1992 Ronco s/Ascona - eine Bananenrepublik?

Aus dem vorigen Jahrhundert: Ronco s/Ascona – eine Bananenrepublik?

Ronco sopra Ascona, das heisst seine politischen Vertreterinnen und Vertreter, haben sich in den Jahren vor der Jahrtausendwende auf wirklich eigenartige Weise Aufmerksamkeit verschafft, wie der nachstehende Streifzug durch das Archiv der Tessiner Zeitung zeigt.

26. Oktober 1992: In Ronco s/Ascona regt sich Opposition gegen Sussigan. „Roncopoli“, Nummer 1 einer Kampfschrift wurde veröffentlicht. Die Alleanza Ronchese bläst zum Angriff. Ziel dieser parteiübergreifenden Gruppierung ist das „Schreckensregime“ von Bürgermeister Roberto Sussigan und dessen Vize Johann Ifanger. Sussigan sei ein Kranker Mann, der behandelt gehört“. Der „Bürger von Ronco“, der dies im Begleitbrief zur soeben erschienenen Erstausgabe des Bulletins schreibt, möchte nicht mit seinem Namen unterzeichnen, „weil sich Sussigan sonst an meiner Familie rächt“. Laut Nummer 1 des Bulletins häufen sich die Fälle von Misswirtschaft: „Bankrotterklärung der Gemeindekanzlei, Chaos in der Finanz- und Gemeindeverwaltung, krasse Fehlplanung und Fehlentscheide beim Hafenbau“ – leider, so die Verfasser, immer zu Lasten und auf Kosten der Bürgerinnen und Bürger von Ronco ... Man darf auf den weiteren Verlauf von „Roncopoli“ – und die Nummer 2 des Bulletins gespannt sein.
Später: Verkommt Ronco zur Bananenrepublik? Telefonterror und unverhohlene Gewalt. Das offizielle Ronco scheint immer mehr aus den Fugen zu geraten. Seit der Entlassung von Gemeindeschreiber Lucci hat sich die Lage derart zugespitzt, dass Gemeinderat Johan Ifanger gegenüber der Zeitung La Regione von Zuständen „wie in einer Bananenrepublik“ redet. Seit einigen Tagen jedenfalls sollen sich auf der Gemeindekanzlei anonyme Schreiben mit nicht zitierbarem Inhalt häufen. Die Verwaltung werde mit obszönen Telefonaten belästigt und gar vor nackter Gewalt würde nicht zurückgeschreckt. Man hört von beschädigten Automobilen, von zerstochenen Reifen. Ifanger: „Die Atmosphäre ist explosiv.“ Die Gemeinderäte von Ronco scheinen in Angst und Schrecken zu leben. Und auch auf ehemalige Mitglieder der Dorfregierung scheinen es die unbekannten Täter abgesehen zu haben: Vico Sussigan seien die Bremskabel seines Töfflis durchgeschnitten worden. Gegen die Übeltäter ist Strafanzeige erstattet worden ... Ifanger vermutet persönliche Ressentiments von Leuten, welche beispielsweise wegen unbezahlten Steuern mit der Gemeinde im Clinch liegen.
30. April 1993: Ronco: 19 von 25 Gemeinderäten legten Mandat nieder. Rebellion im Dorf. Einmalige Aktion in der Tessiner Geschichte. Die Überraschung war perfekt, als 19 Gemeinderäte von Ronco am letzten Montagabend ihr Mandat geschlossen niederlegten. „Wir haben genug von der despotischen Haltung des Gemeindepräsidenten“, sagten die Wortführer. Bevor die 19 Aufmüpfigen jedoch den Saal verliessen, begründeten sie in einer vierseitigen Erklärung den ungewöhnlichen Schritt. Patrizia Betté, Aris Carrara und Piero Caccia verlasen abwechslungsweise die „Anklageschrift“. Ihr Protest richtet sich fast ausschliesslich gegen den jahrelang amtierenden Gemeindepräsidenten Roberto Sussigan, dem sie Vettern- und Günstlingswirtschaft sowie undurchsichtige Amtsführung vorwerfen ...
