Asconeser Persönlichkeiten von Peter Riesterer

Ferienjournal Nr. 211/5 von Juli-August 1980, „Asconeser Persönlichkeiten“, Peter P. Riesterer:

Eine Welt für sich, wenn sich Erich Maria Remarque im Borgo aufhielt. Die spöttelnden Zechkumpane begrüssten ihn mit „Am besten nichts Neues“ und der Journalist Gnädinger schrieb: „Und hinterher Erich Maria Remarque. Der hat ja gestern Abend wieder etliche Asconeser mit Cognac abgefüllt. Schreibt er denn noch?“ Ohne Rock, nur in Hemd und Hose, trank er an den warmen Vorfrühlingstagen gerne auf der Piazza im Schiff den Espresso. Oft stieg er von Porto-Ronco, wo er lebte, die vielen Treppen nach Ronco hinauf uns setzte sich im Pergola-Garten der Signora Ada, in eine stille Ecke. Er unterhielt sich gerne mit uns, war alles andere als unzugänglich. Am liebsten sprach er von den Cézannes-Aquarellen, die in seine Sammlung gehörten und in welchem Museum sich diese als Leihgaben befanden.
Zwei Jahre vor Paul Klees Tod – er starb am 29. Juni 1940 in Locarno-Muralto – erkannte der Schweizer Dichter Albert Steffen aus den Bildern des Malers („Solo aus dem Ballet der Kurzen“, „Tritt herab“, „Umgriff“ usw.) das frühe Todeserleben des Künstlers. Visionen aus der geistigen Welt traten Steffen entgegen, dumpfe Paukenschläge des Trauermarsches, dem ein engelhaftes Wesen vorausging. Paul Klees Schaffen war in Ascona damals nur ein paar Kunstinteressierten näher bekannt. Der Maler Richard Seewald, der früh nach Ascona gekommen war, und eine zeitlang in einer der beiden alten Mühlen zwischen Arcegno und Ronco hauste, und der später einen wunderschönen Sitz zwischen Ronco und Porto Ronco sein eigen nennen durfte, erstand von Paul Klee ein kleines, farbig reizvolles Aquarelle: „Sphinx“. Fünf seiner Werke waren 1977 an der von Trudi Neuburg in Ascona organisierten Ausstellung „Kleine Meisterwerke grosser Künstler“ zu sehen!
„Dada-Richter“, Hans Richter, der vom Film über Collagen bis zum grossformatigen Mosaik, das im Pagani-Garten in Legnano der Nähe von Mailand steht, alles in Kunst machte, verbrachte einen Teil seiner letzten Lebensjahre zwischen Locarno und Ascona. Man sah ihn aber selten im Borgo, wie übrigens Seewald auch. Beide mieden das hektisch gewordene Ascona.
Die markanten Gestalten konnten in den vergangenen Jahren an beiden Händen abgezählt werden. Eine davon ist der Antiquar in der Casa Serodine, der Doktor Rosenbaum. Seit Jahren hält er die Eröffnungsreden, wenn Ascona eine Kunstausstellung hat. Im „Schiff“ sitzt er mittags hinter Schachfiguren. Er war einmal ein berühmter Rechtsanwalt, heute ist er ein liebenswürdiger alter Herr, der sich mit altmexikanischen Figurinen, aegyptischen Kleinodien und Mumienkästen, römischen Kapitälen, etruskischen Wandbildern und griechischen Vasen umgibt! Er ist einer der Letzten, die uns noch an das „Alte“ Ascona erinnern.
Der Maler Walter Helbig ist tot. Auch er war an der Zürcher Ausstellung der Asconeser Maler mit mehreren Bildern mit dabei. 1878 in Falkenstein (Sachsen) geboren, kam er 1916 nach Zürich und siedelte von dort 1924 nach Ascona über. Er ist einer der Mitbegründer der Malergruppe „Grosser Bär“. Während drei Jahren verbrachte er die Winter in Paris und stellte zusammen mit Arp, Max Ernst, Delaunay, Glaizes und Herbin aus. Eine erste Ausstellung „Maler in Ascona“ wurde 1942 von Professor Huggler in der Kunsthalle Bern veranstaltet und Helbig dazu eingeladen. Er war auch bei der „Dasa-Jubiläumsausstellung“ 1966 im Zürcher Kunsthaus mit acht Werken dabei. Hans Arp, der sich ebenfalls im Locarnese niedergelassen hatte, schrieb über Helbigs Gemäde „Neue Architektur II“, (in Besitz des Museo Castello-Locarno) ein Gedicht, das er „Das Fensterbild“ betitelte:
Man braucht dieses Bild nur eine viertel Stund anzuschauen,
um ein Wachträumer zu werden.
