1800 Der Streit um die Glocke, Zwischenbericht aus Intragna.

Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 10, vom 9. Juli 1955: Mit den Städten geht es oft wie mit Mitgliedern einer Familie. Es besteht zu den nächsten Nachbarorten keine allzu grosse Freundschaft. Der eine versucht dem anderen das Leben zu erschweren. Ein kleiner Zwischenfall geschah zwischen Locarno und Intragna im Jahre 1800. – Die Locarnesen wollten ihre alte Turmglocke, die auf dem Stadtturm hing, versteigern. Die Bürger von Intragna wollten diese Glocke gern erwerben und sandten einen Vertrauensmann, Giuseppe Pellanda, zur Auktion nach Locarno. Da er der am meiste Bietende war, wurde ihm die Glocke zugesprochen. So geschehen im April des Jahres 1800. Im Juni des gleichen Jahres schickte Intragna abermals seine Leute nach der Stadt, um über die Zahlung zu verhandeln. Auch wollte man gerne wissen, wann die Glocke abgenommen werden sollte. Inzwischen hatten es sich die Locarnesen anders überlegt und wollten die Glocke nicht mehr verkaufen. Es blieb den braven Bewohnern von Intragna nichts anderes übrig, als auf gerichtlichem Wege zu versuchen, zu ihrem Recht zu kommen. Die Sache zog sich in die Länge. Kein Ende war abzusehen. Wenn die Frauen von Intragna mit ihren Strohkiepen auf dem Rücken auf den Markt von Locarno kamen, um dort ihre Früchte und das Gemüse zu verkaufen, wurden sie von den Locarneserinnen mit Spottversen begrüsst. Zwei Jahre lang sahen sich die Bewohner von Intragna dieses „Glockenspiel“ an. Dann aber hatten sie genug und schritten zur Selbsthilfe. Sie nahmen ihre Waffen, machten halt in Losone und zwangen die Carabinieri von Losone, ihnen zu folgen und einen Karren mit Ochsen mitzunehmen. In Locarno angekommen, gingen sie zuerst in ein Haus und nahmen sich dort Reisigbündel. Diese legten sie an den Fuss des Glockenturmes. Nun bestiegen sie den Turm, liessen die Glocke an einem Seil auf die Holzschicht gleiten und verluden sie dann auf den Ochsenkarren. Die Locarnesen waren durch dieses Vorgehen so erschrocken, dass niemand es wagte, Einhalt zu gebieten. Sie blieben in ihren Häusern versteckt!
Als die Glocke im Jahre 1845 umgegossen wurde, ist die Geschichte ihres „Raubes“ eingraviert worden. Von der alten Glocke wird aber heute noch ein Holzmodell aufbewahrt, das sich in der Kirche beim Aufgang zur Orgel befindet. Zur Zeit dieses Schildbürgerstreiches wurde von der Gemeinde allen Bewohnern von Intragna, die nicht an dem Glockenfeldzug teilgenommen haben, eine Busse von drei Lire auferlegt. Die so erhaltene Summe wurde auf die Teilnehmer dieses Feldzuges verteilt.