Mary Lavater-Sloman, Schriftstellerin

1891-1980, geboren in Hamburg, gestorben in Zürich

Tochter eines Reeders. Schulen in Hamburg. Lernte in St. Petersburg ihren späteren Ehemann Emil Lavater, einen Schweizer Ingenieur, kennen: Heirat 1912. Sie lebte in Zürich, Moskau, Griechenland, ab 1922 in Winterthur und ab 1943 in Ascona. Ihr Grab befindet sich in Zürich.
Aus dem "Ferien-Journal" Nr. 2 vom 17. Juli 1954: "Begegnung mit Mary Lavater-Sloman, von tz: Zu den vielen, die sich in Ascona als ihre Wahlheimat erkoren, gehört auch Mary Lavater-Sloman, die Verfasserin so vieler, viel gelesener biographischer Romane. Von dem Arbeitszimmer ihres schönen Hauses aus sieht man auf die alten Dächer von Ascona, auf die Kirchtürme und auf den See. Der Lärm des Ortes dringt nicht hierher hinaus, die ganze Aufmerksamkeit wird auf den Schreibtisch gelenkt, auf dem sich Manuskriptblätter und Korrekturbogen häufen. Soeben ist hier ihr letztes Buch, ein Pestalozzi-Roman entstanden. „Alle zwei Jahre schreibe ich ein Buch,“ sagte mir die hoch gewachsene, blondhaarige und blauäugige Autorin, der man kaum glauben mag, dass sie schon Engelkinder hat. „Kaum hatte ich die Korrekturbogen zu meiner Lukrezia Borgia beendet, war ich schon mit den Vorarbeiten für Pestalozzi beschäftigt.“ – Ein schöner Sprung von der kapriziösen und nicht gerade tugendsamen Italienerin zu dem schlichten Mann, der den Ruf der Schweiz auf pädagogischem Gebiet begründete. – „Ist es immer wieder der historische oder biographische Stoff, der Sie zur Gestaltung lockt?“ fragte ich. „Ja“, antwortete sie, „schon in meiner Jugend habe ich mich glühend für Geschichte und historische Begebenheiten interessiert. Sicher hätte ich studiert, wenn ich mich nicht schon mit 19 Jahren dem Ehestudium verschrieben hätte.“ – „Man sollte denken, dass man nach der Fertigstellung eines Buches ein grosses Bedürfnis nach einer längeren Ruhepause hat, aber bei Ihnen hat man nie das Gefühl einer Stockung.“ – „Ich halte Ruhepausen für einen Schrifsteller für nicht sehr beglückend. Ganz gleich, welchen Beruf man ausübt, immer finde ich es schwer erträglich, wenn man aus seinem Rhythmus herausgerissen wird. Meiner ist das Schreiben. – Für mein Pestalozzibuch habe ich sämtliche Werke von ihm durchgelesen. Meistens ist ja eigentlich nur sein Name, nicht aber seine Schriften bekannt. Wenn man sich aber in das Leben eines andern Menschen versenkt, dann strömen die Gedanken einem zu so wie die Flüsse zum Meer treiben.“ – Das Schicksal hatte es gut mit Mary Lavater-Sloman gemeint. Aus einer Hamburger Schiffsreederfamilie stammend, war die Welt für sie ohne Grenzen, denn mit den ausfahrenden Schiffen gingen auch die Wünsche des jungen Mädchens in die weite Welt. Als junge Frau lebte sie mit ihrem Gatten in Russland und Griechenland, wo er für eine Schweizer Firma als Ingenieur tätig war. Ausser den drei Landessprachen erlernte sie auch russisch und griechisch und in den Bibliotheken von Petersburg, Moskau und Athen historische Quellen zu studieren, war für sie das grösste Vergnügen. In Russland schon wurde der Keim zu dem später erschienenen Buch „Katharina und die russische Seele“ gelegt. Als nach langen Jahren im Ausland die Familie sich in Winterthur niederliess, da blieb Mary Lavater-Sloman viel freie Zeit und als sie sich eines Tages überlegt, somit sie diese wohl ausfüllen könnte, kam ihr in den Sinn, für ihre Kinder, drei an der Zahl, eine Weltgeschichte zu schreiben. Ihr erster, in der Schweiz veröffentlichter Roman beschäftigte sich mit Henry Meister, dem Schweizer Freund von Voltaire. Ihrer Vaterstadt Hamburg, ihrer Geschichte und Entwicklung gilt die „Die grosse Flut“, das bis heute von all ihren Büchern die höchste Auflageziffer erreichte.