Das Fensterbild ist DAS BILD, das sich der Wachträumer
Erträumt hat.
Für den Wachträumer gibt es überhaupt nur solche Fenster
und sonst nichts auf der Welt.
Diese Fenster sind die Blätter seines Traumbilderbuches.
Der Wachträumer lebt nur in einem solchen Fensterhaus
Wieder auf.
Er sieht durch die zahllosen Fenster in die weltgengrossen
Sternenbäume.
Er sieht mit seinen Augen das unendliche, himmlische Rauschen
Der Sternenbaumwelten.
Es ist fortan aus mit dem Glotzen in alte Haufen von
Weinflaschenzapfen.
Ich könnte stundenlang von der Aussicht aus diesem
Fenster reden,
doch wollte ich heute nur schnell auf dieses Fensterbild
von Walter Helbig
aumerksam machen.
Der Basler Maler Albert Kohler, obschon eine der bekanntesten Persönlichkeiten Asconas, muss erst wieder neu entdeckt werden. Er starb 1946 in Ascona. Er studierte in München unter Franz Stuck an der Akademie, zog zusammen mit den Malern Hermann Huber, Wilhelm Gimmi und Reinhold Kündig 1911 nach Anticoli, lebte in Paris und in Küsnacht und kam 1919 nach Ascona, wo er im Jahre 1927 eine Malschule eröffnete. Früh sah ich von ihm in Ascona ein Bild, das er mit Hölzern geschaffen hatte.
Später, etwa um 1933, kam auch Ignaz Epper nach Ascona. Er machte sich mit seinen Holzschnitten einen Namen. Gerne legte er uns seine Kohlen- und Kreidezeichnungen, seine Aquarelle vor. Er gehörte zu den Wahrheitssuchenden der Kunst. Er war von Zweifeln geplagt und gequält und wurde mit dem Schicksal nicht fertig … Heute kann man in der Casa Epper an der Via Albarelle 14, die Werke von Ignaz Epper und Mischa Epper betrachten!

Ferienjournal Nr. 212/6 von August 1980, „Asconeser Persönlichkeiten“, Peter P. Riesterer:

Gelegentlich erschien, aus dem Pedemonte kommend, der Radierer und Maler Leo Maillet, der sich mir als Meisterschüler von Beckmann vorstellte. Von seinen Radierungen und Schwarzweiss-Zeichnungen durfte ich in Zürich zwei schöne Ausstellungen machen. Er hat auch gut verkaufen können. Über sein bewegtes Leben hat Friedrich Hagen, Paris, eine ebenso vielseitige wie interessante illustrierte Broschüre herausgegeben. Maillet zeichnete viele Grotesken, die er Scherzando nannte. So klebte er 1964 auf ein Zifferblatt Muscheln und betitelte das Werk als „Maske aus Irrzeiten“ oder er montierte eine Porzellanscherbe und sieben Zündkerzen auf ein Stück Holz, das er mit einem antiken Rahmen umgab und nannte das Bild „Porzelenchen und die 7 Sündkerzen“.
