Mein und Dein an der Melezza

Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 22/7, vom 8. September 1956: „Die beiden Nachbargemeinden Losone und Golino, beide am linken Ufer der Melezza, am Eingang des Centovalli gelegen, lebten seit Jahrhunderten in Frieden miteinander. Auf dem zwischen den beiden Orten gelegenen Weideland, das oftmals durch Kastanienwälder durchbrochen wird, weideten die Herden von Losone und Golino unter der Obhut ihrer Hirten.
Doch eines Tages, man schrieb das Jahr 1650, wurde in einer Gemeindesitzung von Losone beschlossen, dass man doch eine Grenze zwischen den beiden Gemeinden festsetzen müsse, damit die Herden von Losone nicht die Weisen von Golino ausbeuten und umgekehrt die Golineser nicht in das Gehege der Losoner geraten. Eigentlich lag zu diesem Gemeindebeschluss keinerlei zwingende Veranlassung vor. Aber wir wissen ja nur zu gut, wie gross die Zahl der Beschlüsse seitens vorgesetzter Behörden ist, für deren Festsetzung keinerlei logische Erklärung zu finden ist!
Wo und wie sollte man die Grenze ausfindig machen? Die ältesten Dorfbewohner erinnerten sich, dass sie in ihrer Jugendzeit einmal einen Grenzstein gesehen hatten, aber sie wussten nicht mehr, wo derselbe gestanden war. Da wurde der Vorschlag eingebracht, dass man den siebzigjährigen Beppo aus Losone zu Rate ziehen sollte. Beppo war über fünfzig Jahre lang Schreiber bei einem Advokaten in Losone gewesen. – Er war somit die einzig berufene Persönlichkeit, um sich in den Akten auszukennen. Man ging also zu Beppo und trug ihm das Anliegen vor. Er kratzte sich hinter dem linken Ohr und brummte vor sich hin, dass er so viele Aktenstücke hin und hergetragen, ja auch gelegentlich einmal hineingeschaut habe, dass er sich erst einmal besinnen müsse. So beschloss man, ihn am nächsten Tage wieder aufzusuchen.
Beppo verkündete alsdann, dass zwei Bürger aus Losone und zwei aus Golino mit ihm gehen sollten, bis zu der Stelle, die er als die des Grenzsteines bezeichnen würde. Dieser Vorschlag wurde angenommen. Am nächsten Morgen um sieben Uhr setzte sich die Fünfer-Kommission in Bewegung. Sie wanderte die lange Strasse entlang, vorbei an Kastanienwäldern und Weideland. Die Golinesen sahen sich misstrauisch an, denn Beppo machte keinerlei Anstalten, in seinem Dauermarsch einzuhalten. Schliesslich schimmerten schon die Häuser von Golino durch das Laubwerk der Kastanien, als Beppo endlich stehen blieb.
„Hier sei die Grenze von Losone“, verkündete er. Ein lebhafter Protest erhob sich von Seiten der Golinesen. „Ich stehe hier auf der Erde von Losone“ erklärte Beppo feierlich. Er zog aus seiner Tasche ein bunt zusammen geknüpftes, grosses Taschentuch, griff mit seiner Rechten hinein, holte eine Handvoll schwarzer Erde heraus und streute sie unter die Sohlen seiner Zoccoli. So stand er also auf der Erde von Losone, die er bis hierher mitgenommen hatte. Die Golinesen erbleichten, machten kehrt und gingen schweigend von dannen. Auch den beiden Losonesen wurde es etwas unbehaglich zumute, denn es waren brave, biedere Bauern, die keinerlei betrügerische Absichten hegten. Sie sprachen leise miteinander und entfernten sich einige Schritte von Beppo.
Da, auf einmal krachte ein Donnerschlag, und ein Blitz fuhr mit aller Kraft hernieder. Die Golinesen blieben vor Schreck stehen, und die Losoner warfen sich angstvoll zu Boden und bekreuzigten sich. – Als das Unwetter vorüber war, war von Beppo nichts mehr zu sehen. An seiner Stelle aber, wo er auf der Erde von Losone gestanden hatte, klaffte eine tiefe Schlucht, und ein reissender Bach ergoss seine Fluten in ihre Tiefe. Die Schlucht war so gewaltig, dass man sie nicht überqueren konnte. Man legte einige Baumstämme hinüber. Die Golinesen und Losoner traten zusammen, schüttelten sich die Hände, bekreuzigten sich und gingen voneinander. Nie mehr war von einer Setzung des Grenzsteines mehr die Rede.
Die Schlucht wurde vom Volksmund „O Povero Mio“ genannt, was „Oh, mein Armseliger“ bedeutet. Armselig, weil jemand versuchte durch Lug und Trug sich einen Vorteil zu verschaffen und jene zu schädigen, die da guten Glaubens waren.