Peter Keller, Maler

Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 33/2, vom 21. Juni 1958, Asconeser-Künstler, Peter Keller, von Möve: „Es ist ein schwierig Unterfangen, über einen jungen Asconeser Künstler und Maler wie Peter Keller zu schreiben, wenn man selbst alt ist und nie der Muse gedient hat, in Ascona nicht ansässig und überdies mit keinerlei kunstkennerischem Wissen befrachtet ist. Wie kann es es wagen? Zum einen, weil ein sehr weiser Mann im Asconeser Ferien-Journal ausspricht, was mir die Sache ungeheuer erleichtert: Dass man nämlich beim Betrachten eines Kunstgegenstandes auf den Instinkt lauschen soll, Wissen behindert und auf das Wesentliche zu achten ist. Zum andern, weil ein Dichter gleiches mit anderen Worten ausgesprochen hat: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“.
Also darf ich getrost beginnen und den Maler Peter Keller und seine Bilder vorstellen. Zunächst den Maler selber, denn er wirkt nicht durch seine Bilder, vielmehr üben sie ihre Wirkung durch in aus. Er ist noch so jung, malt so „modern“, dass er schon gar nicht mehr modern ist, wobei sich die Frage aufdrängt, ob an Stelle des gebräuchlichen Wortes „moderne“ Malerei nicht zutreffender heutige Malerei zu setzen ist.-
Wenn man einen jungen Mann mit einer nicht ganz herkömmlichen Frisur und zweifelndem Gesicht, in dem sich bereits viele Wenn und Aber abzeichnen sonst aber im üblichen Ornat des Asconeser Bohémiens, auf der Piazza trifft, dürfte er es sein. Auch das Café Verbano ist ein zuverlässiger Ort. Gewissermassen prägt er sich wie seine Bilder dem Gedächtnis ein. Zusätzlich bat er mich, zu erwähnen, dass er krank sei, verschwieg aber, woran er leidet. Somit bin ich auf Vermutungen angewiesen und diagnostiziere, am unnennbaren, belastenden Zeitgefühl unserer heutigen Welt.
Peter Keller hat Wurzeln in Ascona, obgleich er in Florenz, der toskanischen Landschaft arbeitet und dort in seine Malerei hineinwächst. Darum muss er immer wieder hierher zurückkehren und verweilen, denn aus den Wurzeln entspringen alle Triebe, auch die der Schaffenskraft, der Impulse, ohne die ein Künstler nicht arbeiten kann.
Peter Keller’s Laufbahn ist kurz aufgezeigt. Er begann in der Kunstgewerbeschule Basel, der Malklasse von Martin Christ, 1954 stellte er das erste Mal gemeinsam mit anderen jungen Künstlern in Basel aus. Ein Jahr später folgte eine Ausstellung seiner Bilder in der Galleria Castelnuovo, Ascona. Als nächste Station übte Florenz, die Akademie der Künste, unter der Leitung des weithin anerkannten Professore Rosai entscheidenden Einfluss auf ihn aus. Ebenso aber die Stadt selbst, ihre Menschen, die hügelige Landschaft der Toscana mit ihrem weiten Horizont und dem weichen, goldüberfluteten Licht, das nie die Härte eines blauen, südlichen Himmels hat. Schliesslich noch die Atmosphäre seines Ateliers, dem Haus von Hans v. Marees, das er mit andern Künstlern teilt, worin er sich ausschliesslich nur einer Sache hingibt: der Malerei.
Eine weitere Ausstellung in Florenz zeitigte die ersten Anfangserfolge. In diesem Jahr erheilt Peter Keller das eidgenössische Stipendium für junge Maler, obgleich – oder gerade weil – seine Malerei gegenständlich ist. Augenfällig ist jedenfalls, dass sich seine Bilder deutlich hervorheben und den Stempel seiner ur-eigenen Malweise tragen. Das Publikum, endlich an abstrakte Malerei gewöhnt, könnte seine Bilder bereits als antiquiert betrachten. Das ist weit gefehlt. „Es gibt auch eine Abstraktion im Gegenständlichen“, waren die einleuchtenden Worte Peter Kellers. Wahrscheinlich braucht er das „Ambiente“ Asconas, diese Landschaft und dieses Getriebe, um die Formenstrenge, die sich in seinen Bildern ausdrückt, erst in Florenz gültig zu schaffen. Er malt hauptsächlich Portäts, vornehmlich auf grossen Flächen. Die Menschen auf seinen Bildern sind moderne Renaissancemenschen, sich in strengster Form erneuernd, so, wie sie sich selbst gar nicht erkennen. Die Materie wird bei ihm bis zum letzten Pinselstrich ungemein kultiviert, es wirkt gleichsam poetisch, dabei rettungslos modern. Sein neuestes Bild, in der „Nelly-Bar“ von Ascona, hat gesamthaft den Schimmer der Gedämpftheit, die leuchtenden Farben strahlen ganz aus der Tiefe. Es ist eine Tischgesellschaft von vier Menschen, ästhetisch dargestellt und gemalt, ruhig, gesammelt, doch jeder vom andern gekehrt, dass sich unwillkürlich jene Verszeile von Hermann Hesse aufdrängt: „Keiner kennt den andern, jeder ist allein“. Nichts ist hinein projiziert, nur dargestellt, darum wirkt es auf eindrücklichste Weise echt.
Seine Landschaften sind von der Toscana beeinflusst. In ihnen kämpft nicht das Licht, es ruht, wie alles, was er malt, viel ruhiger ist, als er selbst zu sein scheint. Auch hier an die strenge Form gebundener Aufbau, allem Gepränge, jedem Zerstreuen abhold, einer Pastorale gleich, ernst, schön, harmonisch. Besonders in den Landschaften hat er das schimmernde Licht aufgefangen, wie der Florentiner Maler Giotto, dessen Landschaft, die Toscana, er immer wieder malt.
Peter Keller hat bereits die Stufe überschritten, auf die viele junge Maler ihren Fuss noch nicht gesetzt haben. Seine Wünsche gehen weiter sie gehen, um sich der Malersprache zu bedienen, in die Fläche. Die Weite der Toscana hat ihn dazu angeregt, grosse Bilder zu malen. Nicht jedermanns Sache. Er ist zu jung, um ohne Wunsch zu sein. Warum nicht gar? Peter Keller wird Erfahrungen sammeln, denn vorab ist ihm daran gelegen, auch das Handwerkliche der Malerei zu beherrschen. Die Kenntnisse und Erkenntnisse, die er gewinnt, werden in seiner Malerei zum Ausdruck kommen. Aber ganz sicher ist, dass er immer wieder nach Ascona zurückkehren wird, denn hier liegen seine Wurzeln, das Gegensätzliche, Strenge mit der Milde gepaart. Hier liegt für Peter Keller der grosse Anreiz, besonders für einen Künstler.