Eine nicht übersehbare Persönlichkeit war der weisshaarige Carlo Weidemeyer, der in den letzten Lebensjahren sehr zurückgezogen in Ascona lebte. An sonnigen Tagen stand er, Pfeife rauchend, an einem der grossen Fenster seiner Wohnung, die sich über der Osteria „Borromeo“ befand. In den späten Zwanzigerjahren hatte er mit seinen Flachdachbauten von sich reden gemacht. Weidemeyer war nicht nur Architekt. Zum beglückendsten zählen seine Farbstiftzeichnungen und Aquarelle, die man ohne zögern zu müssen, Arbeiten von Turner, Klee und Feininger geich stellen kann. Wer die grosse Turner Ausstellung 1977 im Zürcher Kunsthaus gesehen hat, und Weidemeyers Inselbild (Farbstift, 1969) aus eingehenderen Betrachtungen kennt, wird eine Verwandtschaft der Lichtspiele erkennen. Ähnlich wie Bilder von Paul Klee ist die mit Öl auf Karton gemalte „Stadt“ aufgebaut. Hans Richter schrieb über den vielseitig begabten Künstler: „Carlo Weidemeyer ist keiner bestimmten Kunstrichtung einzureihen. Er ist ein Einzelgänger, der ganz und gar eingesponnen nur seiner Malerei lebt. Aus seinen Bildern spricht uns Stille und innere Versenkung an, gepaart mit einem starken Farb- und Formgefühl. Immer ist das Licht das Primäre bei ihm. Seine Farbskala drückt Poesie aus, seine Bilder, oft kleinste Formate, können mit lyrischen Gedichten oder mit Musik verglichen werden. Carlo Weidemeyer ist ein Künstler, der seine Inspiration in den Grundelementen der Natur findet und diese in subtilster Weise transponiert“. Und als Weidemeyer in seiner Isoliertheit Ende 1969 an Depressionen litt, schrieb ihm aus Porto Ronco Erich Maria Remarque: „... Und bedenke: mit den Depressionen, die jeder Künstler (besonders im Winter) hat, kommt auch oft ein Angstgefühl, das man bekämpfen sollte, denn es nützt nichts, ihm nachzugeben, - es ist höchstens schädlich. Arbeit ist ein gutes Heilmittel dafür. Und vergiss nicht, jeder wirkliche Künstler, ist der Meinung, das Wichtigste nicht geschaffen zu haben! Nur Narren sind glücklich und zufrieden. Lass uns zu den ewig Unzufriedenen gehören. Dein alter Freund Remarque. (Porto Ronco, am 31. Jan. 1970)“ 1972 veranstalteten die Amici delle belle Arti Ascona und die Kunstgalerie Esslingen zum 90. Geburtstag des Künstlers eine Ausstellung. Auf der grossen New Yorker Ausstellung „Modern Architecture International“ im Jahre 1932 war Weidemeyer mit Entwürfen neben Arbeiten von Gropius, Le Corbusier, Mies van der Rohe, Van der Velde u.a. vertreten. 1905 liess sich der junge Architekt in Worpswede nieder, wo er Freundschaft mit Otto Modersohn und Heinrich Vogeler pflegte. Fünfundzwanzig Jahre später sollten sich Vogeler und Weidemeyer in Ascona wieder begegnen. Vogeler war bei Jordi in Fontana Martina und an dessen Berg „Schwerarbeiter“ geworden. Er wollte dem Freund helfen, in der Nähe von Ronco eine Siedlung aufzubauen. Vogeler, der Weidemeyer von Jordis Gedanken überzeugen wollte, stiess auf Ablehnung. Von Worpswede, wo Weidemeyers Bleistiftzeichnungen und Aquarelle entstanden, die das Bild der Moorlandschaft beinhalten, ging Weidemeyer nach Bremen. Dort entstanden die Holzschnitte, Exlibris, aber auch Kaltnadelradierungen und Lithographien. Der nächste Weg führte nach Ascona, wo ihn Freundschaften mit Hofer, Segal, Rohlfs, Genin und mit der Werefkina verbanden. Zusammen mit Leo Kok, Seewald und Jakob Flach wirkte er am Asconeser Marionettentheater – Jakob Flach führte Regie – mit. Auch Jakob Flach, der mit seinen Puppenspielen das Kulturleben Asconas bereicherte und seine Tessiner Erinnerungen in Büchern festhielt, lebt heute zurückgezogen.
Das Leben hat vielen Persönlichkeiten, die in Ascona wirkten, sowohl Freude wie Enttäuschungen gebracht. Wer glaubt, in Ascona gelte das Wort „dolce far niente“ täuscht sich. Die Maler und Schriftsteller mussten ihr Geld hart verdienen. Auch heute müssen sie es noch mit wenigen Ausnahmen! Erst kürzlich sage ein Schriftsteller, er lebe schlecht, sein Verleger fürstlich. Wer in Ascona nicht seriös arbeitet, kommt unter die Räder. So wundert es einen nicht, dass von hunderten von Namen, die da ins „Fischerdorf“ kamen wenige auch noch heute bekannt sind.