1985 Ascona nach der "guten, alten Zeit", Episoden

Auf Ascona passen viele Etiketten. Das der „Naturmenschen auf dem Monte Verità“ zum Beispiel, oder das des „Geburtsorts von Europas modernem Tanz“. Ascona galt als „Künstlerdorf“, ein deutsches Fahrzeugmodell wurde „Ascona“ getauft und auch hier spricht man über die „gute, alte Zeit“. Aber auch über die Zeit nach dieser „guten, alten Zeit“. Es war die Zeit der „Saufgelage“ und „Sauftouren“ und anderen Eskapaden. Darüber ist Folgendes zu vernehmen:
Einzelne Künstler, diejenigen, die sich so genannt hätten, und das Umfeld dieser beiden Gruppen, sollen sich regelmässig bereits an den Nachmittagen in den Bars vergnügt haben. In diesen Etablissements sei es bereits um 18 Uhr für „normale Bargängerinnen und –gänger“ nicht mehr möglich gewesen, gemütlich ein Glas zu trinken. Zu laut sei es gewesen und die Luft vor Rauch und Alkoholfahnen nicht zum atmen. Von „harten Kerlen“ wird gesprochen, die problemlos bis zur Polizeistunde durchtrinken konnten. Anschliessend sollen sie, mit allerlei „scharfem Zeug“ ausgerüstet, auf den Bänken der Piazza weitergezecht haben, bis die Bäcker ihre Arbeit aufnahmen. Auf Mehlsäcken hockend, hätten die inzwischen vom Alkohol gezeichneten Männer darauf gewartet, bis die ersten Brötchen gebacken waren. Damit seien sie ihrer eigenen Wege geschwankt. Nicht selten sei davon zu hören gewesen, dass sie, zuhause angekommen, den Damen der Häuser, reu- und demütig sich entschuldigend, das tägliche Brot überreicht hätten.
Es soll auch einen Schriftsteller gegeben haben, einen weltbekannten, der in Ascona und Brissago beim Bäcker, beim Barbier und sonst wo Cognacflaschen deponierte, um so rund um die Uhr von den Wirtshäusern unabhängig unterwegs sein zu können.
Ein bekannter Maler habe seinen Wagen auf der Piazza in Ascona parkiert, vorsichtshalber rückwärts, so dass er bei der Abfahrt keine grösseren Manöver mehr durchzuführen hatte. Seinerzeit waren dort, wo heute das Trottoir verläuft, Parkplätze, senkrecht zum See. 1954 habe die Stunde 10 Rappen gekostet. Als unser Maler irgendwann in den Morgenstunden zu seinem wunderschönen Cabriolet gefunden habe, sich hinein setzte, den Motor startete, auskuppelte und Gas gab, fuhr er das Auto im Rückwärtsgang direkt in den Lago Maggiore. Zum guten Glück sei ihm dabei nichts passiert, doch sei für reichlich Spott gesorgt gewesen.
Am See habe ein Gasthaus spezieller Prägung gestanden, es existiert heute nicht mehr. Dort seien „Damen der Halbwelt“ ihrer Arbeit nachgegangen. Eine Asconeser Persönlichkeit – sie war so einzigartig, dass sie hier nicht skizziert wird – soll regelmässiger Besucher dieses „Etablissements“ gewesen sein. Das Besondere daran sei die Tatsache gewesen, dass besagter Besucher kurz nach seiner Ankunft von zwei oder drei Damen in einen Zuber im Hinterhof gesteckt wurde. Sein lautes Fluchen und Schimpfen habe nicht auf „nautische Spiele“ sondern auf die Durchführung einer „hygienischen Vorsichtsmassnahme“ schliessen lassen.
Ein weiterer weltbekannter Künstler bestellte in den Gasthäusern in Ascona jeweils immer nur ein Glas mit heissem Wasser und einen Teelöffel, umsonst. Den Teebeutel nahm er aus der Brusttasche seines Kittels.
