Ruggero Leoncavallo
Albert Lindi, Maler, Karikaturist und Autor

1904-1991, geboren in Bern, gestorben in Bellinzona

Eigentlich Albert Lindegger. Jugend und Schulen in Bern. Seinen Übernamen „Lindi“ machte er später zum Künstlernamen und dann, per Namensänderung, zum Familiennamen. Er schloss die Ausbildung mit der Gewerbeschule ab. 1926 beschloss er, Maler zu werden. Umzug nach Paris. Freundschaft unter anderem mit Alberto Giacometti. Gemälde und Karikaturen. 1932 Reisen quer durch Europa. Karikaturen für verschiedene Zeitungen, unter anderem in der „Berner Tagwacht“, im „Nebelspalter“ und der Basler „National-Zeitung“. Tätigkeit als Illustrator und keramisches Schaffen. 1965 Umzug nach Agarone. 1979 begann er erotische und gesellschaftskritische Bücher zu publizieren. Lindi hatte sich als Stammgast mehrfach in den Gästebücher der Ristoranti "Schiff" und „Verbano“ in Ascona verewigt. Er war verheiratet mit Marianne Lindi, 1939-1988. Aus einem Ausstellungsprospekt der „Galleria AAA“: „Lindi Albert, Maler, Zeichner, Illustrator, Graphiker, Kunstgewerbler, Plastiker, geboren in Bern. Verblüffende Begabung zur treffsicheren und persönlich stilisierten Zeichnung. Durch weite publizistische Verbreitung von Karikaturen und Illustrationszeichnungen sehr bekannter schweizerischer Karikaturist. Vergnüglicher und sinnlicher Charakter des Gesamtwerks, das sich von grossen Wandmalereien bis zu verspielten Mobiles und zu angewandter Kunst an Keramik und Bijoux erstreckt. Motive vorwiegend gegenständlich.“ www.albertlindi.ch
Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 108/6, vom 19. August 1967, Künstler im Tessin, Albert Lindi, Maler Zeichner, von Lars Pfenninger: „Wer kennt ihn nicht, persönlich oder doch durch seine Werke, den humorvollen Lindi, den träfen Karikaturisten, den Kunstmaler und Kunsthandwerker, den nie um einen Einfall verlegenen Humoristen und allgemein bekannten Zeichner. Und der Name „Lindi“ passt zu ihm, wie alles andere. Selbst seine Gattin nennt ihn liebevoll mit diesem Ehrennamen, denn auch für sie und für die Kinder ist Lindi eben der Lindi; es braucht da weder einen Vornamen noch irgend eine andere Bezeichnung, denn es gibt eben nur einen Lindi!
Die meisten von uns kennen ihn als unbestechlichen Beobachter und strichsichere Karikaturisten und haben dabei kaum eine Ahnung davon, was ausser diesen Zeichnungen noch alles entsteht in seinem originellen Heim in Agarone.
Weniger bekannt, und dies ganz zu unrecht, ist der Kunstmaler Lindi. Wer sich auf einem Gebiet einen Namen gemacht hat, hat es eben schwer, diesen Namen auch auf ein anderes übertragen zu können, denn die Welt will einen lachenden, witzigen und im Lustigen geistreichen Lindi und deshalb sind seine Fähigkeiten auf diesem Gebiet der Malerei weniger bekannt. Dies mag wohl der Hauptgrund dafür sein, dass eine stattliche Anzahl von guten Bildern heute in seinem Haus ihrer Entdeckung entgegenschlummern. Wir hoffen, dass die geplante Ausstellung in Locarno auch dem „ernsteren Lindi“ zu seinem verdienten Erfolg verhelfe. Da und dort sieht man auch Wandbilder von ihm u.a. auch am Schulhaus von Gerra Piano. Auch in ihnen begegnet uns ein anderer Lindi als der, den wir von Plakaten und Karikaturen her kennen. Aber allen seinen Werken ist der sichere Strich, der ungeheure Schwung der Linien, das untrügliche Gefühl für Proportionen und Architektur eigen.