„Wie haben Sie sich Ihren Arbeitstag eingeteilt?“ fragte ich. „Ich schreibe immer am Vormittag, und zwar von Hand. Meine Nachmittage sind mehr dem Quellenstudium und der Korrespondenz gewidmet.“ – „Und wie stehen Sie zur Hausarbeit?“ – „Oh, denken Sie, die besorge ich sehr gern. Ich finde, dass es eine wunderbare Ablenkung von geistiger Arbeit ist. Ich koche mit viel Freude und Schneidern ist mein Hobby.“ – „Und haben sie schon neue Pläne gefasst?“ – „Ach, feste noch nicht. Eigentlich möchte ich einmal nichts Biographisches mehr schreiben, einen richtig schönen Liebesroman zu schreiben, das könnte mich doch auch sehr locken!“
Jedes Mal, wenn man Mary Lavater-Sloman begegnet, hat sie neue Pläne, und meistens führt sie sie auch durch. Für sie hat Ascona nichts von jenem „dolce far niente“, dem zu verfallen für jeden, der längere Zeit hier lebt, die Verlockung sehr gross ist."
Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 68/6 vom 24. August 1962, Asconeser-Künstler, Eine Meisterin der historischen Romanbiographie, von Maria Nils: „Dass diese lebendige, aufgeschlossene und vielseitige Erzählerin nun auch in die Reihe der Siebziger tritt, wird zweifellos die vielen Freunde ihrer Romanbiographien überraschen. Und für sie selbst dürfte ein Alter, in dem man die Menschen gemeinhin als „betagt“ zu bezeichnen pflegt, durchaus noch keine Wirklichkeitsbedeutung haben. Mary Lavater-Sloman hat mit dem ihr eigenen anmutigen Humor, der zuweilen auch in ihre Menschenschilderungen hinein klingt, bekannt, dass sie, nachdem sie sich „unter die schreibende Welt gemischt habe“, den Herausgebern von Kalendern und Nachschlagebüchern, die sie um ihr Geburtsdatum angingen, kühn ein paar Jährchen zuwenig angegeben habe, dass aber das Schicksal ihr diese kleine, echt weibliche „Schwindelei“, die das ehrliche Schweizerherz ihres Gatten betrübte, nicht durchgehen liess, indem ein stiller Verehrer im Zürcher Stadthaus das richtige Datum erfragte und es, um den Gegenstand seiner Verehrung gebührend gefeiert zu sehen, der staunenden Mitwelt mitteilte. Nun, Frau Lavater weiss sich lächelnd in dies Ungemach zu schicken, und sie darf es um so eher, als sie gerade in den letzten Jahren mehr als ein Zeugnis ihrer geistigen Regsamkeit, ihres lebendigen Vorstellungsvermögens und einer unverminderten erzählerischen Verve abgelegt hat.
Es ist ein reiches Werk, das uns diese Schriftstellerin geschenkt hat, die am 14. Dezember 1891 in Hamburg geboren, als zweite dichtende Frau der Familie Sloman mit der literarischen Schweiz in besonderer Weise verbunden ist. Denn auch Eliza Wille, Mutter Generals Ulrich Willes und Herrin der berühmten Tafelrunde zu Mariafeld ob Meilen am Zürichsee, zu der Gottfried Keller, die Geschwister Conrad Ferdinand und Betsy Meyer, Richard Wagner, Georg Hergwegh und andere bedeutende Persönlichkeiten des vorigen Jahrhunderts gehörten, war eine Tochter des englisch-deutschen Kaufmannsgeschlechtes.
