Lodano

Aus dem Ferien-Journal vom September 1983, 30. Jahrgang, von Peter P. Riesterer:


 

Zwischen dem Wald und der Maggia friedlich gelegen


Der Basler Maler Hans Stocker, einer der Erneuerer der kirchlichen Kunst, war in Lodano. Ende der fünfziger Jahre malte er an die Stirnwand der Kirche S. Lorenzo das Martyrium des Kirchenheiligen und als Lunette „die sieben Freuden Marias“. Damals fuhr man noch mit der Bahn ins Maggiatal. Zu Fuss wanderte man, über Grasland, ins Dorf, das am rechten Ufer, etwas erhöht auf terrassiertem Land liegt.
Andere waren dort oder verweilten in dieser abseits liegenden Welt, weil damals schon den Künstlern und Schriftstellern alles, was nicht hinter Ponte Brolla lag, oder nicht zum noch bäuerlichen Pedemonte gehörte, zu viel Lärm verbreitete. Der Maler Schutter, in Holland aufgewachsen, fuhr mit de Zweirad an Lodano vorbei. Es gab ihm dort zu viel Schatten, im Vorfrühling. Er liebte die Farben, das Licht. Nicht einmal die Rebterrassen, die wieder zurecht gemacht und mit Weinstöcken bepflanzt wurden, vermochten ihn anzulocken. Die Alte – was respektvoll gemeint ist – sagte, in Lodano könne man vom Frühling bis Spätherbst gut leben. Im Winter zeige sich die Sonne nur kurz oder überhaupt nicht. Der Wald sei ertragreich. An Brennholz für den Kamin sei kein Mangel. Das Weidland sei gut.
Das verbaute Ufer der Maggia hat den Blick von der Strasse auf Lodano geöffnet, die Uferlandschaft etwas verändert. Das Unwetter vor Jahren, riss Uferpartien und Sträucher weg. Die Maggia trat über die Ufer. Schlamm und Sand setzten sich nieder. Die Altvordern wussten, warum sie das Dort weit weg vom Wasser schattenhalb bauten, warum sie die ansteigende Böschung mehrfach terrassierten. Auf den Terrassen soll ein guter Wein gediehen sein, wie etwa im weiter talwärts liegenden Gordevio, der als „weisser Nostrano“ im ganzen Tessin, und von den Landvögten begehrt war. Bald nach dem zweiten Weltkrieg zeigte uns der Schauspieler Leopold Biberti im Maggiatal einen Ort, wo wir von einem Bauern dieses Getränk kredenzt bekamen. Er holte die Flasche zwischen Steinbrocken im nahen Bach hervor. Üblicherweise wachsen die blauen Trauben in dieser Gegend. Meine Gastgeber, ein jüngeres Lehrerehepaar aus Zürich, erzählten, dass die Bewohner von Lodano ihre Häuser ausbessern, ihre Kinder und Zuzügler jedoch bauten moderne Häuser und legen wieder Rebberge an.
Sobald ein Wohnhaus, auch wenn es nach den alten Proportionen erstellt wurde, mit Ziegelen bedeckt ist, hat es ein verfremdetes Aussehen. Auch die alte Tünche, ob grauweiss, bläuchlich, grün, ochsenblutfarbig oder gelblich gehalten, ist nicht mehr an die Fassaden zu bekommen. Farbenfreudig müssen die Dörfer ausgesehen haben. Besonders Vornehme zierten die Hausfront mit einer hellen Lila- oder Lachsrot-Farbe: Was für ein herrlicher Farbenklang zusammen mit den goldiggelben Ähren, die im Winde hin und her wogten! Eine Landschaft für Monet. Im Mittelpunkt, oder goldenen Schnitt ein Mädchen, das sich mit einem Sonnenschirm vor den Sonnenstrahlen zu schützen sucht. Leicht abseits der ins hintere Maggiatal führenden Strasse, am linken Ufer, Kastanienbäume, ein Bienenhäuschen. Im Vorfeld schnitt, reichlich spät, ein Weinbauer die Reben. Die alte Regel, sie an Lichtmess zu schneiden und dann hochzubinden, interessiert ihn nicht mehr. Seit die Kantonsstrasse verbreitert ist und die Luft voller Abgase sei, meinte er, tragen die Stöcke weniger und zum Ärgernis kränkliche, ineinander verflochtene Beeren.
Heimwärts vor Avegno Halt gemacht. Paradox ist, wenn die Grossbuchstaben MAI MORIRE an der Fassade des Grotto in ein mai morire umgemalt und das Grotto erweitert wird. Im Anbau – er steht seit Jahren – viel Volk, die ländlichen Köstlichkeiten geniessend. Im alten Steinhaus, so gemütlich wie einst, ein Feuer im Kamin. Auf den Tischen Polenta, Capretto (Zicklein) und frischer Schnittsalat. Die Tessiner drinnen. Die Touristen draussen unter dem Dach. Am Tisch nebenan, ein Jäger. Um uns herum jüngere Einheimische. Man lachte über die bekannte Geschichte des Wirtes, der nie sterben und der mit dem Spruch „MAI MORIRE“ an der Fassade des Grotto dies Gevater Tod zu verstehen geben wollte. Die Originalschrift über der Türe des Kellers, die Hardmeyer – er beschrieb Locarno und seine Täler 1890 – entzifferte, ist längst nicht mehr zu sehen. Der „Nimmertod“ lebt schon lange in einer anderen Welt! Der vortreffliche Wein wird Fassweise oder in Flaschen aus anderen Gegenden angeliefert. Und ob einer, der ohne Geld daherkommt, sich hinsetzen und sich nur an des Weines Geruch erlaben kann, weiss ich nicht. Aber ich weiss, dass wir abseits abgefahrener Strassen und zusammengeballter Wohnblöcke, ein Restchen Tessin finden können, das wir noch besser verstehen, wenn wir nach dem persönlichen Erleben zu einem der Bücher von Plinio Martini greifen. Die Geschichte der „Barocken Wetterkunde“ aus „Fest in Rima“ (Classen-Verlag) passt trefflich in dieses Tal.