1992 Leo Kok stirbt - eine Gedenkschrift.

Von Hanspeter Manz, Auszüge: "Diese Erinnerungen an Leo Kok entstanden in den Jahren meiner Tätigkeit in Ascona vor 1989. Da unser dahin geschiedener Freund sein eigentliches Leben mit einer sehr grossen Verschwiegenheit hütete, und vor allem über seine Jahre im Kampf gegen den Faschismus sowie der Haft kaum gesprochen hat, ist diese kleine Erinnerungsschrift gezwungenermassen fragmentarisch geblieben. Dennoch sollen diese wenigen Blätter und Bilder verhindern, dass hier ein exemplarisches Leben einfach dem Vergessen anheimfällt. Im Sinne eines Gedenkblattes entsprechen die Notizen über Leo Kok auch einer ganz persönlichen Dankesschuld. Unser Freund hatte ein solches, kleines Memorial niemals gewünscht. Ich kann nur hoffen, dass er dieses doch, als respektvollen letzten Gruss, im Nachhinein angenommen hätte.
Ich selbst kannte ihn weit weniger lang als seinen verträumten Laden. Jenes antiquarische Raritätenkabinett, frei nach dem Dickensschen "Old Curiosity Book Shop" mitten im Herzen von Alt-Ascona. Die "Rondine" mit ihrem holländischen Besitzer, der ja mit Vorliebe ein nur ganz unmerklich gefärbtes Französisch sprach und der auch das bibliophile Pariser Buch mit echter Passion pflegte, hatte seinen legendären Klang weit über die sprachliche Scheidegrenze des San Gottardo hinweg.
Der holländische Inhaber war sehr oft ins Gespräch mit so oder so ungewöhnlichen Kunden vertieft, die offensichtlich den Geist dieses äusserlich so unscheinbaren Mannes hoch einschätzten. Mit etwas Glück konnte man, zumeist zur Apéro-Stunde, dem erfolgreichen Romancier E. M. Remarque begegnen, der mit seiner unlängst verstorbenen amerikanischen Schauspielergattin Paulette Goddard und einer legendären Kunstsammlung im nahegelegenen Porto Ronco redisdierte und der nun schon seit langem hoch über dem Lago Maggiore für immer ruht. Aber auch die geistigen Koryphäen der alljährlichen "Eranos-Tagungen" in der nahegelegenen "Casa Gabriela" von Moscia gingen "chez Kok" ein und aus: hiessen sie nun Scholem, Buonnaiuti oder Daisek Suzuki.
Im Tessin der zwanziger Jahre herrschten wohl noch nahezu idyllische Zustände, als der junge Musiker Leo Kok auf der Durchreise erstmals ins Locarnese kam - und hier hängen blieb. Er gab Klavierstunden. Er dirigierte als "Maestro" im Locarneser Kursaal aufwendige Operetten- und auch Konzertprogramme. Erste Koksche Kompositionen bereicherten etwa die frühen "Blumenfeste" in den Zwanzigerjahren. Etwas später begleitete er die vor einigen Jahren hochbetagt in Ascona verstorbene Ausdruckstänzerin Charlotte Bara um die halbe Welt.
Immer wieder aber war es die Weltstadt Paris, die Leo Kok in ihren Bann zog und seine eigentliche, seine geistige Heimat wurde. Die Jahre nach 1933 - sie markierten auch die Zeit der beginnenden politischen Verfolgung in Deutschland. Vertriebene, oft langjährige Freunde, klopften in Paris und im Tessin an. Leo Kok hätte den Krieg mit einem gesicherten Domizil im Rücken unbeschadet überstehen können. Entgegen den Beschwörungen vieler Freunde aber wählte er bewusst den anderen Weg. Der einstige Pazifist meldete sich beim Londoner "Secret-Service" zu einer Agenten-Sonderausbildung. Als Mitglied einer Widerstandsgruppe gelangte er ins besetzte Frankreich.
Buchenwald - die Hölle erleben und überleben: Über die Folgezeit hat Monsieur Kok bis zu seinem Tode weitgehend Stillschweigen bewahrt. Als gesichert gilt, dass die ganze Gruppe von den "forces françaises de l'intérieur, FFI" am gleichen Tag an verschiedenen Orten von "Grossparis" von der Geheimen Staatspolizei, Gestapo, festgenommen wurde. Leo Kok, damals schon 50, hat als einziger seiner Gruppe das Kriegsende im Lager er- und überlebt. Seine Kameraden gingen ihm, einer nach dem andern, am Galgen auf dem abendlichen Appellplatz voraus oder wurden sonstwie ermordet. Nur Tage vor der eigenen Hinrichtung befreiten sich die 21'000 Häftlinge selber, als die Spitzen der US-Army heranrückten.
Zurück im nunmehr freien Paris und unter "ehrenhafter Soldnachzahlung im Range eines Unterleutnants der FFI" begann der Kriegsversehrte mit den vielfach gebrochenen Händen nun jene Tätigkeit, die er im Rückblick stets als seinen Wunschberuf für ein "zweites Leben", an das er geistig gesprochen nicht glaubte, bezeichnete. Gute Freunde hatten die private Bibliothek durch die Zeit der Besatzung behütet. In einer Etagenwohnung der von Le Corbusier erbauten "Villa Seurat" entstand 1946 das erste Koksche Buchantiquariat. Anfang der Fünfzigerjahre dann dehrte der alternde Mann ein zweites Mal in Tessin und nach Ascona zurück. Jetzt für immer."