Brockhaus

1891 Das Tessin im Brockhaus.

Aus „Brockhaus’ Konversationslexikon“, 14. Auflage, 1894-1896: „Tessin (Stadt) 4 Jahre nach dem Proportionssystem gewählt, ist gesetzgebende Behörde; der Staatsrat, der aus fünf Mitgliedern besteht, wird direkt vom Volk gewählt. In den Nationalrat sendet der Kanton 6, in den Ständerat 2 Mitglieder. In administrativer Beziehung zerfällt der Kanton in 8 Bezirke. An der Spitze jedes Bezirks steht ein Regierungsstatthalter. Jeder Bezirk besitzt ein Bezirksgericht, Bellinzona und Riviera zusammen ein solches; oberste Instanz ist das Obergericht (sieben Mitglieder); über Kriminalfälle urteilen die Geschworenen. Hauptstadt ist seit 1881 Bellinzona. Die Staatsausgaben betrugen 1890: 2’838, die Einnahmen 3’140, die Staatsschulden 9’570 Mill. Frs. In kirchlicher Hinsicht gehörte der Kanton nominell zu den ital. Bistümern Mailand und Como, wird aber seit 1885 von einem besondern apostolischen Vikar verwaltet. Klöster bestehen 7, darunter 3 Frauenklöster. Für den Unterricht sorgen 515 Primärschulen mit (1891) 17 413 Schulkindern, 22 Kleinkinderschulen, 31 Sekundärschulen mit 771 Schülern und Schülerinnen, 1 Mittelschule mit Anschluss an das akademische Studium (Lyceum in Lugano), 3 Mittelschulen ohne Anschluss an das akademische Studium, 2 Lehrerbildungsanstalten, 15 gewerbliche und 17 Fortbildungsschulen. Bei den Rekrutenprüfungen (1893) hatten von 100 Rekruten 15 die beste Note in mehr als zwei Fächern, 19 die schlechteste Note in mehr als einem Fach. In militär. Beziehung gehört das Tessin zum Stammgebiet der 8. Division. Hauptwaffenplatz ist Bellinzona. Das Wappen ist ein rot und blau senkrecht geteilter Schild. Geschichte. Im Altertum von den kelt. Lepontiern bewohnt, kam das heutige Tessin mit der übrigen Gallia cisalpina unter röm., im 5. Jahrh, unter ostgot., im 6. unter langobard., im 8. unter frank. Herrschaft. Im spätern Mittelalter gehörte der grösste Teil den Herzögen von Mailand, Bellinzona den rhätischen Freiherren von Sar. Das Livinenthal fiel 1403 durch Eroberung an Uri, das durch den Ewigen Frieden von 1516 in diesem Besitz bestätigt wurde. Das übrige Tessin, das damals in 8 Landvogteien (Ennetbergische Vogteien) geteilt war, kam als gemeine Herrschaft an die 12 Orte der damaligen Eidgenossenschaft, Bellinzona an Uri, Schwyz und Nidwalden. Die Reformation, die besonders in Locarno Eingang gefunden hatte, wurde 1555 durch Vertreibung der Protestanten gewaltsam unterdrückt. Überhaupt wurden diese Ennetbergischen Vogteien mit Härte behandelt, elend verwaltet, ausgewogen und verwahrlost. Durch den Umsturz der alten Eidgenossenfchaft 1798 wurde das Tessin aus seinem Unterthanenverhältnis befreit und, in die Kantone Bellinzona und Lugano geteilt, der Helvetischen Republik einverleibt; durch die Mediation 1803 erhielt es die Stellung eines selbständigen Kantons. Die Restauration brachte dem Kanton eine repräsentative, thatsächlich aber aristokratische Verfassung und eine demoralisierte Verwaltung. Noch vor der franz. Julirevolution von 1830 wurde im Tessin unter Franscinis Führung eine Verfassungsreform in gemässigt demokratischem Sinne durch die Konstitution vom 4. Juli 1830 zu stände gebracht. Allein auch unter dieser Verfassung wusste sich die korrupte Partei der ultramontanen