Anthony van Hoboken, Musikwissenschafler
1887-1983, geboren in Rotterdam, gestorben in Zürich

Sohn einer wohlhabenden Handels-, Bankiers- und Reederfamilie. Studium an der Technischen Hochschule in Delft, ab 1909 am Konservatorium in Frankfurt am Main, wo er Harmonielehre und Komposition studierte. Ab 1917 Wohnsitz in München, wo er sich der „Bohème“ anschloss, verschiedene Bekanntschaften, auch mit Heinrich Maria Davringhausen, Oskar Maria Graf und Georg Schrimpf. 1922 Heirat mit der Schauspielerin Annemarie Seidel, Scheidung 1932. Zweite Heirat 1933 mit der Lyrikerin Eva Hommel. Nach dem Österreichischen „Anschluss“ an Nazideutschland zog er in die Schweiz, wo er zuerst in St. Moritz, dann von 1940-1950 in Lausanne und ab 1951 in Ascona lebte. 1977 zog er nach Zürich.  Van Hoboken wurde zu einem bedeutenden Sammler von musikalischen Erst- und Frühdrucken, von Haydn besass er rund 1'000 solcher Drucke.
Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 63/1, vom 27. April 1962, Asconeser-Künstler, Anthony van Hoboken – Der Autor des Haydn-Kataloges wurde 75 Jahre alt, von Doris Hasenfratz: „Täglich zur gleichen Zeit sehen wir einen Herrn über die Piazza von Ascona spazieren mit einem braunen Langhaardackel an der Leine, der auf den Namen „Eros“ hört. Dieser Herr ist eine der bekanntesten Gestalten jenes geistigen Ascona, das heute immer mehr im Verblassen ist. Wer ihn in seinem Kamelhaarmantel, den braunen Filzhut in die Stirn gezogen, elastischen Schrittes da her kommen sieht, würde nicht vermuten, dass er am 23. März seinen 75. Geburtstag gefeiert hat. Mit seinem frischen, leicht rosigfarbenen Gesicht, dem offenen aufmerksamen Blick, der oft den Ausdruck des Nachdenklichen bekommt, im Gespräch nicht sehr mitteilsam, doch im rechten Augenblick lebhaft interessiert und mit einem leicht humoristischen Einschlag ist dieser Herr der verkörperte Typus des „Mijnheer“.
In der Tat ist er es auch: Anthony van Hoboken, in Rotterdam 1878 als Mitglied einer alteingesessenen Patrizierfamilie geboren, lebt seit 1938 in der Schweiz, die seine Wahlheimat geworden ist. Zuerst war er in Lausanne wohnhaft, doch seit 1952 lebt und schafft er in seinem schönen Haus am See in Ascona.
Seine Tätigkeit gilt weder dem Schiffsbau noch dem Handel. Anthony van Hoboken hat sich Zeit seines Lebens, obwohl er drei Jahre lang an der technischen Hochschule in Delft sich dem Ingenieurstudium gewidmet hat, der Musikwissenschaft und Musikforschung verschrieben. Glückliche äussere Umstände gestatteten ihm das Leben eines Forschers und Sammlers. Seine Musikstudien führten ihn von Rotterdam über Frankfurt nach Wien (1925) zu Heinrich Schenker. Er gründete in Wien das Archiv für Photogramme von musikalischen Meisterhandschriften, das der Musiksammlung der Nationalbibliothek Wien angegliedert wurde. Es ist das erste Zentrum für Dokumentation auf musikalischem Gebiet. Im Zusammenhang damit spezialisierte er seine seit 1919 durchgeführte Sammlung von Früh- und Erstdrucken der Werke der grossen Komponisten, die in dem Zeitabschnitt zwischen Bach und Brahms lebten. Diese Sammlung war zum Zweck musikwissenschaftlicher Arbeiten zusammengetragen worden. In der Zeit, als Anthony van Hoboken diese Sammlung anzulegen begann, war das Interesse an derartigen musikbibliographischen Dokumenten noch sehr gering, und er konnte sie unter erheblich günstigeren Voraussetzungen erwerben, als dies heute der Fall ist. Bei seiner Sammeltätigkeit entdeckte Anthony van Hoboken, dass es von dem ausgedehnten und in alle Himmelsrichtungen verstreuten Werk von Joseph Haydn keinen Übersichtskatalog gab, auch das biographische Material wie grosse Lücken auf. Nur über sein Werk „Die vier Jahreszeiten“ gab es einige Publikationen.
