1934 Zwischenbericht aus Ascona, Ernst Frick.

Ernst Frick beschrieb 1934 im Ascona Bau-Buch von Eduard Keller (Verlag Oprecht, Zürich) das Künstlernest Ascona. Ernst Frick war zusammen mit den Malern Walter Helbig und Marianne von Werefkin Mitbegründer der Künstlergruppe "Der grosse Bär" in Ascona.

Das Künstlernest
Man nennt Ascona gerne ein Künstlernest, wie man gerne ein Fischernest daraus macht. Das klingt nett, stimmt aber nicht und führt trotzdem mit einem Bilde der Wahrheit zu. Die Fischer voran, die fischten im Dreieck feudaler Schlösser, deren Mauern und Türme heute noch stehen, mitten unter und mit ihnen die festen Herrenhäuser, und sicher haben auch damals die aus Hütten und Häusern nebeneinander in Musse gefischt; wie sie einträchtig auf einem Pergament von 1254 als Zeugen zur Kirchgründung von Bosco-Gurin noch leben: Der herrenmässige Duni und Martino, der Fischer.
Es ist dem Fremden eine der Merkwürdigkeiten des Tessins: die Schwierigkeit, den Reichen vom Armen zu unterscheiden. Sie gehen Beide den naturgegebenen Dingen nach, schneiden lässig den Wein und führen die Falcia; Beide haben sie die signorile Geste und seltener als anderswo, wird es wichtig, sie zu unterscheiden. Zwar hat sich die fromme Situation, wo der verwandte Fremde sich wohl fühlte, sehr verschoben; Fischer und Künstler sind ins Gedränge gekommen. Der Tessin, Ascona reagieren schnell auf die Ereignisse, doch vermögen die nicht die Berge zu bewegen und die Gründe stehen fest. Es sind Urgründe und die haben Zeit und verhaltene Kraft. Noch klingt dem vornehmsten Herrengeschlecht die Rede nach:
"Tu voi governare come un Duni?" - "Du willst wie ein Duni herrschen?" - Noch hängt die Glocke im Campanile, die die Gemeinde zusammenruft, um allzu grossen Irrtümern zu begegnen. Und noch lebt die mütterliche Haltung, die den Tessiner besonders adelt, die er in jeder Schwierigkeit auch von seinem Gaste erwartet. So konnte mit Erfolg der alte Bakunin im nahen Minusio seinen um die Zeche bekümmerten Wirt mit den Worten aufrichten: Coraggio! Pazienza! Perseveranza! So ermutigt mehr als mit Tempo der congeniale Pepp den verzweifelten Bauherrn herzlich:
Solamente non spaventarsi. Das ist das Nest der Künstler, das Herren- und Fischernest. Und alles fischt: der Reiher, der Eisvogel, der Adler; der nach Barschen, der nach Menschen.
Das Pflaster Asconas ist spirituell, das Leben der Strasse nonchalant und tragisch gross in der dunklen Menschen verlassenen Nacht. Die nordische Exotik, die hier ebenso üppig gedeiht wie die tropische Agave neben der seriösen Eiche, wird vom Einheimischen, zu dem sich gerne der Fremde nach vier Wochen zählt, gelassen hingenommen. Schliesslich gleichen sich die Schnelligkeit der Einfälle und die Assimilationskraft dieser Erde aus. Unauffällig, fast geheim, ähnlich der lässigfrommen Arbeit der Eingeborenen, ist das Schaffen der Künstler. Ascona ist keine Schule, man kann es Universitas nennen. Im geistigen Brennpunkt des weitgespanntesten Nordens, unter starker, mehr physischer, südlicher Infiltration, von Fremdem übersättigt, steht der Tessin, steht Ascona im Schutze der Vitalität seiner Berge. Nicht erobernd: assimilierend. Die Kunst von Ascona ist eine Kunst von Eingebornen mit cosmopolitischer Haltung. Sie ist dem Getöse der Strasse nicht zugänglich; dass sie dem Zeitlichen und Überzeitlichen nahe steht, hat sie gemein mit dem Lande, in dem sie lebt.
Es wäre leicht eine Kette berühmter und bedeutender Namen aufzureihen, Menschen, die berühmt kamen und gingen, um berühmt zu werden, viele der bekanntesten Künstler des Nordens waren hier: es sagt wenig über Ascona und gehört zum heimlichen Wohlstand, wie die fremden Pflanzen in den Gärten. Es ist ein Ort der Persönlichkeiten und es wäre irreführend, nach Repräsentation auszuschauen. Das Niveau des Schaffens erhält sich durch die Wachsamkeit der Künstler, durch den steten Zufluss aus den Centren; im Wesen besinnlich, umgekehrt zur Grossstadt, deren Spannung und aktuelle Probleme fehlen. Das ist die eine Schwierigkeit, die manchen Künstler hier erwartet: die Ruhe zur Arbeit, die zur Arbeit in Ruhe zwingt. Er fällt aus der brennenden Gegenwart in den Rhythmus von Vergangenheit und Zukunft. Das gute Ergebnis beste Gegenwart, ein Werk, das durch Herz und Auge ging. Die andere Überraschung des verführerischen Ascona: das scheinbar Kultur tragende grossstädtische Milieu. In Wirklichkeit besteht die Gemeinde aus den wahren Liebhabern dieses Landes, die ihm wahlverwandt und verbunden sind, ob sie seine geheimen Wege und Steine kennen, oder mit erwartender Verwunderung den ersten Schritt hierher setzen. Auch für sie die Worte Bakunins: "Mut! Geduld! Beharrlichkeit!" und der Trost Pepp's: "Nur nicht verzweifeln".
So wie der Tessiner zum "Signore" freundlich steht, ihn aber bestimmt nicht überwuchern lässt, so gegenüber dem Kulturschaffenden. Und das ist das Genie dieses Landes, eines Volkes, dem Kultur und Adel eingeboren ist. Die ältesten europäischen Kulturen haben im Tessin gehorstet, ihn nicht entwurzelt, nur bereichert. Die eleganten Broncen aus den Bodenfunden um Bellinzona sind in Zürich und Berlin aufbewahrt, aber der Tessiner besitzt die Kunstfertigkeit. Er baut wunderbare Brücken und Strassen und es ist ihm gleich, wenn Bildungsfreudige sie ihm nach hundert Jahren entreissen und dem Römer in die Schuhe schieben. Eine Legion von Tessinern ging als Ingenieur, Architekt, Maler und Bildhauer in alle Welt. Es ist kein Lärm um sie, nur ihre Werke schmücken den Tessin. Ascona hat den Serodino, der in der Casa Borani eine der schönsten Fassaden der Schweiz schuf; den Pisoni, der den Solothurnern St.Ursus baute, Pancaldi, der fröhliche Rococco-Madonnen malte, und überlässt ein druckfertigs Manuskript über die Geschichte von Ascona den Mäusen im Archiv von Bellinzona. Und es leben liebenswürdige gebildete Tessiner Künstler, von denen nur wenige ihr Volk zu bluffen wagen.
Ein Land, wo die Kunst nie herrschen wird, wo sie immer eine Stätte hat.