nufenen

1969 Der Nufenen, eine neue Verbindung ins Tessin.

Ferien-Journal Nr. 131/5, vom 25. Juli 1970, "Eine neue Strassen-Verbindung zwischen dem Ober-Wallis und dem Tessin: Die Nufenen-Pass-Strasse"
Letzten Herbst ist der Nufenenpass, eine der schönsten Alpenstrassen für den Verkehr freigegeben worden. Schon seit langer Zeit unterhielten die Kraftwerke Zufahrten zu ihren riesigen Baustellen: Die Maggiawerke zu den obersten Nutzungsstufen im Bedrettotal und die Aeginawerke zur imposanten Staumauer Gries, die man von der Strasse aus gut sehen, aber nicht erreichen kann; denn die entsprechende Zufahrtsstrasse steht für den allgemeinen Verkehr nicht offen. Dank dieser privaten Vorarbeiten war es möglich, das auszubauende Restteilstück von 16,2 km Länge für nur rund 15 Millionen Franken zur Passtrasse zu machen. Gegen 400 Arbeiter waren zeitweise auf beiden Seiten des Scheitelpunktes an der Arbeit. Der Bund leistete eine 75prozentige Subvention an die Baukosten der Strasse, welche die Verbindung zwischen Airolo und Ulrichen von 65 auf 36km reduziert und zudem eines der prächtigsten Alpenpanoramen erschliesst, die man in der Schweiz auf vier Rädern erreichen kann. Eine ununterbrochene Gipfelkette von Dreitausendern begleitet einen auf der Tessiner Seite bis zur Passhöhe, und nach dem malerischen Bergseelein schweift der Blick hinunter ins Aeginental, das in seiner ganzen unangetasteten Wildheit zu Füssen des Beschauers liegt.
Auf der Tessinerseite wurde ein Betonbelag eingebaut; der Kanton Tessin übernahm die Mehrkosten gegenüber dem subventionsberechtigten Asphalt, um den Strassenunterhalt zu reduzieren. Die Walliser zogen die Asphaltlösung vor. Der Nufenenpass ist der höchste Alpenpass, der ausschliesslich auf schweizerischem Gebiet verläuft. Der Scheitelpunkt ist 2440 m über Meer gelegen. Die Strasse ist fast durchgehend 5,2 Meter breit und muss selbstverständlich behutsam und sorgfältig befahren werden, denn an Wendeplatten und scharfen Serpentinenkurven ist kein Mangel.
In beiden Tälern zu Füssen des Passes setzt man grosse Hoffnungen auf die neue Strasse, denn Industrie gibt es in diesen Hochtälern nicht. In dieser Hoffnung auf einen bescheidenen Aufschwung haben denn die betroffenen Berggemeinden auch Opfer gebracht, die für ihre schlichten Verhältnisse recht ansehnlich sind: Streu- und Bergland wurde für den Strassenbau unentgeltlich zur Verfügung gestellt, Kiesausbeutungsrechte ohne Entschädigung erteilt und Beiträge an die Signalisation der Abzweigungen von der Furka- bzw. der Gotthardstrasse ausgerichtet.
Die Nufenenstrasse ist ohne Zweifel der bedeutendste Alpenstrassenbau seit der Eröffnung der Sustenstrasse in den vierziger Jahren. Er erfüllt einen alten Traum der beiden Talschaften, der übrigens im vergangenen Jahrhundert beinahe durch eine Bahn erfüllt worden wäre. Projekte für eine Tunnelverbindung zwischen Brig und Airolo lagen vor und waren bereits konzessioniert. Der einsetzende Bau des Gotthardtunnels verhinderte dann aber die Ausführung dieser Pläne. Dass schon die Römer und Kelten den Saumpfad über den Nufenenpass benützt haben, versteht sich, und dass heute schon Projekte für eine wintersichere Verbindung über diesen Pass ausgearbeitet werden, ist zwar nicht sehr realistisch, aber verständlich. Die neue Passstrasse ist nämlich nur etwa während vier Monaten im Jahr geöffnet. Möglich, dass dereinst einmal Tunnels und Schutzgalerien die ganzjährige Benutzbarkeit der Strasse ermöglichen und den beiden wenig privilegierten Talschaften im Wallis und im Tessin auch einen wintersportlichen Aufschwung bringen werden.