Asconeser Chronik von Giovanni

Giovanni Roos pflegte im jeweils ersten Ferien-Journal des Jahres das in Ascona in den vergangenen Wintermonaten Geschehene in der „Asconeser Chronik“ zusammenzufassen. Hier das Beispiel zum Winter 1981-1982

Ferien-Journal Nr. 223/1, von März 1982, Giovanni: - Asconeser-Chronik – 1981-1982

Die Chronik umfasst diesmal die Zeit von Anfang Oktober bis Ende Februar. Sie bezieht sich in erster Linie auf die Interessen der Feriengäste und derjenigen, die im Winter nicht in Ascona wohnen, aber doch Ascona-Fans sind. Für rein lokale Ereignisse sei auf die Tagespresse verwiesen.
Nehmen wir zuerst einmal die Wetterverhältnisse an die Reihe. Nach der katastrophalen Überschwemmung Ende September, ging der See wieder langsam zurück (siehe Foto) und das Wetter beruhigte sich. Wegen der Seeregulierung gab es einige Polemiken, einer meinte, dass die Fischer in Locarno in früherer Zeit ihre Boote bei den Häusern der Piazza Grande festbanden, das sei eben so! Am 26. Oktober war ein leichter Schneefall mit Regen vermischt zu verzeichnen, doch im November war es immer sehr schön und warm. Ein heiterer blauer Himmel wölbte sich über dem Lago Maggiore. Und dies blieb so bis zum 17. Dezember, nach welchem dann der erste richtige Schnee kam. Zur Freude der Jungen und zum Leid der Alten. Zwischendurch gab es einige Aufheiterungen, dann wieder kräftiger Schneefall vermischt mit Regen! Der Schnee erreichte auf der Cardada eine Höhe von etwas zwei Metern, in Bosco-Gurin sogar sechs Meter!
Der rührige Verkehrsverein Ascona, „Ente Turistico“ genannt, gab anfangs Oktober eine neue grosse Wanderkarte heraus, welche allen Feriengästen, die gerne wandern nützlich sein wird. Die Karte umfasst das rechtsufrige Gebiet der Maggia bis Ponte Brolla, dem Anfang der Centovalli, sowie Brissago und den Ghiridone. Sie kann zum Preis von nur einem Franken im Verkehrsbüro erworben werden.
Am Sonntag, den 18. Oktober wurde der II. Asconeser Literaturpreis in deutscher Sprache im Manifestationszentrum ETAL vergeben. Der Bürgermeister, sowie Prof. Dr. Boris Luban hielten Reden, umrahmt von musikalischen Werken für Flöte und Harfe. Der 1. Preis für Prosa ging Hansjörg Schertenleib, Boswil, mit 3000 Franken für das Werk „Weisse Tage“. Der Preis für Lyrik wurde geteilt an Monika Buchmann, Küsnacht, und Elisabeth Heck mit je 1500 Franken.
Am Freitag, den 23. Oktober, wurde das „neue Centrale“ mit dem Namen „Pub Londra“ an der Via Locarno neben der Taverna, mit einem Apéritiv eingeweiht.
Eigentlich hätte mit dem Bau des neuen Autosilos im Oktober begonnen werden sollen. Dieser unterirdische Autosilo soll beim jetzigen Parkplatz neben der COOP entstehen. Wegen einer interessierten Baufirma, die wegen der Vergebung der Arbeiten Rekurs erhoben hatte, konnte aber noch nicht begonnen werden. Nachdem die Baufirma die Unterlagen eingesehen hatte, zog sie ihre Einsprache zurück, so dass nun anfangs 1982 mit dem acht-Millionen-Projekt für 500 Auto-Einstellplätze begonnen werden kann.
Beim Centro Culturale Beato Berno wurde Ende November zwei alte Gemäuer (Rustici) abgerissen. Dabei kamen einige grosse Mühlesteine zum Vorschein, die vermuten lassen, dass hier einst eine Mühle gestanden hat. Mir scheint dies fraglich, denn beim Casa Berno geht kein Bach vorbei. Die Mühlesteine bleiben zur Erinnerung längst vergangener Zeiten an Ort und Stelle.