Anthony van Hoboken begann einen Zettelkatalog anzulegen, der sich mit den zeitgenössischen Ausgaben der Haydn-Werke befasste. Ausser der textgetreuen Angaben des Titels sind auch die Anfangstakte des betreffenden Musikwerkes sowie eine Inhaltsangabe, die Beschreibung des Exemplars, dessen verschiedene Merkmale und wenn feststellbar das Erscheinungsdatum der Komposition und weitere Angaben vermerkt. Aus dieser Arbeit ergab sich die Zusammenstellung eines thematisch-bibliographisch belegten Haydn-Kataloges, von dem bis heute ein Band fertig vorliegt, der das Instrumentalwerk von den Symphonien bis zu den Flötenuhrstücken umfasst. Erscheinen 1957 im Verlag Schotts Söhne, Mainz. Der zweite Band steht kurz vor dem Druck. Zu Haydns Lebzeiten haben sich ungefähr 125 Verleger mit der Herausgabe seiner Werke befasst. Von den 2500 vorhandenen Drucken nach handgeschriebenen Originalen von Haydn wurden 95 Prozent von Anthony van Hoboken erfasst.
Die Hälfte dieses Materials befindet sich in seinem Zettelkatalog. Eine chronologische Ordnung der Haydn-Werke ist nicht durchführbar, weil es an den exakten zeitlichen Angaben fehlt. Der Haydn-Katalog ist daher nach Werkgruppen zusammengestellt worden. Der zweite Teil des Kataloges enthält das Vokalwerk und der dritte die von Haydn bearbeiteten schottischen Lieder, bibliographisches Material, Listen der Verleger, vergleichende Werkverzeichnisse und Register. Innerhalb der einzelnen Werkgruppen hat Anthony van Hoboken den Versuch einer chronologischen Ordnung unternommen.
Diesen Katalog können wir als Krönung eines fast dreissigjährigen Lebenswerkes auf dem Gebiet der Musikforschung ansehen; er ist eine gigantische Arbeit des Suchens, Forschens und Findens. Zu diesem Zweck ist Anthony van Hoboken an vielen Orten gewesen, wo Haydn-Manuskripte zugänglich waren: Paris, London, Wien, Prag, Budapest, Berlin, New York – um nur einige der wichtigsten Arbeitsstätten zu nennen. Umfangreiche und komplizierte Korrespondenzen und minutiöse Untersuchungen waren mit dieser Arbeit verbunden. Ein Beauftragter von Anthony van Hoboken bereiste im Jahre 1937 Süddeutschland und Österreich, um in dortigen Klöstern und Stiften nach vorhandenen Abschriften von Haydns werken zu suchen. Diese Arbeit fand leider durch den Krieg ihre Unterbrechung.
Seine ungeheure Forschungsarbeit hat auch ihre Anerkennung in weiten Fachkreisen gefunden. Die Princeton-Universität (USA), die Universitäten von Kiel und Utrecht haben ihn zum Ehrendoktor ernannt und viele Musikgesellschaften ihn mit Auszeichnungen bedacht. Er hat in Zürich, Basel, Paris und London Vorträge über den Haydn-Katalog gehalten, eingeladen von Bibliothekgesellschaften, bibliophilen Vereinigungen oder gar zur internationalen Tagungen der Musikbibliotheken in Kassel.
Nichteingeweihte, die sein Haus in Ascona besuchen, ahnen nicht, dass sich im ersten Stock eine umfassende musikwissenschaftliche Bibliothek befindet, die in der internationalen Musikwelt bekannt ist. Musikwissenschaftler und Musikbeflissene aus aller Welt kommen hierhier, um in dieser Bibliothek zu forschen und zu arbeiten, denn diese mit Büchern eng bestückten Regale dienen nicht der Schau: es ist eine Arbeitsbibliothek, die so systematisch aufgebaut wurde, wie es in der Schweiz keine zweite in ihrer Art gibt. Viele der bekanntesten Musiker kamen nach Ascona, wenn sie in der Schweiz gastierten, um in dieser Bibliothek zu arbeiten und um mit dem Besitzer über verschiedene Passagen und Auslegungen zu diskutieren. So vollzieht sich an dieser Stätte ein ständiger und lebendiger Austausch zwischen Musikinterpretierenden und Musikgelehrten.
Welch ein Arbeitsplatz! Ein achteckiger Glasvorbau erschliesst einen herrlichen Ausblick auf die Piazzasilhouette Asconas, die Schiffe ziehen am Haus vorbei, die gen Italien steuern. In der Mitte des hellen Arbeitsraumes steht ein grosser Doppelschreibtisch, auf einem Karteischrank auf einem alten Sockel eine kleine Marmorbüste von Joseph Haydn.
Dem Kanton Tessin, der, abgesehen von der Sammlung Thyssen’ Lugano, an international bedeutenden Forschungs- und Arbeitsstätten nicht allzu reich ist, droht der Verlust der Sammlung musikalischer Erst- und Frühdrucke, die wohl als eine der bedeutendsten musikwissenschaftlichen Privatsammlungen anzusprechen ist. Das Lebenswerk eines Gelehrten, in vierzigjähriger, intensiver Arbeit aufgebaut, soll wie es heisst, der Spitzhake zum Opfer fallen. An der Stelle des Hauses von Anthony van Hoboken mit seinem reizvollen, alten Tessiner Garten soll im Zuge der geplanten Verbreiterung der kantonalen Strasse Ascona- Brissago ein Parkplatz (!) angelegt werden.“