1957 Herbstfreuden im Tessin! Oder die Vogeljagd.

Aus dem "Ferien-Journal" Nr. 31/8, vom 28. September 1957, von Jakob Flach: „Jetzt beginnt die schöne Zeit für die Pilzfreunde, die Beerensucher und die Helden mit der Flinte! Es gibt in unserem Lande eine Gegend, wo die Jäger zahlreicher sind als die Hasen - - und das das Jagend eine Leidenschaft ist und das Patent billig, da nicht die Beute, sondern das Knallen die Hauptsache bedeutet, gibt man sich mit Kleinigkeiten zufrieden wie Finken und Spatzen, und jeder, der einen gezogenen Lauf an einem Lederreimen besitzt, hängt ihn über die Schulter und wird zum Waidmann. Es gibt auch Jagdgesetze, die die Vogeljagd verbieten, aber zur Jagd gehört wohl auch ein bisschen Aufregung und schlechtes Gewissen, und ein Buchfink ist ein so winziger Fleck, dass man scharf zielen muss, dass der Jäger trotz der Kleinheit des Wildes zu seinem Triumph kommt - - und die ganze Nachbarschaft wird heimlich geladen zu Polenta mit Vögelchen. Es gibt in unserer Gegend auch waidgerechte Jäger, die die Vogeljagd verabscheuen - - es sein denn ein Berghuhn oder ein Fasan. Diese Jäger bilden einen Verein und jagen Hasen.
„Hasen? Es gibt doch keine!“
Ruhig, hört weiter! Die Jäger lassen sich für teures Geld Hasen kommen, lebende Hasen. Früher aus Ungarn und Serbien, wo man sie heute bestellt, weiss ich nicht. Diese Hasen werden in dem Gebiet, das man zur Not Wald nennen kann, ausgesetzt.
„Bravo, das sind naturliebende Nimrode und weitsehende Waldläufer!“
Still, lasst mich erzählen! Die Hasen werden ausgesetzt, aber nicht zu ihrem Vergnügen, dass sie hecken und sich vermehren und schliesslich zur Landplage werden. Nein, sobald die Körbe und Käfige geöffnet sind, Meister Lampe heraushüpft, sich verwundert umsieht, Männchen macht, die Schnauze putzt und plötzlich wegrennt, sobald die hundert Braten im Unterholz verschwunden sind, beginnt das Jagen: die Hunde von der Leine, die Büchse geladen, die Schuhriemen fester gebunden und Halli Hallo, mit Gekläff und Geknall, bis der letzte der Hundert nicht mehr hüpft und rennt und purzelt. Das gibt teuren Hasenpfeffer, aber die Jagd ist eine Leidenschaft, und Leidenschaften kommen meistens hoch zu stehen.  Ich bin nicht Mitglied dieses edlen Jägerklubs, aber ich bin Feind der Vogelschiesserei, und neulich, als es sogar in meinem Garten knallte, ging ich entrüstet zum Gemeindepräsidenten und erkundigte mich nach Gesetz und Vorschriften und eventuellen Zusätzen betreffend Schiessen und Jagen in der Nähe des Hauses. Ebenso entrüstet über diese Unsitte, gab mir der Bürgermeister die Versicherung, dass so viele Meter um bewohnte Gehöfte nicht geschossen werden dürfe, und auf Singvögel anzulegen, sei nicht nur eine Barbarei und kurzsichtig in Anbetracht ihres wirtschaftlichen und seelischen Nutzens, sondern streng untersagt.
„Ein wacherer Mann, solche Behörden müssen wir haben!“
Schweigt, unterbrecht mich nicht immer! Am nächsten Sonntag in der Frühe knallt’s wieder hinterm Haus. Einer in Manchesterjacke und grünem Hut bückt sich, steckt etwas in die Tasche und entschwindet hinter Flieder- und Rosenbüschen. Erst als er auf die Strasse einbiegt, erkenne ich unseren Sindaco.
„Der Bürgermeister selbst! Hahaha, was hast du unternommen?“
Nichts habe er unternommen. Er ging ins Dorf, redete mit dem und jenem über dies und das, und als eine ganze Gruppe um ihn versammelt steht, kann er seinen Stolz nicht  mehr bändigen, er will es ihnen zeigen, das einzige Wild weit und breit. Er öffnet umständlich die Jagdtasche und – heraus fliegt mit schrillem Angstgezwitscher die totgeschossene Amsel, zurück in meinen Garten! Das Gelächter der Bürger dauerte von einem Sonntag zum andern, und der schlechte Schuss des Bürgermeisters kann nur dadurch wieder gutgemacht werden, dass der Schütze dem Hasenjagdverein beitritt und von dem Hundert einige abknallt und sie, die Ohren der Opfer aus der Pirschtasche baumelnd lassend, durch die belebte Dorfgasse trägt.“