Ronco: Mandatsniederlegung ungültig. Staatsrat pfeift die 19 Rebellen zurück. Die Antwort des Staatsrats auf die Revolte der Gemeinderäte von Ronco kam postwendend. Im Schreiben kommt unmissverständlich zum Ausdruck, dass seitens der Autorität kein Abweichen von den gesetzlich vorgeschriebenen Richtlinien geduldet wird. Die eigenmächtige Mandatsniederlegung sei im Gemeindeverwaltungsgesetz nicht vorgesehen und deshalb ungültig ...
Mai 1993. Mehrkosten wegen Verzögerungen. Rekursen, planerischen Fehlern und technischen „Imprévus“ gibt das Municipio von Ronco sopra Ascona in erster Linie die Schuld an der Kostenüberschreitung beim Bau des Bootshafens in der Zone Crodolo. Wie in der Botschaft zum entsprechenden Zusatzkredit von rund 1,4 Mio Franken zu entnehmen ist, haben die Verzögerungen damit beinahe zu einer Verdoppelung der Kosten geführt ...
Ronco: Gemeinderat tagt am 23. Juni. Der Bürgermeister ruft, und keiner geht hin? Nervosität herrscht in Ronco. Bis zur nächsten Gemeinderatssitzung sind es nur noch wenige Tage. Bürgermeister Roberto Sussigan hat diese Woche die Einladung zur Versammlung verschickt. Aber wer geht hin? ...
23. Juni 1993: Kantonsregierung wäscht umstrittenen Bürgermeister von Ronco rein. Sussigan gewinnt die Schlacht, aber der Krieg geht weiter. Die Tessiner Regierung stellt sich hinter den heftig umstrittenen Bürgermeister von Ronco ... Seine Kritiker müssen sich dagegen die Leviten lesen lassen: Ihre Vorwürfe seien „persönliche Animositäten“, findet die Regierung. Damit geht die Auseinandersetzung, die Ronco seit Jahren paralysiert, in die nächste Runde.
30. Juni 1993: Ronco sopra Ascona: Dorfposse geht weiter. Bürgermeister fordert die öffentliche Entschuldigung. Die mit Spannung erwartete Gemeinderatsversammlung von Ronco kam tatsächlich zustande. Sämtliche 19 „autosuspendierten“ Gemeinderäte erschienen zur anberaumten Sitzung. Allerdings dauerte sie nur zirka eine Stunde. Keines der Traktanden, unter anderem auch der Zusatzkredit über 1,4 Millionen Franken für das Hafenprojekt, konnte behandelt werden, weil die Mitglieder der vorbereitenden Geschäftsprüfungskommission sich aufgrund ihrer Protesthaltung nicht getroffen hatten ... Von Einsicht ist in Ronco keine Spur. Im Gegenteil ... Bürgermeister Sussigan giesst sogar noch Öl aufs Feuer: Einen Tag nach der Gemeinderatsversammlung liess er verkünden, er erwarte eine öffentliche Entschuldigung seitens der rebellischen Gemeinderäte.
Freitag, 6. August 1993. Und immer wieder Bootshafen. Die massive Kostenüberschreitung beim Bau des neuen Hafens von Ronco wird ein weiteres Mal Thema einer Gemeinderatssitzung sein. Die Hafenanlage sollte ursprünglich 2,1 Millionen Franken kosten. Für den gestellten Zusatzkredit über 1,4 Millionen herrschen Zweifel, ob bei der Abrechnung tatsächlich alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Deshalb schlägt die Geschäftsprüfungskommission vor, die Botschaft zum Zusatzkredit an das Municipio zurückzuweisen.
Montag, 23. August 1993. Rote Zahlen. Nach langen Jahren schreibt die Gemeinde Ronco s/Ascona zum ersten Mal rote Zahlen: Die kürzlich veröffentlichte Jahresrechnung 1992 schliesst mit einem Defizit von rund 300'000 Franken ... Dass das Defizit nicht dazu beitragen wird, die Wogen in der personalpolitisch zerstrittenen Gemeinde zu glätten, ist abzusehen.
