Rolf von der Lenne, Maler, Bildsticker, Bildweber

1894-1986, geboren in Westfalen, gestorben in Locarno

Eigentlich Rolf Stürmer. Als Jude im nazionalsozialistischen Deutschland änderte Stürmer seinen Namen in Lenne, nach dem Fluss, der durch seine Geburtsstadt Altena in Nordrhein-Westfalen fliesst. Besuch der staatlichen Kunstschule in Berlin. 1935 Heirat mit der Tschechin Wanda Jirotkowà, eine Malerin und Bildhauerin. Durch sie gelangt Lenne zur Textilkunst. Von den Nazis verfolgt emigrierten die Lennes in die Schweiz, nach Ronco s/Ascona, wo er freundschaftlich mit Peter P. Riesterer in Verbindung stand. 1949 Scheidung. Lenne arbeitet mit Themen der klassischen Mythologie, mit kosmischen Visionen und der Naturwissenschaft. In den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erlangt er Bekanntheit. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof von Ronco s/Ascona.
Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 36/5, vom 9. August 1958, Asconeser-Künstler, von Jo Mihaly: „Rolf von der Lenne kam im Jahre 1936 aus dem „Tausendjährigen Reich“, dem er voll Abscheu den Rücken kehrte; seit der Zeit gehört er zu Ascona und Ronco, wo er sein schlichtes Atelier hat. Er ist von uns nicht mehr wegzudenken.
Damals war er arm. Durch sein Atelier pfiff der Wind; im Winter fürchteten wir, er könne darin erfrieren. Aber er erfror nicht, sondern härtete sich ab, indem er bei Eis und Schnee in einer alten Badewanne im Garten badete; war der Hunger zu gross, so sang er mit lauter Stimme. Da, und dass er seine eigene Manier des Teppichstickens erfand, erhielt ihn am Leben. Er ergötzte und erwärmte sich innerlich. – Im Dorf besorgte er Rollen ungebleichter Kordelschnur, die er selber färbte. Mit schönen Farbfäden, die er zu den mannigfaltigsten Linien auf einen Hintergrund aus derbem Leinen nähte, fertigte er Wandteppiche an. Die Schnüre fügte er mit kaum sichtbaren Stichen zu Bildern, die halb wie fremdartige Stickereien, halb wie Gemälde aussahen. Es entstand die eigenartigste Wirkung, eine nie gesehene Technik – die durch winzige Unregelmässigkeiten zum regelmässigen Leben, zur Wärme erwachte.
Seine Bildteppiche sind längst Ausstellungsgut. Das Kunstgewerbemuseum von Zürich und das städtische Museum von Braunschweig haben seine Arbeiten gekauft. Er ist nicht mehr ein Fremder, Anonymer; er ist Rolf von der Lenne, geboren am Flüsschen Lenne in Westfalen und sich gelassen zu seiner Herkunft bekennend. Seine Motive suchte er lange im Mythos; es war ihm lieb, sich an Götter und kosmische Kräfte zu halten, nachdem die irdischen Kräfte ihm wenig Entgegenkommen zeigten. Auch Tiere waren ihm lieb; auf Teppichen von grosser Schönheit ruhen sie unschuldig unter seltsamen Bäumen und Pflanzen. Lenne bekommt zum Beispiel den Auftrag, für einen Afrika-Reisenden die Wüste zu sticken. Er spiegelt sie in den Augen des Einhorns. Warum nicht -? gehört doch das Einhorn zu den Antilopentieren, die die Urbewohner der Wüste sind.
Seine imaginären Gestalten sind voll Kraft, ja Magie. Oft leitet ihn ein Erinnern, dem er keinen Namen geben kann. Auf einem Teppich von graugelbem Grund umschlingt die Urschlange de Mond mit ihrem Schwanz; darunter knien zwei heilige, fabelhafte Tiere. Sie nähern die Lippen zum Kuss, doch trennt die Berührung ein schwebender Ball gleich einer Perle oder kleinen Sonne. Danach befragt, antwortet Lenne unbefangen, er wisse es nicht; es sein ein Geheimnis. Doch habe er’s sticken müssen und so werde es wohl richtig sein. (Nicht besser hätte er’s treffen können!). Dieser Teppich in edlen Farben geht demnächst nach Holland, wo in Utrecht eine Ausstellung von 16 Bildstickereien und 12 gemalten Tafeln stattfindet. Eine neue Ausstellung ist in Frankfurt am Mai geplant.
Allmählich löst Lenne sich von der mythologischen Thematik, die Konzeption wird freier. Mitunter muss er das Sticken (die Arbeit an einem Teppich dauert mehrere Monate) an den Nagel hängen und sich desto herzhafter an der Malerei erfrischen, denn auch das ist er: Maler. Er malt Aquarelle und glühende Pastellandschaften; manchmal porträtiert er auch mit schlichter Kühle oder Braunstift. In sechs Wochen hat er den Wurf von nahezu 60 Aquarellen aus sich herausgeschleudert. Sie sind wie in einem Freiheitsrausch gemalt; die Farbgebung ist von kühner Sicherheit.
Den Berg hinterm See, den schönen Gambarogno, der vor seinem Atelierfenster die Pranken im Wasser badet, hat er in vielen hundert Variationen gemalt. Er ist sein Vertrauter geworden, den er unaufhörlich wie ein Liebender belauscht – nicht an ihm blieb ihm verborgen. – Rolf Lenne fürchtet nicht den Maniserismus, dem viele Malter mit der wachsenden Sicherheit des Strichs verfallen. Misstrauisch jeder Glätte gegenüber, kehrt er wie ein Mönch in die Zelle der Natur zurück, von der er ausging. In ewigen Studien erneuert er sich demütig und verwandelt das Geschaute und Gemalte wieder ganz. So dass er etwas eine Rose naturalistisch aufs Papier wirft, verwirft und wieder entwirft, bis sie gänzlich rein in befreiter Form ersteht. Gleich einem asiatischen Bogenschützen in unendlich wiederholtem Bemühen, schüchtern erst, dann immer sicherer, trifft er schliesslich mit Stift und Farbe ins Wesentliche – doch ist er immer bescheiden geblieben, als dulde Meisterschaft keine Unehre.