Mutter Kessa mit ihrer Tochter Annuschka
Anna Petrowna Kessa, Emigrantin
Geboren in Russland, 1967 gestorben in Ascona
Die Überlieferung der Lebensgeschichte der Anna Petrowna ist Jo Mihaly zu verdanken. In ihrem Band „Was die alte Anna Petrowna erzählt. Geschichten aus Russland“, 1975 erschienen im Eugen Salzer-Verlag, Heilbronn, ISBN 3-7936-0901-4, ist sie festgehalten. Jo Mihaly schrieb in der persönlichen Widmung: „Das sind die wahren Geschichten, die mir meine alte russische Pflegemutter erzählte und die ich heimlich aufschrieb. Zu Eurem Vergnügen. Jo Mihaly, 1980.“ Hier das Vorwort:
Wie es zu diesen Erzählungen kam: Im Vorsommer des Jahres 1914 entstieg eine Frau mit einem kaum den ersten Kinderschuhen entwachsenen Töchterchen dem Zug, der Reisende aus dem Osten nach Zürich brachte. Die Frau hatte das hellhäutige, lebensprühende Gesicht mit den breiten Backenknochen einer russischen Bäuerin aus dem Norden; das Kind aber schien südlicheren Regionen anzugehören, war zart, hatte schwarze Locken und schwarze Augen. 
Das waren Anna Petrowna Kessa und ihre Tochter Annuschka.
Anna Petrowna befand sich auf einer Erholungsreise. Es war das erstemal, dass sie die Grenze des Heimatlandes verlassen hatte, und sie war voller Vergnügen am Wagnis und in Vorfreude auf ihren Mann, einen Advokaten aus dem Kaukasus, der nach Beendigung eines Prozesses nachkommen wollte.
Da fielen die Schüsse von Serajewo; der erste Weltkrieg brach aus. Noch rechnete die Frau mit keiner ernsthaften Trennung. Doch ihr Mann muss als russischer Offizier bereits in den ersten Gefechten gefallen sein, es drang nie wieder eine Kunde von ihm zu Anna Petrowna. Sie fand sich allein gelassen in der Schweiz, ohne Kenntnis der Landessprache - nur einige Brocken Französisch waren ihr geläufig - und ohne ausreichende Barmittel.
Damals kannte ich sie noch nicht, aber sie hat mir später oft erzählt, wie es weitergegangen ist: von ihrem letzten Geld kaufte sie eine alte Nähmaschine und ein französisches Wörterbuch und nahm eine Stellung als Nähmamsell in einem Zürcher Grand Hotel an. Im Untergeschoss des Hauses flickte sie schadhafte Hotelwäsche, während unter Damast und Leinen versteckt die aufgeschlagene französische Grammatik lag.
Man entdeckte bald ihre Geschicklichkeit. Vornehme Hotelgäste liessen Kleider von ihr ausbessern, manche nähte sie selbst. Sie begann sich auf französisch zu verständigen. Die deutsche Sprache flog ihr zu. In den späteren Jahren ihres Lebens sprach sie fliessend Italienisch und den Tessiner Dialekt. An einer englischen Konversation konnte sie sehr wohl teilnehmen.
Ihr Kind wuchs inzwischen bei Zürcher Bauern auf; abends kehrte sie zu ihm zurück. Als es schulpflichtig wurde, folgte sie einer wohlhabenden Dame nach Ascona am Lago Maggiore als Hausverwalterin.
Zu ihrem geheimen Entzücken wurde die Tochter immer schöner; mit ihrer hohen Gestalt und den schwarzen Flechten glich sie einer kaukasischen Prinzessin. Aber ihre gesundheitliche Anfälligkeit ängstigte Anna Petrowna. Es war Zeit, fremde Dienste aufzugeben und sich selbständig zu machen. Sie fing mit dem blanken Nichts an; Möbel und Hausrat suchte sie in den Tälern zusammen, brachte manches auf dem Handkarren, anderes auf dem Rücken heim.
Sie fand ein schlichtes Haus in einem grossen Garten, das mietete sie und eröffnete einen privaten Mittagstisch.
Im Jahr 1927 begann unsere Freundschaft, die mich an allem, was ihr Leben bewegte, teilnehmen liess. Der zweite Weltkrieg brach aus; Anna Petrowna hatte noch immer keinen Pass. Als Ausländerin war es ihr nicht mehr erlaubt, offiziell zu arbeiten; sie tat es heimlich, und die milde Tessiner Obrigkeit drückte die Augen zu.
An Anna Petrowna Kessas Tisch tafelten die Intellektuellen grosser Schweizer Städte, die in das fröhliche Ascona reisten, schmausten Flüchtlinge aller Länder, assen sich arme Leute im behaglichen Küchenwinkel satt. Welch ein Glanz, welch eine Heiterkeit in der bescheidenen Stube! Was trug die Gastgeberin an köstlichen Speisen und Getränken auf, und wie beseelte sie die Tafelrunde! Manchmal, wenn aus dem altmodischen Radio russische Musik erklang, tanzte sie. Sie tanzte noch als Uralte mit der lachenden Unschuld eines reinen Herzens. Dann erzählte sie Geschichten aus dem alten Russland, und ich lief in meine Stube und schrieb sie auf.
Ein einzigesmal ist sie in die russische Heimat zurückgekehrt. Aber sie ist wiedergekommen. Sie bewunderte den Fortschritt in der Sowjetunion. Doch vieles war ihr drüben fremd geworden.
Das einfache Haus im Blumen- und Gemüsegarten von Ascona blieb ihr Asyl.
Sie liebte den Garten. Einmal - sie war schon alt - sah ich, wie sie sich im Morgenglanz eines Frühlingstages vor der überwältigenden Pracht ihrer Blütenbäume verneigte. Kein unberufenes Auge hat es wahrgenommen.
Die anmutige Tochter ist sieben Jahre vor ihr gestorben, und Anna Petrownas starkes Herz ist nicht gebrochen.
Sie war siebenundachtzig Jahre alt, als sie im März 1967 in derselben Stube starb, die so viel Freude gesehen hatte. Wir haben sie auf dem Friedhof von Ascona an der Seite ihrer Tochter begraben.
Eine Tessiner Bäuerin, die sich oft an dem winzigen, schadhaften Holzofenherd gewärmt hatte, auf dem Anna Petrowna ihre bewundernswerte Kochkunst zwischen zerbeulten Pfannen und Töpfen entfaltete, sagte von ihr: „Sie war gut wie Brot.“