2009 Zwischenbericht aus Minusio zur "Unfähigkeit des Staates"

Ein Tessiner Monument der Bürokratie

Von René Lenzin, Lugano, im Tagesanzeiger vom 23. Oktober 2009

Seit über 20 Jahren versucht die Tessiner Gemeinde Minusio, einen Kran loszuwerden.

 

Was gibt es in den Reiseführern nicht alles über die Wahrzeichen der Region Locarno zu lesen. Über die Wallfahrtskirche Madonna del Sasso; den Monte Verità; die Lidos am Lago Maggiore; die Inseln von Brissago; die Badeorte in den Tälern der Maggia und der Verzasca; die Clownschule von Dimitri in Verscio; die Zugfahrt durch die Centovalli; die Fünf-Stern-Hotellerie mit ihren Spitzenköchen in Ascona; die . . .

Nur über ein Monument hat sich die einschlägige Literatur bisher beharrlich ausgeschwiegen: den Kran von Minusio. Dabei hätte er es längst verdient, in sämtliche Reiseempfehlungen aufgenommen zu werden. Vielleicht nicht als historisch, kulturell oder touristisch besonders bedeutender Ort – aber sicher als kafkaeskes Symbol und stählernes Monument jener bürokratisch-juristischen Geschichten, die der Kanton Tessin besonders gerne zu schreiben scheint.

1984 wurde er aufgestellt, dieser Kran, um die vierte und letzte Etappe einer Wohn überbauung im Parco Girasole von Minusio zu realisieren. Einsprachen haben allerdings dazu geführt, dass bis heute nicht gebaut worden ist. Trotzdem weigert sich der Grundbesitzer hartnäckig, den Kran demontieren zu lassen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten. Zwei Versuche der Gemeinde in den 90er-Jahren, den Abbau des Krans auf dem Rechtsweg zu erzwingen, scheiterten am Veto des Kantons. Die Baubewilligung aus dem Jahr 1975 sei noch gültig, beschied die Regierung in Bellinzona, daher sei auch die Baustelle legal.

2004 dann die vermeintliche Wende: Der Kanton entzog die Baubewilligung. Doch auch das vermochte den Bauherrn nicht umzustimmen. Er focht den Abbruchbefehl bis vor Bundesgericht an, verlor – und liess den Kran trotzdem stehen. Bis Ende 2008 gaben ihm die höchsten Richter in Lausanne Zeit, die Baustelle aufzuheben. Doch er liess die Frist einfach verstreichen.

Worauf die Gemeinde in diesem Sommer zum letzten Gefecht aufbrach. Sie liess sich in einer Expertise bestätigen, dass der langsam vor sich hinrostende Kran ein Sicherheitsrisiko darstelle und daher abzubauen sei. «Eine Gefahr nicht nur für die Anwohner, sondern auch für die Allgemeinheit», stand im Gutachten, das dem Bauherrn mit der Aufforderung zugestellt wurde, den Kran bis Ende September abzubauen. Eine Frist, die er – wen erstaunt es noch – verstreichen liess.

Darauf gefasst, hat der Gemeinderat von Minusio nun einen Kredit von 75'000 Franken gesprochen, um den Kran von Amtes wegen selbst entfernen zu können. Illusionen hat er dabei keine. Auch dieses Verfahren werde «lang und steinig» werden, heisst es in der entsprechenden Botschaft ans Gemeindeparlament. Es sei wohl eher eine Sache von Monaten als von Tagen, lassen Gemeinderäte in den Tessiner Medien verlauten.

Symbol der Unfähigkeit des Staates

Der Kran von Minusio dürfte also noch einige Zeit in den Himmel ragen – zum Ärger nich t bloss der Behörden, sondern auch der Anwohner. Sie haben nicht nur Angst, dass der altersschwache Kran eines Tages auf ihre Häuser oder – noch schlimmer – ihre Kinder stürzen könnte. Sie sind es auch leid, neben einer Phantombaustelle leben zu müssen. Und einen Kran vor der Sonne zu haben, der für sie längst zum Symbol der Ohnmacht und der Unfähigkeit des Staates geworden ist.

In der Verzweiflung haben die Einwohner von Minusio schon die verrücktesten Ideen entworfen. Etwa, den Kran tatsächlich zu einem Denkmal erklären zu lassen. Oder ihn zu Jahresende als weit herum leuchtenden Weihnachtsbaum erscheinen zu lassen. Aber vielleicht sollten sie die Umsetzung dieser Ideen besser bleiben lassen. Sonst kommt tatsächlich noch einer auf die Idee, den Kran ins Inventar der schützenswerten Objekte aufzunehmen. Und die Reiseführer über das Locarnese umzuschreiben.