Asconeser Baupolitik von Giovanni

Ferien-Journal Nr. 223/1, von März 1982, Asconeser-Notizen, Asconeser Bau-Politik, von Giovanni

Die Verbetonierung unserer Landschaft schreitet rüstig fort und die Asconeser Baupolitik treibt sonderbare Blüten. Dies konnte man Ende Januar aus der Tagespresse entnehmen. Doch gehen wir in die Vergangenheit zurück, denn als Nachbar des betreffenden Grundstückes weiss ich darüber Bescheid.
In den Saleggi von Ascona, zwischen dem Flugplatz und dem Castello del Sole befand sich anfangs der fünfziger Jahre ein Grundstück, das mehreren Besitzern aus dem Gambarogno gehörte. Es waren mehrere schmale Parzellen, insgesamt 13’000 Quadratmeter. Früher wurde hier Mais bepflanzt. Einzelne Rebstöcke zeugten davon, dass hier einst Wein angebaut wurde und nahe der Strasse war auch ein Wasserhahnen für die Bauern. Der Baumbestand war karg, ein Kirschbaum, ein Maulbeerbaum standen im Wiesland.
Da kam 1953 Gianni Lehmann, er hatte sein Geld mit industriellen Transaktionen in Mailand gemacht, und kaufte die Parzellen zusammen. Er bezahlte einen Durchschnittspreis von etwa 25 Franken pro Quadratmeter. Auf diesem Land baute er seine Villa im Bungalow-Stil. Ello Katzenstein hatte die Bauleitung. Das herrschaftliche Haus wurde mit einem grossen Atelier ausgestattet, denn Frau Elly Lehmann malte. Die Villa wurde im August 1954 mit einem grossen Fest eingeweiht. Bis in die Morgenstunden erklang die Musik der aus Zürich herbeigeholten Jazz-Band, sehr zum Ärger der Nachbarn.
Das goldene Zeitalter für Gianni Lehmann hatte begonnen und rauschende Feste, wie zu hören war, fanden statt. Doch ach, Ende der 50-er Jahre ging Gianni Lehmann das Geld aus. Sogar das Holz für den Kamin fehlte und ich musste ihm mit solchem aushelfen. Wie es so ist, nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm und das war für Gianni nicht mehr der Fall. Die Villa samt dem grossen Gelände wurden zwangsrechtlich versteigert. Ein Tessiner Anwalt aus Locarno erwarb auf der Gant das Ganze für ca. 680’000 Fr. Später kam dann ein italienischer Stumpffabrikant, er stellte Maschinen im Atelier ein und kurze Zeit war da auch ein Filmstar Mieter, der sogar jeweils mit dem Helikopter auf der Wiese landete. Der Besitz ging an die Aktiengesellschaft Giovinia SA über und wurde amtlich mit 970’000 Franken eingeschätzt.
Um 1964 mietete dann der weltbekannte Schrifsteller Hans Habe die Liegenschaft, liess sie auf eigene Kosten einrichten und liess ein Schwimmbad bauen. Ein Gärtner war ständig mit dem grossen Park beschäftigt, zahlreiche Bäume und Blumen wurden gepflanzt. Und wenn der Gärtner – zuerst war es ein Bauer, der das Gras für seine Kühe hier mähte – fertig war, konnte er wieder von vorne anfangen mit dem Rasenmäher! Man sagte, dass Hans Habe die Liegenschaft kaufen wollte, aber die Besitzer, eben diese Aktiengesellschaft von der niemand wusste, wer dahinter steckte, wollten eine Million zu viel. So blieb Hans Habe Mieter der Liegenschaft und bezahlte eine Miete von 5000 Franken im Monat. Die Villa Acacia war eben die Residenz, die den Ambitionen eines weltbekannten Schriftstellers entsprach!
Doch am 29. September 1977 starb Hans Habe nach kurzer Krankheit und seitdem steht die Villa leer. Langsam verlottert sie, zahlreiche Fensterscheiben sind eingeschlagen und das Gelände ist verwildert und umgestürzte Bäume zieren den Park. Es fand sich für das aufwendige Haus, man denke nur an die Heizung, kein neuer Mieter.
Eines Tages anfangs 1980 stellten wir mit Schrecken fest, dass in dem Grundstück Gerüststangen für verschiedene Blöcke aufgestellt worden waren. Doch es geschah nichts.
Mitte 1980 wurde bekannte, dass die Immobilienfirma Uto-Ring AG aus Zürich, beim Municipio Ascona Baupläne eingereicht hatte. Man sprach von einem 70 Meter langen Gebäude, einer Tiefgarage für 70 Autos. Das Projekt war aber so überrissen, dass das Municipio keine Baubewilligung geben konnte.
Man muss wissen, dass in Ascona seit langem ein Zonenplan (Piano regolatore) in Arbeit ist. Aus politischen Gründen geht aber die Fertigstellung dieses Planes zur zäh voran. In der Zone, in der die Villa Acacia liegt, sind nach dem Plan nur zwei stöckige Gebäude vorgesehen, da es sich um eine „Zona residenziale“ handle. Trotzdem wurde gerade neben der Habe-Villa noch ein Block mit drei Stöcken erstellt. Vorgesehen war bei diesem „Condominio“ auch ein Attika-Stock, also vier Stöcke, doch Hans Habe hatte damals Einspruch erhoben.
Am 1. Juli 1981 reichte die Uto-Ring AG ein neues Projekt ein. Vorgesehen waren vier Wohnblöcke mit je drei Stockwerken und ein Zentralbau mit vier Stockwerken. Gemäss Überbauungsplan ist eine maximale Nutzung von 30 % erlaubt. Dies ergäbe also eine überbaute Fläche von 3900 Quadratmeter. Die Besitzer wollten aber eine Überbauung von 50 % also 6500 Quadratmeter überbaute Fläche. Nach dem kantonalen Baugesetz kann jedoch ein solches Bauvorhaben nicht bewilligt werden, besonders nicht solange der Asconeser Überbauungsplan noch nicht in Kraft ist! Obwohl das Municipio Ascona mit einigen Hemmungen das Baugesuch der Uto-Ring AG bewilligt hatte, hat der Tessiner Staatsrat zwei Rekurse gutgeheissen und die Ausführung auf vorläufig zwei Jahre hin abgelehnt. Die Firma Terreni alla Maggia SA und der Architekt Ello Katzenstein hatten also Recht bekommen. Es ist erstaunlich, dass kurz vor der Inkraftsetzung des „Piano regolatore“ das Asconeser Municipio diesses Projekt für ein Apart-Hotel bewilligte.
Dass auf diesem Grundstück etwas erstellt wird, ist verständlich. Doch das Vorgehen gewisser Immobilien-Makler ist unverständlich. Natürlich kann die Uto-Ring AG beim kantonalen Verwaltungsgericht Rekurs einlegen und schlussendlich werden doch noch mehrere Betonblöcke das Landschaftsbild beeinträchtigen. Sicher: Auch das Tessin ist kein Museum, es kann nicht nur alte Rustici, Wegkapellen und romanische Palazzi geben. Doch durch diese Masslosigkeit leidet die Lebensqualität, leidet Ascona selbst! Doch der Tanz um das Goldene Kalb ist ewig!
Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, leider, leider!!!