1945 Zwischenbericht aus Ronco, Peter Riesterer.

Peter Riesterer schrieb in seiner Broschüre "Das Dorf" über Ronco s/Ascona: "Zweimal die Woche hielt der Metzger aus der Stadt seine Ablage im Dorf geöffnet. Der Milchmann und drei Lebensmittelversorger standen bis spät in die Nacht in ihren kleinen, mit Konserven gefüllten Lokalen. Des Bäckers Arbeit begann in der Morgenfrühe mit dem dritten Glockenschlag. Samstags erschien auf seiner Wanderung von Dorf zu Dorf der Haarschneider, il barbiere, und bediente in einem leerstehenden Lokal die Kunden. Das Wasser entnahm er einem der Dorfbrunnen. Es gab drei Pensionen, vier Ristoranti con alloggio und Pergolagärtchen, von den Ausflugstouristen irrtümlich als "Grotti" bejubelt. Zu einem echten Grotto gehört ein Felskeller, in der Nähe eine Quelle; aufgetischt werden Brot, Käse, Salami, Wein. Menüs werden in den Osterien, Trattorien, Ristoranti aufgetischt. (So war es früher Brauch.) Im schmalen Gässchen gähnte ein an der Mauer angebundener Esel. Er gehörte dem auf den monti lebenden contadino, dem Landschaftsgärtner in den Maiensässen, der seine Verwandtschaft im Dorf mit Käse und frischen Eiern versorgte. Freitags fand der Fischer sich ein, ausrufend 'Pesci fresci!" In Zeitungspapier eingewickelt lagen die Seeforellen und Felchen in einem geflochtenen Korb. Fischgeruch um die Ecke meldete das Erscheinen des pescatore. In den Ristoranti kostete das Glas "Nostrano" fünfundvierzig Rappen. Die Portion Spaghetti Zweifrankenvierzig. Das Menü gegen Sechsfranken. Die Alten gaben sich nach getaner Arbeit in den Reben, in der Schmiede, auf Strassenbaustellen und mit dem Häuserbau beschäftigt, mit Wurst, Wein, Käse und Brot zufrieden. Weniger begüterte Frauen begnügten sich mit Brotresten, die sie in Milch tunkten, mit einer aus dem Gemüsegarten zusammengestellten Minestrone. Sonntags duftete gelegentlich zum Kaninchenbraten eine Polenta aus den Küchen im "Dorf der 1 00 streunenden Katzen", derweil die Nobili in ihren Häusern an weissgedeckten Tischen drei bis fünf Gänge auftragen liessen. Zu einem solchen Mahl wurde mal hier, mal dort der Pfarrer - dem Wein, wie jungen Frauen zugetan - eingeladen. Nach der Mahlzeit segnete er aus Dankbarkeit für die ihm gewährte Gastfreundschaft: Haus und Bewohner. Danach überreichten ihm die weiblichen Palazzobewohner einen Briefumschlag. Darin klapperten keine Hosenknöpfe. Die einer familia nobilissima Zugehörigen waren sich bewusst, dass sich mit Surrogaten kein Platz im Himmel reservieren lässt. So sah man damals an den Wochenenden Haushilfen die grossen, alten Fünffrankenstücke für den Opferstock mit Sigolin blank scheuern. Fünf Franken kostete der Zweiliter Fiasco Chianti im Dorfladen."