Gewalthaber wieder der Herrschaft zu bemächtigen, bis durch eine Revolution 1839 eine liberale Verwaltung an die Spitze kam, unter der endlich einige heilsame Veränderungen, zumal zur Hebung des im höchsten Grade vernachlässigten Unterrichts, durchgesetzt wurden. Von 1839 bis 1873 blieb nun die liberale Partei die herrschende. Beim Sonderbundskriege 1847 stand das Tessin in der Reihe der bundestreuen Kantone. Bei der Abstimmung von 1872 über Revision der Bundesverfassung gab der liberale Grosse Rat die Stimme im bejahenden Sinne ab, während das Volk die Revision verwarf. Dieser Zwiespalt zwischen Volk und Behörden trat 1873 durch die Wahl eines überwiegend ultramontankonservativen Grossen Rats noch schärfer hervor. Als 1876 die Liberalen auf Änderung des alten Wahlgesetzes drangen, kam es zu Reibungen und 22. Okt. in Stabio auch zu einem blutigen Zusammenstoss mit den Klerikalen. Der durch die hierbei vorgekommenen Mordthaten veranlasste langwierige Prozess endete 1880 mit der Freisprechung der Angeklagten. Am 20. Nov. 1876 kam unter Vermittelung des Bundesrats ein Vergleich zwischen den Parteien zu stände; doch siegten auch 1877 bei den neuen Grossratswahlen wieder die Ultramontanen. Liberale Beamte und Lehrer wurden ohne Rücksicht auf die gesetzliche Amtsdauer entlassen, die höhern Schulstellen durch Priester besetzt, ja 1879 beschloss der Grosse Rat sogar, den Kapuzinerklöstern wieder die Aufnahme neuer Mitglieder zu gestatten, und 1886 überlieferte er den Kanton durch ein neues Kirchengesetz, welches die Rechte des Staates und der Gemeinden in Kirchensachen fast ganz aufhob, gänzlich dem Klerus. Wiederholte Streitigkeiten der Parteien veranlassten auch 1884 und 1889 den eidgenössischen Bundesrat zum Einschreiten. Während bisher der Sitz der Kantonsregierung von sechs zu sechs Jahren zwischen Lugano, Locarno und Bellinzona wechselte, wurde letzteres 1878 zur alleinigen Hauptstadt ernannt. Der Kanton hatte in kirchlicher Beziehung früher unter dem Bistum Mailand und Como gestanden; 1884 und 1888 willigte der Papst im Einverständnis mit dem Bundesrat in einen Anschluss des Tessins an das Bistum Basel; doch soll es vorläufig unter der geistlichen Verwaltung eines "Apostolischen Administrators des Kantons Tessin" stehen. Im April 1890 demissionierte die bisherige Regierung und wurde durch eine konservative ersetzt. Im September kam es dann infolge der Weigerung der Regierung, die Abstimmung über die vom Volke verlangte Verfassungsrevision anzuordnen, zu einem Aufstande der Liberalen, wobei der klerikale Staatsrat Rossi getötet wurde. Darauf beschloss der Bundesrat eine bewaffnete Intervention und sandte den Oberst Künzli als Bundeskommissar mit Truppen nach dem Tessin ab, worauf die revolutionären Machthaber verhaftet wurden. Die Volksabstimmung vom 5. Okt. über die Revision der Verfassung ergab eine Mehrheit von 94 Stimmen für die Liberalen. Am 19. Okt. wurde die ehemalige Regierung wieder eingesetzt, und 8. Dez. übergab ihr Künzli wieder die Geschäfte; doch dauerten auch im folgenden Jahre die Unruhen noch fort. Am 2. Okt. 1892 wurde dann die neue Verfassung (mit Verhältniswahlen) mit etwa 12000 gegen 5000 Stimmen angenommen. Bei den Wahlen zum Grossen Rat wurden 4. März 1893 51 Liberale und 45 Konservative gewählt.