Hilde und Hans Herzig, Künstler

Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 45/6, vom 22. August 1959, Asconeser-Künstler, von Bea Frik: „Eine beglückende Atmosphäre der Geborgenheit und der Anteilnahme, zugleich auch der geistigen Freiheit und Unabhängigkeit empfängt mich jedes Mal, wenn ich in Arcegno Hilde und Hans Herzig aufsuche. Diesem Künstlerpaar, dem die geistigen Werte über allem Materiellen stehen, ist es gelungen, in langen Jahren sich abseits von Lärm und geschäftigem Treiben ein Refugium aufzubauen, das eben diese kostbare, heute so seltene Atmosphäre ausstrahlt. Wenn sie heute ein Ziel erreicht haben, nämlich ein Häuschen mit einem Atelier voll Licht und Sonne, einer geschmackvoll eingerichteten Wohnung, einem grossen Garten, der eine „geplante“ Wildnis mit vielen seltenen Blumen, Blüten und Sträuchern ist, zu besitzen, so ist dies auf ihre Ausdauer, das harte Ringen mit Krankheit und Enttäuschungen, ihre grosse innere Kraft zurückzuführen. Und von dieser inneren Grösse, dem steten Vorwärtsstreben ist das ganze Werk der beiden durchdrungen und getragen. Dieses Werk ist ein lebendiges, organisch gewachsenes.
Schon damals an der Junkerngasse in Bern wussten die beiden, dass das Wesentliche im Leben nicht materielle Sicherheit und sogenannter Wohlstand ist, sondern dass nur innere Unabhängigkeit, völlige Losgelöstheit von materieller Spekulation und Jagerei nach dem Glück der gute Boden sind, auf dem ihr künstlerisches Schaffen gedeihen konnte.
Hilde fand nach vielem Suchen die Ausdrucksmöglichkeit, in welcher sie über ihre tiefe Verbundenheit und Liebe zu allem, was Leben ausströmt, sei zu Pflanze oder Tier, zu den Mitmenschen sprechen konnte. Sie bekam durch Zufall Ton in ihre Hände und fing an zu formen. Tiere, trefflich gestaltet, waren ihre Erstlingswerke. Da gab es drollige Elefanten, mit riesigen Ohren, liebe kleine dumme Schafe, witzig dreinschauende Hunde. Immer mehr Wunderwerklein entstanden aus Hilde’s schöpferischen Händen. Natürlich blieben auch ihr die bitteren Enttäuschungen in der Auseinandersetzung mit dem Material, Ton, Glasur, Farbe, der Temperatur des Brennens, nicht erspart. Doch ein inneres Drängen und eine grosse Kraft und viel Geduld liessen sie stets wieder neu anfangen, wenn etwas misslungen war, gaben ihr stets wieder Mut, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen.
Zu gleicher Zeit malte Hans seine Aquarelle: Landschaften in lichten, harmonischen Farben waren Ausdruck seiner ruhigen, dem Freundlichen zugetanen Art. Daneben faszinierte ihn die Musik, und es ist nicht verwunderlich, dass der klare, saubere Rhythmus des klassischen Jazz seinem Wesen am besten entsprach. Lange Jahre spielte er in einer „Band“. Ganz nebenbei entstanden unter seinen Künstlerhänden Werke der Graphik und des Kunstgewerbes.
Mit Zelt und per Velo zogen diese beiden, die gebürtige Linzerin und der Berner, oft in die Ferien über den Gotthard, durchstreiften die Tessinerlandschaft, waren tief beeindruckt und beglückt von den einsamen, verträumten Dörfchen. Immer wieder kehrten sie dahin zurück und entschlossen sich endlich, sich in Arcegno niederzulassen. Dies war vor etwa 15 Jahren. Zuerst bezogen sie ein altes Tessinerhaus, eines von denen, die einem Geschichten aus vergangenen Zeiten zu erzählen haben, wenn man zu lauschen weiss. Mit viel Liebe und Sorgfalt richten sie sich ein. Hans zimmerte Möbel, die in ihrer Einfachheit und Ursprünglichkeit ganz im Einklang zum Haus und dessen Bewohnern standen. Hilde begann sofort ihrem Hobby zu frönen: Mit Geduld hegte und pflegte sie im kleinen kühlen Höflein rankende und kletternde Pflanzen, Blüten und kleine Blumen. Und endlich ging auch der grosse Wunsch, Tiere nicht nur in Ton, sondern lebendig und warm atmend um sich zu haben, in Erfüllung. Die grosse Liebe zur Kreatur hätte es damals in Bern nicht zugelassen, Tiere in einer Dachwohnung einzusperren. Nun in diesem kleinen Paradies würden sich Tiere wohl und frei fühlen. Georgli, der stolze Siamesenkater, Seppli, der quicklebendige kleine Zwergschnauzer, Pastor, der zottige Bergamasker-Hirtenhund, hielt Einzug im neuen Heim.
Und nun in dieser Umgebung, die Harmonie und Stille ausstrahlte, konnte Schaffen unserer beiden Künstler herrlich gedeihen. Hildes grosse Phantasie und Sinn für die Kreatur liessen sie immer neue Figuren finden. Langsam liess sich auch Hans von der Keramik in Bann ziehen. Zuerst liess er den Pinsel, sein Instrument vom Aquarellieren, noch nicht ganz aus den Händen. Er bemalte die von seiner Gattin geformten Figuren. Doch bald einmal fing auch er zu formen an. Und neben den Tieren entstanden mit der Zeit formschöne Vasen, Schalen und Krüge. Auch bei diesen Letzteren fühlt man die tiefe Verbundenheit mit der Natur; denn die beiden Künstler lassen nicht einfach eine Vase entstehen, sondern bei allem Formen und Bemalen sehen sie schon den Blütenzweig, den Feldblumenstrauss, der mit dem Gefäss eine Einheit bilden wird.
Hilde und Hans Herzig hatten sich ein Heim eingerichtet, das Ruhe und Behaglichkeit ausströmte und in dem man sich sofort zuhause fühlte. Dank ihrer grosszügigen Gastfreundschaft fand mancher, der Stille, Harmonie und geistige Regsamkeit suchte, dort Zuflucht und teilnehmende Freundschaft. Doch kam die Zeit, da dieses Haus den Besitzer wechselte und die beiden Künstler ausziehen mussten. Nach langem Hin und Her – sie wollten „ihr“ Dörflein nicht verlassen – entschlossen sie sich, das neue Heim selbst zu bauen. Der Platz wurde gefunden und mit der tatkräftigen Mithilfe der beiden entstand das entzückende Haus mit dem grossen Garten, das sie heute bewohnen.
Immer noch sind sie hauptsächlich Keramiker, schaffen aus der Masse des Tons Tierlein und Gebrauchsgegenstände, doch suchen sie immer neue Formen, neue Farbeffekte. Daneben hat Hilde ihren Garten, in dem sie mit viel Geschick und Hingabe unzählige Blumen und Sträucher hegt und pflegt, deren Namen sie alle weiss und von denen die meisten irgendeine „Geschichte“ haben.  Trotzdem sie in diesem abgelegenen Tessinerdorf leben, sind die beiden Künstler nicht weltfremd geworden, sondern erleben die grosse Entwicklung unserer Zeit intensiv mit, so intensiv, wie dies nur wahre Künstler können. Und ihre Aufgeschlossenheit und ihr Interesse bringen ihnen immer wieder Freunde ins Haus, Freunde die dankbar sind für die liebe Gastfreundschaft, dankbar für eine Stunde des harmonischen, glücklichen Zusammenseins!“