Am Donnerstag, den 3. Dezember, konnte Vincenzo Bacchi, Besitzer der Casa Borromeo, in bester gesundheitlicher Verfassung, im Kreise seiner beiden Töchter, seinen 90. Geburtstag feiern. Vincenzo Bacchi war 1932? Municipale, er ist ein passionierter Blumenfreund, besonders die Kamelien haben es ihm angetan. Hie und da sieht man ihn durch die Via Collegio zum Carcani wandern, das er seinerzeit erworben hat und das dann zum Hotel umgebaut, vom Ehepaar Chiesa-Bacchi geleitet wird. Auguri vivissimi!
Das leidige Verkehrsproblem Asconas ist bekannt. Die Gemeinde hat eine Konvention mit dem Kanton Tessin ausgearbeitet, nach welcher Ascona an die Gesamtkosten des Umfahrungstunnels von circa 52 Millionen Franken, die Finanzierung mit 20 Millionen für die ersten drei Jahre übernehmen soll. Der grosse Gemeinderat wird nun anfangs 1982 darüber abstimmen, und wenn die Konvention angenommen wird, geht diese an den Grossen Rat des Kantons Tessin, der ebenfalls sein Einverständnis zu geben hätte. Geht alles gut, so könnte anfangs 1983 mit den Bauarbeiten begonnen werden und 1987 wäre es dann so weit, dass Ascona durch diesen Tunnel vom Durchgangsverkehr befreit wäre! Ja, wenn... doch hoffen wir das Beste!
Am Mittwoch, den 16. Dezember starb nach längerer Krankheit Erich Meili, der „Fälscher“ von Avegno. Erich Meili kam 1928? In Zürich zur Welt. Er durchstreifte 53 Länder in vier Kontinenten, studierte Philosophie und Kunstgeschichte, bildete sich als Grafiker und Maler aus. Eine Tizian-Fälschung gab zu Kontroversen Anlass. Er wurde als Gutachter bei Fälschungen, von der Interpol beigezogen. Zahlreiche Kopien von Meili haben wir auf dem hintern Umschlagblatt in den letzten Jahren reproduziert. Erich Meili hat nie ein Blatt vor den Mund genommen und frei und offen seine Meinung offenbart. Er war, so wie ich es sehe, ein ehrlicher Mensch. Nun ruht er für immer auf dem kleinen Friedhof von Avegno und lässt seine Frau, Monika, allein zurück –
Am 18. Dezember fand im Veranstaltungszentrum ETAL in Ascona die Verleihung eines Preises des Migros-Genossenschafts-Bundes statt. Über 100 Personen wohnten der Feier bei, die von Gesangsvorträgen und einer Tanzvorführung umrahmt war. Die Summe von 5000 Franken ging an folgende vier Preisträger, die sich in der Region, für Kunst und Kultur verdient gemacht hatten:
Charlotte Bara, Tänzerin sakraler Tänze und Erbauerin des Teatro Materno, Förderin des kulturellen Lebens. Sie konnte im vergangenen April ihren 80. Geburtstag feiern. Wir berichteten ausführlich in der Nummer 216 darüber.
Rosetta Gelmini-Perucchi, die vor mehr als fünfzig Jahren die „Biblioteca Popolare“ gründete. Auch sie hat sich in all den Jahrzehnten für das kulturelle und geistige Leben Asconas eingesetzt und geht auch heute noch in die Bibliothek, die sich in der Casa Pasini an der Piazza befindet.
Pierre Casè erhielt den Kunstpreis 1981 für seinen künstlerischen Einsatz im Locarnese und besonders auch wegen seiner Ausstellung im Centro Culturale Ascona. Er wohnt in Maggia.
Edgardo Ratti erhielt die Auszeichnung für seinen kulturellen Einsatz im Gambarogno.
Kurz vor Weihnachten konnte der in Ronco lebende bekannte Maler und Grafiker Herbert Leupin, seinen 65. Geburtstag feiern.
In der Weihnachtswoche ernannte das „Comitato direttivo“ des Verkehrsvereins Ascona + Losone, Frau Rita Stoppa zur Vizedirektorin. Sicherlich eine gute Kraft zur Unterstützung des regen und initiativen Verkehrsdirektors Luciano Bohrer! Allerbesten Glückwunsch!