Eliza Willes heute schon nahezu vergessenen Romane und Gedichte haben freilich zu ihrer Zeit kaum eine so weite Verbreitung gefunden wie die Bücher ihrer jüngeren Verwandten, die sich mit ihrer „biographie-romancée“ über Johann Caspa Lavater, zu der ihr historischen Dokumente und die Überlieferungen der Familie ihres Gatten Emil Lavater das Material geliefert haben, 1939 mit einem Schlage weit über die deutschsprachige Schweiz hinaus einen bekannten Name als Erzählerin gemacht hat. Vorgegangen war diesem Werk drei Jahre zuvor der Roman über Henri Meister, in dem die Autorin einen Zürcher Lebenskünstler der galanten Zeit des 18. Jahrhunderts, der als Mitarbeiter Diderots und Grimms in die Geschichte eingegangen ist, ein Denkmal setzte, das unseres Erachtens eine ihrer stärksten literarischen Leistungen darstellt. Es folgten in rund zwei Jahrzehnten Werk auf Werk. Da sind die in der Vaterstadt der Autorin spielenden Romane „Die grosse Flut“ und „Wer singt darf in den Himmel gehen“, deren Helden Träger so mancher Schicksale der Hamburger Reederfamilie Tweenstreng sind, und da ist die stattliche Reihe von Romanbiographien, die bedeutenden Persönlichkeiten der Historie und Literatur gewidmet sind: In ihnen sucht Mary Lavater-Sloman ihr Anliegen zu verwirklichen, „die grossen Helfenden und Wegbereiter, Volksfreunde und Ordner aufzurufen, in der Hoffnung, dass die wiedererweckten Vorbilder weiter und weiter Gutes wirken“.
Es ist dabei für die Erzählerin charakteristisch, dass sie oft ganz entgegen gesetzten Charakter ihr Interesse zuwendet. So stehen ihre Romanbiographien über die Kaiserin Katherina II von Russland, über Lucrezia Borgia und Königin Elisabeth I. Von England diejenigen er Heiligen Elisabeth („Triumph der Demut“) der einsamen Dichterin Anette von Droste Hülshoff („Einsamkeit“) gegenüber und neben Goethe, den „Stern der höchsten Höhe“ (Wer sich der Liebe vertraut“) stellte sie den grossen Demütigen, Heinrich Pestalozzi, und den aufopfernd Verehrenden Johann Peter Eckermann („Der strahlende Schatten“).
Immer ist ihre Darstellung getragen von der Intensität des eigenen Wesens und von einer Einfühlungsgabe, die naturgemäss dort am stärksten zum Ausdruck kommt, wo der von ihr dargestellte Mensch der eigenen vitalen Persönlichkeit oder deren „bildender Sehnsucht“ besonders entgegenkommt. So wie sie in ihrem Buch über „Katharina und die russische Seele“ den Charakter der grossen Zarin oft mit erstaunlicher Hellsichtigkeit deutet, obschon sie für dieses Buch die Quellen in russischer Sprache nicht studieren konnte, so versteht sie auch in ihrer Chronik „Lucrezia Borgia und ihr Schatten“ aus ihrer lebhaften Vorstellungswelt heraus Glanz und Glut der Menschen der Renaissance packend aufleuchten zu lassen. In der Schilderung der „Herrin der Meere“, der grossen Königin Elisabeth von England, aber erreicht sie unseres Erachtens den Gipfel ihrer Erzählkunst: wie sie hier das Wesen einer bedeutenden Frau in seiner Zwiespältigkeit, seinem Versagen und seiner Bewährung lebendig macht, das ist in der Tat eine imponierende Leistung.
Mary Lavater-Sloman empfindet – nach ihren eigenen Worten – dass es ihr Schicksal als Mensch wie als Erzählerin ist, „nur Beobachterin wenn auch in leidenschaftlichem Mitempfinden“, zu sein. Auch wer sich der romanhaften Darstellung des Lebens und Wesens bedeutender Menschen gegenüber skeptisch verhält, wird nicht verkennen, dass diese Erzählerin auf ihre Art das Dasein, Handeln und Erleiden der Helden und Heldinnen ihrer Romanbiographien lebendig bewegt vor den Leser hinstellt. Sie versteht es, die Persönlichkeiten vor dem bunten Hintergrund ihrer Zeit und ihres Milieus gegenwärtig zu machen, in einer Weise, die heutige Menschen anspricht, und so tragen ihre Bücher zweifellos dazu bei, in breiten Kreisen, die für wissenschaftlich-biographische Darstellungen nicht viel übrig haben, das Interesse an bedeutenden Gestalten der Vergangenheit zu fördern.
„Les grandes personnalités vue par un temperament“, so könnte man ihre Darstellungsart charakterisieren. Die seit Jahren hier in Ascona lebende Schriftstellerin hat sich mit dieser ihrer „eigenen Note“ zweifellos einen festen Platz in der zeitgenössischen Erzählkunst erworben.“