Blümchen, Helenchen und Würstchen, Asconeser Geschichte

Aus dem "Ferien-Journal" Nr. 50/3, vom 3. Juli 1960, „Blümchen“ – Ein Asconeser Original von Charlotte an der Heiden:

Frau Blumenfeldt kam mit einem kleinen Köfferchen in Ascona an – um in dem hübschen Ort am Lago Maggiore drei Ferienwochen zu verbringen. Es gefiel ihr ausnehmend gut. So gut, dass sie diese drei Wochen mehrmals verlängerte, und schliesslich blieb sie 33 Jahre da. Anfangs wartete die Familie geduldig auf die Rückkehr – auch der Mann wartete. Bis es ihm schliesslich zu dumm wurde und er liess sich scheiden. Nun musste Frau Blumenfeldt sehen, Geld zu verdienen. Sie schrieb viele Jahre Kochrezepte für eine bekannte Wochenzeitung unter einem klingenden Pseudonym, bis schliesslich dieser Einnahmequell versickerte. Sie lebte auf einem Zimmerchen. Freunde halten ihr finanziell – man war glücklich, ihr helfen zu dürfen. Jeder kannte sie unter dem Namen „Blümchen“, und abends – ab sechs Uhr, traf man sie im Kreise ihrer Freunde im Verbano bei einem Boccalino Barbera – es können auch zwei oder drei gewesen sein. Sie war dem Wein sehr zugetan. Blümchen kannte wirklich jeden und für alle hatte sie Interesse. Man konnte mit allen Anliegen kommen, sie konnte zuhören und ihre positive Art und Aufgeschlossenheit allen Dingen des Lebens gegenüber machte sie einfach unentbehrlich für alle ihre Freunde. – Sie blieb sich immer gleich. Auch im Aussehen. Niemand wusste ihr Alter – Fünfundfünfzig – und nicht mehr. Vor drei Jahren, am 7. Januar 1957, ging sie mir ihrer Freundin, „Würstchen“ genannt, ins Kino. Beim Verlassen des Kinos wurde ihr das Heruntergehen der Treppe schwer, und die Freundin stützte Blümchen unmerklich, weil sie sich nie helfen lassen wollte. Würstchen holte schnell ihren Wagen, half Blümchen hinein und gab ihr noch eine Beruhigungspille. – Kaum, dass sie abgefahren waren, hörte die Freundin, dass Blümchen schwer atmete. Sie hielt den Wagen an, um nach Blümchen zu sehen. Es war gerade vor der Nelly-Bar. Sie half Blümchen aus dem Wagen, aber im gleichen Augenblick sank sie zu Boden. Die Freunde aus dem nahen Verbano eilten herbei, ein Arzt kam und brachte sie ins Spital. Er konnte nur noch den Tod Blümchens feststellen. Und das Alter: Achtundsiebzig Jahre! Das wäre wohl für Blümchen am schmerzlichsten gewesen – nun wussten die Leute ihr Alter. In der Kapelle auf dem Asconeser Friedhof wurde sie aufgebahrt. Die Freunde hielten Totenwache, je zwei und zwei Stunden lang, Tag und Nacht. Es war bitter kalt. Halb erfroren erwärmten sie sich immer wieder im Verbano. Von der Verwandtschaft war keiner gekommen, vielleicht aus Angst, die Beerdigung oder Schulden bezahlen zu müssen. In der zweiten Nacht nahm man sich den Wein schon unter dem Arm mit, weil es einfach in der Kapelle zu kalt war. Ein Maler und eine junge, schöne Frau hielten gerade Totenwache. Die junge Frau wollte eigentlich Blümchen gerne noch einmal sehen. Der Maler hob mit klammen Fingern den schweren Sargdeckel hoch, er entglitt ihm und fiel krachend zu Boden. Oh Schreck, eine Ecke war abgebrochen! Die Beiden starrten in Blümchens wachsbleiches Gesicht, das sanft zu lächeln schien, ja, fast verständnisvoll. Die junge Frau suchte Schutz in seinen Armen, von seelischen und körperlichen Kälteschauern erbebend. Der Deckel musste unter allen Umständen wieder repariert werden. Sie holten einen Freund, der versuchte, die Ecke mit Cementit wieder anzuleimen, aber sie wollte nicht halten. Sie mussten Nägel holen. Aus der nächtlichen Kapelle höre man Hammerschläge, die gewaltig dröhnten. Der Nagel sprach fort, fieberhaft hämmerte der Maler beim Gedanken, der Lärm könnte die Leute wecken und herauslocken in der Meinung, es seien Leichenräuber am Werk. Endlich war der Sarg repariert. In der Freundesrunde beschloss man, die Beerdigung um einen Tag vorzuverlegen. Niemand konnte die grimmige Kälte in der Totenkapelle mehr aushalten. Am Grabe sprach ein alter Freund Worte voller Liebe dem Andenken Blümchens. – In seiner Rede verwechselte er die Namen Blümchen und Würstchen, den der anwesenden Freundin. Er verbesserte sich, versprach sich wieder, und schliesslich liess er es dabei. Nachher tröstete er die Freundin. „Weisst Du, das ist gleich die Totenrede für Dich mit gewesen.“ Nach der Beerdigung erfolgte eine nachhaltige Erwärmung im Verbano, ganz im Sinnen Blümchens. Einige Tage später wurden in Blümchens Zimmer ihre paar Habseligkeiten, amerikanisch versteigert, um einen Grabstein, mit einem eingemeisselten Blümchen bezahlen zu können. Man fand, dieses und jenes sei den Preis nicht wer, doch dann besann man sich, es sollte doch das Geld für den Stein zusammenkommen. Nun steht der Stein. „Blümchen“ ist in die Geschichte Asconas eingegangen.