Elly Leemann

Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 27/4, vom 20. Juli 1957, Asconeser-Künstler, von Otto Bachmann: „Mit schüchternem Charme empfing Elly Leemann am Eingang des grossen Saales der Galleria Schettini in Milano die vielen Besucher, die einer freundlichen Einladung, ihre erste Ausstellung zu besuchen, mit Vergnügen Folge leisteten. Obwohl die Bewunderung zuerst ihrer eigenen anmutig-eleganten Erscheinung galt, waren alle, die bisher von ihrem künstlerischen Schaffen nichts geahnt hatten, aufs höchste überrascht eine Werkreihe von so bedeutender Qualität vorzufinden, dass man sich eher einen gewichtigen Meister als Hervorbringer gedacht hätte.
Junge hübsche Frauen, deren Wertbewusstsein meisten im Körperlichen aufgeht, könnten solche Bilder niemals malen. Bilder, die so viele Stufen des Zarten durchlaufen und doch zur Monumentalität sich steigern, von Erlebnissen verhaltener Leidenschaft durchglüht. Es wäre demnach interessant den Ursachen nachzuspüren, die solche Begabung und Aussage ermöglicht. Das ist allerdings gefährlich und verwirrend. Wie mancher hat schon versucht, die psychologischen Beweggründe einer schöpferischen Leistung zu deuten und ist daran gescheitert, indem er dieselben psychologischen Beweggründe, die er konstruierte, auch anderswo entdeckte, ohne dass daraus eine künstlerische Leistung hervorgekommen wäre. Die Auseinandersetzung mit dem Charakter Elly Leemann’s könnte leicht ebensolche Fehlschlüsse zeigen. Obwohl ihrer Natur spannungsreiche Gegensätze des Temperaments eignen. Humor, Güte und Einfühlungsvermögen stehen gegen ein aufbrausendes Temperament, welches schwer zu bändigen ist (auch von ihr selbst), falls es provoziert wird. Obwohl ihrem Wesen eine gewisse dämonische Bedrängnis innewohnt, liesse sich daraus noch nicht unbedingt eine schöpferische Begabung ableiten. Wohl aber bilden die ihrem Wesen, entsprechend ungewöhnlichen Spannungen das Triebwerk zu einer erhöhten Erlebnisfähigkeit. Aber die Fähigkeit, aus innerer Spannung hervorgerufene Erlebnisse künstlerisch zu sublimieren, zu übertragen in beseelte Form und Farbe, stammt aus anderen Quellen. Diese Ursachen schöpferischen Tuns sind uns jedoch unbekannt. Niemand konnte bisher erklären oder psychologisch ausdeuten, woher diese Gnade stammt oder wie oder aus was sie zusammengesetzt ist. Deshalb, indem wir uns bescheiden, gilt unsere Bewunderung dem erfolgreichen Bemühen der schaffenden Künstlerin Elly Leemann mit den Mitteln der Form und Farbe das zu gestalten, was in ihr zu lebendig erhöhtem Ausdruck drängt. In ihrem Atelier, ein grosser stiller Raum, welcher den Ausblick auf eine der schönsten baumbestandenen Landschaften des Saleggi ermöglicht, arbeitet die 25-jährige Künstlerin an grossen Formaten und wir hoffen weitere Zeugnisse ihres Schaffens bald auch in Ascona selbst sehen zu dürfen.“