Ermano Schüpach starb an den Folgen einer Operation im 69. Altersjahr. Ermano kam als Motorrennfahrer in jungen Jahren ins Tessin und liess sich dann in Ascona nieder, wo er jahrzehntelang als Taxichauffeur tätig war. Wir Asconeser werden den ruhigen, stillen Mann sicherlich nicht vergessen.
Weihnachten, Stephanstag und Neujahr gingen wie gewohnt vorüber. Darüber gibt es nichts zu berichten, höchstens, dass die Asconeser wieder einmal „Weisse Weihnachten“ feiern konnten. Und wer zuviel gegessen oder getrunken hatte, musste sich eben einer gewissen Diät unterziehen!
Das Ristorante Aerodromo und die Lello-Bar hat am 1.1.82 die Leitung gewechselt. Lello Bianda, der Gründer des Flugplatzes, des Ristorante und der Lello-Bar, gab die Direktion der zwei letzteren Betrieb altershalber ab. Der neue Wirt heisst Vito Mediavilla. Natürlich wird Lello auch weiterhin das sein und dafür sorgen, dass das Ambiente der Lello-Bar und des Ristorante gewahrt bleibt. Lello gründete seinen Flugplatz im Jahre 1947.
Nur alle 6 bis 7 Jahre ist eine totale Mondfinsternis zu sehen. Dies war am Samstag, den 9. Januar 1982 der Fall. Sie war gut zu beobachten. Die Finsternis begann um 18.15 und war um 20.15 Uhr vollkommen. Nach 78 Minuten war das Naturereignis vorbei und der gute, stille Mond schaute wieder in seinem silbernen Glanz herab.
Ende Jahr wurde in Ascona festgestellt, dass die Ur-Einwohner, die Tessiner, nur noch 42 Prozent gegenüber den andern Schweizern und Ausländern ausmachen. Die Politiker meinen, das sei darauf zurückzuführen, dass die Tessiner nicht mehr in der Lage seien, die teuren Mietzinse zu bezahlen. Offenbar denkt man daran, wie schon in den 60-er Jahren, weitere „Case popolari“ zu bauen. Nicht nur für die Tessiner sind die Mieten zu hoch – auch für die „Confederati“!
Am 12. Januar 1982 feierte Natalia Gildemeister ihren 103. Geburtstag in Ascona! Sie lässt sich heute noch von ihrem Taxichauffeur, Giorgio Vacchini, ausführen, dem sie voll vertraut!
Ende Januar 1982 starb in Düsseldorf Karl Friedrich Koch im Alter von 88 Jahren. Sein „Europa-Forum“ und „Pan-Europa“ machten in den letzten Jahren in Ascona von sich reden.
Am 31. Jan. 1982 zog sich Ida Chicherio nach 21 Jahren von ihrer Tätigkeit als Wirtin der „Bar-Piazzetta“ zurück. Sie sei müde geworden und wolle jetzt mehr Golf spielen! Am 1. Februar übernahm die neue Gerantin, Betty Nobel, die Bar. Ein grosses Fest! Man sah vor lauter Leuten die mit Spiegeln „vergrösserte“ Bar nicht mehr! (Siehe Fotos in diesem Heft).
Mitte Februar sah man am Turm der Dorfkirche ein Gerüst. Das Uhrwerk wird renoviert, die Zeiger und das Zifferblatt sollen in neuem Glanz erstrahlen und das Uhrwerk wird direkt an die schweizerische Uhrzeit in Neuenburg angeschlossen. Es ist bald Zeit, dass unsere Dorf-Uhr einmal die richtige Zeit anzeigt!
Am 23. Februar 1982 feierte Rè Candidoo seinen 73. Geburtstag bei trübem Wetter und kaltem Seewind. Doch kam trotzdem ein zahlreiches Volk auf die Piazza, um den Risotto zu geniessen. Mehrere Fotos, ein Artikel über den „Carnevale“ und die Rub? „Unser Titelbild“ geben Aufschluss über diese Veranstaltung, die seit 1909 durchgeführt wird.
Ascona, den 10. März 1982