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Walter Helbig, Kunstmaler

1899-1961, geboren in Falkenstein, Deutschland, gestorben in Ascona

Studierte an der Dresdner Akademie. Er lebte zeitweise in Florenz. Ab 1910 Tätigkeit in Berlin und München, Bekanntschaften mit Wassily Kandinsky, Karl Schmidt-Rottluff und weiteren. 1911 kam er nach Ascona und wirkte dort, wie auch Hans Arp und Paul Klee für den "Modernen Bund". Helbig arbeitete in Zürich, Berlin und Paris. 1938 Bürgerrecht von Ascona. Er war Mitbegründer der Gruppe "Der Grosse Bär". 1924 liess er sich definitiv in Ascona nieder.
Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 8, vom 28. Mai 1955, Asconeser-Künstler: „Walter Helbig ist der Senior der Asconeser Künstler und derjenige von ihnen, der am längsten in Ascona lebt. Jugendlichen Schrittes , mit wehenden weissen Haaren und frischem Aussehen, möchte man nicht glauben, dass er die fünfundsiebzig überschritten hat, wenn man ihn die Collina hinaufwandern sieht, wo er sein Wohnhaus und Atelier hat. Helbig hatte seiner Zeit mit dem verstorbenen Maler Albert Kohler die Asconeser Künstlervereinigung „Der grosse Bär“ gegründet, die eine erfrischende Aktivität entwickelte und als geschlossene Gruppe in den Schweizer Städten und auch in Deutschland, Ausstellungen veranstaltete. Helbig gehört zu denjenigen Künstlern, die verschiedene Perioden der Entwicklung durchgemacht haben, bei dem es nie einen Stillstand gab und der gerade in seinem Altersstil nochmals entscheidend gewandelt hat. Darin kommt wohl der Jungbrunnen seines Temperamentes zum Ausdruck.
Er ist sein Leben lang ein Suchender und Findender gewesen, den das Experiment reizt, und der sich nie mit einem erreichten Resultat zufrieden gibt. Wir kennen von ihm figürliche Darstellungen, vom Porträt bis zum Symbolischen gehend, mitunter Wirkungen erzielend, wie wir sie schon bei den Etrusken erlebt haben. Es gibt bei ihm Landschaften, die sich an den deutschen Expressionismus anknüpfen und in denen fast immer das architektonische Element eine Rolle spielt. Seine früher dunkle und pastose Palette hat gerade in den letzten Jahren eine merkliche Aufhellung erfahren und aus seinen neuesten Bildern spricht eine Helle und Transparenz, die leuchtende Farbkompositionen ergeben.
In den Jahren 1931/32 hatte Helbig seine kubistische Zeit. Er ist dann wieder zum Gegenständlichen zurückgekehrt, um sich jetzt mit der Reife seines Alters erneut vom Gegenstand zu lösen. Damals hatte er in Paris zusammen mit Arp und Ernst ausgestellt, und wenn man heute Bilder aus jener Epoche sieht, kann man sie getrost neben die Bilder der französischen Maler stellen. Doch die von ihm in jenen Jahren gewählte Ausdrucksform hat ihn nie vollends befriedigen können. So blieb er weiter ein Spürender, wie es aus seiner ganzen Entwicklung ersichtlich wird.  Es gibt von ihm Landschaften aus dem Jahre 1953, die bereits deutlich den Weg weisen, den er bis zu seinen letzten Bildern durchschreiten würde. Heute ist für den Künstler der Ausdruck des Abstrakten eine Befreiung von den Lebensproblemen als solchen geworden. Seine Überlegungen und Betrachtungen haben ihn dazu gebracht, die Bilder nicht mehr in Vorder- und Hintergrund aufzuteilen. Verschwunden ist die Vorstellung der Perspektive. Die naturgetreue Wiedergabe einer Landschaft kann man heute getrost der farbigen Fotoplatte überlassen. Das ist die Ansicht Helbigs, der sich jetzt die Aufgabe stellt, die Fläche selbst zu durchbrechen und zu durchdringen und zur vierten Dimension zu gelangen. Genau wie in der Naturwissenschaft heutzutage früher unbekannt gewesene Kräfte frei gemacht worden sind, so strebt in gleicher Weise die Malerei nach neuen Wegen, und es ist erstaunlich, dass ein Künstler wie Helbig anstatt sich in die Ruhe des Alters zu flüchten, immer weiter den Kampf nach vorwärts trägt. Seine Bildfläche wird beweg, das Erlebnis des Visuellen auf sie projiziert, so dass die Fläche ihr eigenes Raumleben erhält. Für Helbig ist aber diese Art der Gestaltung nicht allein ein malerisches Problem, sondern ein Versuch, sich mit einem anderen Weltgefühl auseinander zu setzen. Die meisten Menschen sind sich nicht bewusst, dass unsere Art des Sehens auch eine Wandlung durchzumachen hat, dass wir nicht dort stehen bleiben können, wie es vor fünfzig Jahren war. So zeigen gerade die allerneusten Bilder Helbigs eine ganz bewusste und nicht mehr suchende Loslösung von der überlieferten Raumgestaltung. So kommt es, dass einige der Bilder wie durch Wellen bewegt erscheinen, dass sie die Transfiguration der vierten Dimension im Geistigen darstellen. Helbig bleibt nach wie vor im formalen Ausdruck durch die Natur angeregt, auch wenn er sich von den Formen der Natur gelöst hat.
„Ich strebe an, mit jedem Bild ein in sich existierendes Gebilde zu schaffen, das einen einmaligen Ausdruck hat.“ Dieser von ihm gemachte Ausspruch enthält das Charakteristische seiner Arbeit. So zeigt eines seiner eindrucksvollsten Bilder den Titel „Chinesisches Rot“, weil einem aus diesem Bild die Vorstellung des chinesischen Rot anspricht. Ein anderes heisst „Epomeo“, weil wir in ihm im übertragenen Sinne Formen wieder finden, die in der Lavaformation des Monte Epomeo sind. „Die Fähigkeit des Kunst-Erlebens fällt einem nicht mühelos in den Schoss. Sie will erkämpft und erarbeitet sein: Voraussetzung ist der Wille dazu.“ Dieses Motto passt gut zu dem Lebenswerk von Walter Helbig.“