Später: Harzig wie üblich. Die Gemeinderatssitzung von Montagabend in Ronco verlief harzig und war begleitet von den üblichen Polemiken. Trotzdem brachten die Anwesenden es fertig, das Budget 1994 abzusegnen.
Kanton zu Roncos Rechnung. Salomonisches Verdikt aus der Hauptstadt kostet 3'000 Franken. Die Rechnungsführer von Ronco können ihre Hände in Unschuld waschen. Die kantonale Gemeindedirektion hat die Jahresrechnung zwar in einigen Punkten korrigiert, aber, so das Verdikt aus Bellinzona, die Ungereimtheiten reichten nicht aus, die Gemeindeverwaltung ernsthaft zu tadeln. Ausgelöst hatte das Eingreifen der Überwachungsbehörde die Geschäftsprüfungskommission von Ronco, welche seinerzeit Mängel gerügt hatte. Das Lokalparlament wies darauf die von der Exekutive vorgelegte Rechnung zurück ... Die Führung von Ronco ist sich indessen klar geworden, dass sie ihre Abrechnungsprobleme fürderhin lieber en famille lösen und nicht externe Berater beiziehen will. Der Grund ist einsichtig: Aus Bellinzona erreichte Gemeindepräsident Roberto Sussigan und seine Leute nicht nur die Absolution für die künftige Führung der Gemeindefinanzen, sondern auch eine Rechnung: 3'000 Franken fordert die Gemeindedirektion für ihre Nachhilfestunden ein.
Dauerthema Rechnung '92 von Ronco. Gemeindeverwaltung musste in „chaotischen Zuständen“ arbeiten. Die Rechnung des Jahres 1992 lässt Ronco keine Ruhe ... Der Staatsrat beschied überdies, dass die Gemeinde sich künftig an die gesetzlichen Richtlinien zur Buchführung halten müsse – und bemerkt mit Genugtuung, dass der Gemeindeschreiber und sein Vize derzeit Weiterbildungskurse besuchten. Im regierungsrätlichen Papier steht geschrieben, das Municipio habe sich ausserstande erklärt, das Budget 92 anzupassen, weil sich, so die Selbstbezichtigung, die Kanzlei in einem „chaotischen Zustand“ befunden habe.
Grünes Licht nach orange. Grünes Licht für die Fertigstellung des neuen Hafens in Ronco hat dieser Tage der Staatsrat gegeben. Er lehnte einen Rekurs ab, der die Schlussarbeiten blockierte. Eine der interessierten Zulieferfirmen hatte nämlich gegen die Ausschreibung des Municipio für die Pontons protestiert ...
Und wenn sie nicht gestorben sind ...

In der "Tessiner Zeitung" vom 12. Juni 2009 macht ein Leserbrief auf offensichtlich nach wie vor merkwürdige Zustände in Ronco aufmerksam: "Ein pinkelnder Hund auf dem Balkon, Jakob Bergengrün, Brissago. Gestern (26. Mai) wurde ich nach einer Wanderung in Ronco s/Ascona an der via Nasetto, auf der Höhe des Hauses, das mit “Casa Sch….” angeschrieben ist, von einem auf dem Balkon befindlichen Hund von oben angepinkelt. Als ich danach in einem Wirtshaus mein übel stinkendes Hemd notdürftig auswusch, erfuhr ich, dass dieser Hund seit Monaten vom Balkon uriniert hat und beim Municipio deswegen schon öfters reklamiert wurde, ohne dass etwas getan werde. Ich bitte Sie, zumindest ein Warnschild wie z. B. „Vorsicht, vom Balkon urinierende Hunde!“ aufzustellen. Ich auf jeden Fall, werde Ihr Dorf in Zukunft meiden! (Der Reklamationsbrief richtete sich an die Gemeinde Ronco s/Ascona, Red.)"