden ländlichen Gegend des Pedemonte, ganz sich selber zu sein und aus sich selber heraus unbeeinflusst von Tradition leben und arbeiten zu können. Peter Heim fühlt sich hier wohl und wer mit ihm in näheren Kontakt kommt, fühlt sich ebenfalls wohl.

Es könnte nun aber scheinen, als wäre er ein weltfremder, in seiner Klause von der übrigen Welt abgeschieden lebender Sonderling. Gerade das Gegenteil ist der Fall; er akzeptiert die Welt, die andern, er hat sie nötig und sicht deshalb  ihren Kontakt. Er ist weder ein sturer Asket noch ein „Narziss“, sondern ein „Goldmund“, der es versteht, die Feste zu feiern, wie sie fallen, aber natürlich immer nach dem alten Sprichwort: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“. Von sieben Uhr morgens bis zwei Uhr nachmittags wird seriös und hart gearbeitet, und wenn es eilt oder die Verleger gar zu sehr drängen, geht es eben nochmals die die Arbeit, nicht selten bis tief in die Nach hinein, aber den Aperitif in der Trattoria oder fröhliche Stunden im Freundeskreis vermag ihm selbst der hartnäckigste Verleger nicht zu nehmen. Er freut sich über das Schöne, das ihm das Leben zu bieten hat mit der gleichen Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit, wie er sich auch mit den unvermeidlichen Schattenseiten auseinanderzusetzen gewohnt ist. Leben heisst erleben und für den Künstler heisst es noch dazu, aus den Gegebenheiten des Lebens, den angenehmen, wie auch den andern, das beste zu machen zu Nutz und Frommen seiner selbst, wie auch der andern, denen man als Künstler verpflichtet ist. Jeder Puritanismus, jede Heuchelei und jedes Wahren eines falschen Scheins sind Peter Heim ein Greuel. Leben und leben lassen ohne sein eigenes Ich zu verleugnen, das ist Peter Heims bewusster oder unbewusster Grundsatz."