Die Gattin eines Künstlers, auch er war von Weltformat und sie seine „Managerin“, habe es sich mit den Händlern in Ascona verscherzt. Sie liess sich Lebensmittel, Getränke und die Sachen des täglichen Lebens ins Haus auf der Collinetta liefern, hatte jedoch immer „vergessen“, Geld für die Bezahlung bei der Bank abzuheben. Die Dame soll für ihren Geiz so bekannt gewesen sei, dass der junge Mann, den sie in einem harten Winter zum Schneeschaufeln anstellen wollte, auf Bezahlung im Voraus bestanden habe. Der Mann soll eingewilligt haben, zuerst einen schmalen Weg vom grossen eisernen Tor bis zum Garagenhaus zu schaufeln, um dort von der Dame seinen Lohn zu erhalten. Anschliessend, so sei vereinbart worden, sollte er die rund 30 Meter lange Privatstrasse vollständig räumen. Nachdem er sich also seinen Weg zum Garagenhaus gebahnt habe und vor der Dame stand, soll diese gesagt haben, sie warte doch lieber bis der Schnee von selbst weg geschmolzen sei. Bezahlt habe sie erst, als der wütend gewordene junge Mann damit begonnen habe, den eben gebahnten Weg wieder zuzuschaufeln.
Das „Ferien-Journal“, Asconas Dorfzeitung begleitete den Übergang von der „guten, alten Zeit“ in die „Zeit nach der guten, alten Zeit“. In der Rubrik „Flüsterecke“ ging es zum Teil frivol, zum Teil derb zu und her – dort sind in den gut 40 Jahren des Erscheinens unzählige Geschichten nachzulesen. Auch die Illustrationen im „Ferien-Journal“ sind originell, viele davon werden als „erotisch“ bezeichnet, von einigen hört man heute auch, sie seien „sexistisch“., Beispiel siehe unten. Zeichen ihrer Zeit. Einige Muster aus der "Flüsterecke":
"Kürzlich sass Giovanni mit Fred Werner dem Antiquar und Maler in der Pizzeria Borgo beim Wein. Fred Werner sagte, er sei jetzt ein genau zwei Tage junger Schweizer. Giovanni meinte darauf: „Dann bist Du aber ein fortgeschrittener Säugling, wenn Du mit Deinen zwei Tagen schon Merlot trinkst!“ – (Fred Werner hatte nämlich vor zwei Tagen das Schweizerbürgerrecht erhalten)"
"Es geschah im Hotel Schiff an der Piazza. Als ein Gast am Morgen die Rechnung bei Signor Wildi, dem Besitzer, verlangte, frug ihn dieser, ob er ein Bad genommen hätte. „Nein“, erwiderte der Gast, „fehlt eines?“
"Nach einer langen Nacht erhob sich Henry Jaeger (Autor des Asconeser Romans „Der Club“) aus dem Bett in seinem Haus an der Collina und traf seine hübsche junge Frau in der Küche. Stolz meinte er: „Ich habe Dich nicht geweckt, als ich nach Hause kam, nicht wahr?“ „Du warst sehr ruhig!“ „Siehst Du, so respektiere ich Deinen Schlaf!“ „Das ist nett von Dir – nur Deine Freunde, die Dich nach Hause brachten, haben einen höllischen Lärm gemacht!“
Henry Jäger, der Schriftsteller, war einer der letzen „alten Künstler“ und Protagonist in mancher „Asconeser Räubergeschichte“. Er sagte in einem Interview mit dem „Ferien-Journal“ von 1994:
„Herr Jäger, Sie haben noch all die grossen Schriftsteller wie Remarque, Habe, Mehring, Neumann u.v.a. gekannt, die in den Nachkriegsjahren in Ascona gelebt und seinen kulturellen Ruf mitgeprägt haben. Sie sind inzwischen alle tot, und es sind keine neuen dazugekommen. Fühlen Sie sich nicht manchmal recht einsam? 
Jäger: Ja, ich habe sie alle gekannt. Und sie fehlen mir sehr. Sie haben mich bewegt und inspiriert. Einige davon waren meine Freunde, wie etwa Remarque oder Robert Neumann. Der schreibende Mensch ist einsam, er braucht Freundschaft vom Geist her. Bei diesen Menschen habe ich Freundschaft gefunden, und das war ganz entscheidend für meine geistige Entwicklung.“
Jäger starb im Jahr 2000. Er wurde auf dem Asconeser Friedhof begraben.