Wenden wir uns dem Lindi als Kunsthandwerker zu. Auch hier liegt der Akzent eindeutig auf dem Wortteil „Kunst“, denn dass man, um solche Dinge schaffen zu können, auch ein ausgezeichneter, mit den verschiedensten Materialien vertrauter Handwerker sein muss, ist für Lindi eine Selbstverständlichkeit.
Wer kennt zum Beispiel seine Wandteppiche, die „“Lindi-Agarone-Gobelins?“ Einige davon schmücken sein Heim. Die Motive sind manchmal reichlich kühn und dem Charakter Lindis entsprechend sehr offen und ungeschminkt. Sie bewegen sich fast alle um das uralte, ewigjunge und aktuelle Thema des „ewig-Weiblichen“, aber im Gegensatz zu einem Grossteil des „Weiblichen“ sind Lindis „Weiblichkeiten“ einmal ungeschminkt und meist auch unverhüllt. Lindi schafft seine Werke gleichsam von innen heraus und man muss daher seine Schöpfungen auch von innen heraus betrachten. Sein ganzes Wesen nimmt lebhaften Anteil, an dem was er in seinen Werken festhält.
Ein anderer Zweig seiner vielfältigen Tätigkeit ist die Herstellung von sorgfältigem Handdruck auf Seidenfoulards. In Ascona sind sie in „Reber’shop“ erhältlich. Auch die Anfertigung von originellen Schmuckstücken in – natürlich – sehr eigenwilligen Formen und Kombinationen gehört in Lindis Programm. Hierzu inspiriert ihn das zu verarbeitende Material selbst, schöne Steine, edle und andere, Golddraht wird zu fantasievollen Gebilden geformt, es entstehen Armbänder, Ringe, Broschen, Ketten; mit denen er am liebsten seine hübsche Frau ziert. Diese Schmuckstücke werden sicher sehr begehrt sein, denn welche Frau wäre nicht stolz darauf, „Lindi-Schmuck“ zu tragen!
Die einfachsten Rohmaterialen werden unter seinen geschickten Händen z.B. zu kunstvollen originellen Nachbildungen der Käfer- und Insektenwelt. Alles, was da zu „fleuchen und zu kreuchen“ scheint, sind Schöpfungen, die unleugbar Lindis Stempel tragen, und wer so ein Schmuckstück erwirbt, kann sicher sein, dass er etwas Einmaliges erworben hat, etwas, was den sprühenden Geist seines Schöpfers widerspiegelt.
So ausgefallen und originell wie Lindis Creationen, so war und ist zum Teil auch heute noch sein eigenes Leben. Wäre Lindi Schriftsteller, würde die Beschreibung seines schillernden Lebens, das ihn in die entlegendsten Bezirke der Erde geführt hat jedermann fesseln. Aber Lindi ist zu unmittelbar um zu schreiben, er muss auf den ersten Blick sichtbar gestalten, Lindi lebt vom rasch und scharf erfassten Augenblick und freut sich kindlich, wenn er fast im gleichen Moment die Reaktion auf seine Schöpfungen miterleben kann. So ist auch sein ganzes Schiffen Erleben, er erlebt in seinen Schöpfungen sich selbst, aber er lässt an seinem intensiven Erleben auch die andern teilhaben, besonders auch dann, wenn er stundenlang ganze Gesellschaften zu unterhalten vermag, ohne zu ermüden und immer im gleichen Schwung und Elan.
Lindi lässt sich – Gott sei Dank  nicht klassieren, nicht einordnen und mit einer Typenbezeichnung versehen, es sei denn, man würde eine neue Gruppe oder eine neue Klasse schaffen, die dann nur einen Vertreter haben würde, eben den Lindi!
