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Henry Jäger, Schriftsteller

1927-2000, geboren in Frankfurt a.M., gestorben in Ascona

Geriet 1945 als Flakhelfer in britische Kriegsgefangenschaft. Glitt nach beruflichen Fehlschlägen und Krisen in die Kriminalität ab: "Jäger-Bande", spezialisiert auf bewaffnete Raubüberfälle. 1956 Verurteilung zu 12 Jahren Zuchthaus. Erhielt 1959 Schreiberlaubnis. Man erzählt sich, er habe im Gefängnis sein erstes Buch auf Klopapier geschrieben. 1963 wurde er vorzeitig auf Bewährung aus der Haft entlassen. Zog 1965 in die Schweiz und lebte als freier Schriftsteller. Jäger war befreundet mit Otto Bachmann, Max Colpet, Hans Habe, Erich Maria Remarque, Horst Lemke, sein "bester Freund", Walter Mehring, Egon Schöneberg, Maurice Frido und anderen. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof von Ascona.
Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 119/1, vom 12. April 1969, Asconeser-Künstler, Henry Jäger – Schrifsteller, von Franz Disler: „Romane über das Gefängnis waren das, was der 42jährige Frankfurter und Wahlasconese Henry Jäger bisher schrieb. Kritiker bezeichnen ihn als elementare Begabung, mit geradezu unheimlicher Fähigkeit Charaktere zu schildern. Vor wenigen Wochen gelangte sein neuester Roman „Der Club“ (Verlag Droemer) in den Verkauf. Es ist sein fünftes Buch. Nach seinem Erstling „Die Festung“ erschien „Das Freudenhaus“, dann „Rebellion der Verlorenen“ sowie ein Erzählungsband. „Die Festung“ wurde verfilmt, „Die Rebellion der Verlorenen“ kam als Dreiteiler im Südfunk, „Die bestrafte Zeit“ wurde vom NDR-Fernsehen als Fernsehspiel gebracht.
Jäger ist einer der deutschen Schriftsteller, dessen Werke in sozialistischen und kommunistischen Ländern auf grösstes Interesse stossen. Kein anderer hat gegenwärtig eine derart lange Reihe von Veröffentlichungen hinter dem „Eisernen Vorhang“ aufzuweisen. In der rumänischen Ausgabe der „Rebellion der Verlorenen“ steht im Vorwort: „Henry Jäger gehört in die Familie der grossen Erzähler des genialen Maxim Gorki.“ Damit finden wir bereits die wichtigste Charakteristik des Romancier Jäger, dessen Themen die Not, die Hilflosigkeit und die Flucht der Menschen in Illusionen sind. Es ist nicht verwunderlich, dass die russische „Literaturnaja gaseta“ Jäger als Autos angeworben hat. Auch in Polen zeigt man grösstes Interesse für Jäger. Er hat eine Einladung nach Warschau und in andere Städte erhalten, um dort Vorträge zu halten und Diskussionen zu führen. Jäger sagt dazu: „Selbstverständlich ist das für mich eine Ehre. Natürlich bin ich zu keinerlei Konzessionen bereit und werde ungeschminkt meine Meinung sagen. Selbst gegenüber der „Literaturnaja gaseta“ habe ich mich abgesichert. Ich will kein Propagandapferd werden.“
Die Werke Jägers lassen sich nicht gut einer Richtung zuordnen. Er ist in seiner Ausdrucksweise ausserordentlich spontan. Er wehr sich gegen die bestehende literarische Klique. Er sagt dazu: „Ich weiss, dass ich vielen Leuten ein Dorn im Auge bin, da ich einer gewissen Gruppe das artifizielle Konzept zerstöre.“ Entscheidend wehrt sich Jäger dagegen, dass der Roman tot sei. „Nicht der Roman ist tot“, sagt Jäger, „vielmehr ist die deutsche Literatur in eine Sackgasse manövriert worden und jene Leute, die dies getan haben, sind nun am Ende ihres Lateins. Mit dem literarischen Geschwätz hat man die Unbefangenheit zerstört und auch die Urteilsfähikgeit.“
Das neue Buch Jägers, „Der Club“, ist als Anti-Ascona-Buch apostrophiert worden. Darauf angesprochen setzt sich Jäger zur Wehr: „Es ist wirklich nicht Ascona gemeint. In diesem imaginären Verbania kommen Menschen vor, die sowohl in Ascona wie auch anderswo leben könnten. Im Prinzip geht es mir einzig darum, darzustellen, wie sich Menschen auf der Flucht vor sich selbst und auf der Suche nach einem Paradies ins Unglück stürzen. Meine Romanmenschen vergessen, dass sie dieses Paradies nicht finden können, ohne sich selbst zu ändern. Sie schaffen sich Ersatz mit Sex, Alkohol und frivolen Spielen. Nur wenige erreichen ihr Paradies, das aber sind Menschen, die sich bescheiden. Die andern sind zum scheitern verurteilt. Sie erleiden, was ihnen aufgrund ihres Charakters zustossen konnte, und die Art eine Unglückfalls sagt viel aus über den, der davon betroffen wurde.
Ich liebe Ascona und seine Umgebung, meine Wahlheimat, und nichts liegt mir ferner, als diese Gegend in Misskredit zu bringen. Und gerade aus dieser Liebe heraus fürchte ich, dass Menschen kommen könnten, dieses kleine Paradies zu zerstören. Dass meine Romanmenschen nicht glücklich sind liegt nicht an der Gegend und am Dorf Verbania, vielmehr ist es die Unzulänglichkeit dieser Menschen.“
Zum Abschluss unseres Gespräches erklärte Henry Jäger: „Ich bin ein völliger Aussenseiter, man kann mich schlecht irgendwo einordnen. Für mich ist jedoch wesentlich, dass ich die Menschen trotz meiner Erlebnisse mit ihnen liebe, ja sogar trotz schlechter Erfahrungen immer mehr liebe.“