Aus dem „Ferien-Journal“ von September 1979: „Lindi über Lindi – Möglichst lustig – den Wunsch verdanke ich Herrn Matasci, dessen Galerie so schön ist wie sein Wein! Ausser, dass lustig schreiben schwieriger ist als „seriös“. Lebensbaum, Lebensdauer, Lebensmittel liest sich im Lexikon nichts von Lebenslauf. Dagegen im Kunstlexikon: Lindi Albert, Maler, Zeichner, Grafiker, Kunstgewerbler. Illustrator, Plastiker (Dichter). Verblüffende Gabe zur treffsicheren persönlich stilisierten Zeichnung. Durch weite publizistische Verbreitung von Karikaturen und Illustrationen sehr bekannter Schweizer Karikaturist. Vergnüglicher und sinnlicher Charakter des Gesamtwerkes, das sich von grossen Wandmalereien bis zu verspielten Mobiles, angewandter Kunst an Keramik und Bijous erstreckt. Motiv vorwiegend gegenständlich, erfinderische Fantasie, dem die Kritik mal vor 40 Jahren das Wort skurril anhängte. Im schweizerischen Künstlerlexikon sind paar Seiten ausführlich geschrieben über Lindi – worin aber nicht steht - dass er im Bermudadreieck: Monte Ceneri – Agarone – Locarno – souvenirsgeladen arbeitet – Licht spart, bis über Mitternacht - am Morgen über alles flucht auf dieser Welt – allergisch ist auf andere Rassen – improvisierte Gäste – Telefons und Täler. Hat eine künstliche Aorta – raucht Rio 6 und freut sich, dass es schon vor 2000 Jahren in Assuan Sexheftli gab. Badet im Meersalz, hat im Badkasten Ideen, bürstet den Rücken selber, schleift an Plastiken die Finger wund - schreibt und zeichnet dazwischen Isst morgens 4 Uhr Joghurt - löscht als letzter in Agarone das Licht! Verträgt zwei Hunde und zwei Söhne die ihn überragen und umso weniger ernst nehmen, da ohnehin alles falsch was er sagt – überflutet er mit einer Morgenpredigt, seine Frau. Wer gut erwacht, weiss nicht wie alt er ist. Dumme fragen danach, noch dümmere: Wie lang er schon im Tessin lebe. Lindi zeichnete mit fünf Jahren besser als alle anderen. Verdiente mit 16 sein erstes Sackgeld von Zeitungen. Stellte mit 20 in der Kunsthalle Bern aus – als neues Talent. Machte die Seminar-Prüfung, ein Semester Medizin, dann verreiste er nach Paris. Stellte im Salon d'Autonne aus, wo die Kritik schrieb: Un jeune Suisse, qui veut nous berner, was nichts mit Berner zu tun hat, der er ist vielmehr: Er will uns hochnehmen. Kritiker schrieben über ihn. So Manuel Gasser 1940 in der Weltwoche: „Lindi gehört, man stellt es fest mit Schweizerstolz, zu den Karikaturisten von Weltklasse. Es kann in einem Lande hunderte von Malern geben, aber nur einen guten Karikaturisten. Man kann nicht umhin, Lindi als grausam zu nennen. Seine Kritik unerbittlich und entbehrt des wohlwollenden Lächelns über die menschliche Schwäche. Doch sie wird ertragen, weil sie sich immer ans allgemeine hält, niemals eine besondere Klasse oder Kategorie aufs Korn nimmt. So fühlt sich niemand getroffen Und jeder bezieht das Hohnbild auf den lieben Nächsten. Die schönsten Karikaturen Lindis sind jene Blätter mit der kühnen Verteilung der Massen, der souveränen Vereinfachung – dem Spiel mit schwarz und weiss – wären ohne Fingerübungen und Studien im Abstrakten kaum denkbar. Ein anderer Kritiker schrieb: Er ist Urs Graf der durch den Kubismus ging. Das Journal des Arts de Paris meinte: Man könnte Lindi als einen modernen Daumier der Schweiz bezeichnen. Seine Verwandtschaft mit ihm ist geistiger Art, in der grossen Kraft der Gestaltung und in der straffen konzentrierten Pointiertheit, die Lindi mit wenigen Strichen erreicht".