Ruggero Leoncavallo
Emil Ludwig, Schriftsteller

1881-1948, geboren in Breslau, gestorben in Ascona

Eigentlich Emil Cohn. Sohn eines jüdischen Augenarztes. Studierte Rechtswissenschaft, schlug aber dann eine journalistische und schriftstellerische Laufbahn ein. Kam 1906 in die Schweiz. 1932 Schweizer Bürgerrecht. Ludwig lebte in einer Villa in Moscia bei Ascona „an der schönsten Ecke über dem See“. Er schrieb Biographien über grosse Namen (Goethe, Napoléon, Bismarck). Ludwig wurde damit zum "Auflagenmillionär". Auflage 1932: 2,5 Millionen in 20 verschiedenen Sprachen. George Bernard Shaw ging bei ihm in Moscia ein und Gerhart Hauptmann. Er führte 1931 ein Interview mit Josef Stalin. Seine Werke fielen der Bücherverbrennung der Nazis von 1933 zum Opfer, unter dem Slogan: „Gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer grossen Gestalten, für Ehrfurcht vor unserer Vergangenheit! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Emil Ludwig und Werner Hegemann!“ Emil Ludwig erlebte die Bücherverbrennung in Ascona so: „In der Nacht der öffentlichen Bücherverbrennung lud ich meinen Freund Erich Maria Remarque ein, um ein Glas mit mir zu trinken. Wir entkorkten unseren ältesten Rheinwein, drehten das Radio an und lauschten dem Knistern der Flammen, den Reden Hitlers und seiner Anhänger - und tranken auf die Zukunft.“ Emil Ludwig und seine Frau unterstützten das Heim für jüdische Flüchtlingskinder von Lilly Volkart in Ascona. 1940-1945 lebte Ludwig in den USA. Später hatte er wieder Wohnsitz in Moscia, Ascona, an der heutigen via Emilio  Ludwig, sie liegt an der via Collinetta, knapp zwei Kilometer von Erich Maria Remarque ehemaligem Haus entfernt. Ursula von Wiese schrieb: „Emil Ludwig hatte eine Piepsstimme, die gar nicht zu seinem edlen Charakterkopf passte. Er muss darunter gelitten haben, denn wenn von irgendeinem berühmten Mann die Rede war, sagte er: Ja, und er hat eine so schöne Stimme.“ Curt Riess: "Emil Ludwig wäre der prominenteste Bewohner Asconas gewesen, hätte sich im Dorf damals nicht ein neuer Bewohner eingestellt, eine ebenso interessante wie zunächst auch recht undurchsichtige Persönlichkeit: Eduard Freiherr von der Heydt." Kurt Tucholsky: "Emil Ludwig hat’s nicht leicht. Er müsste eigentlich ein Rundschreiben an seine Kritiker schicken: "Entschuldigen Sie bitte, dass ich so viel Erfolg habe." Wolfgang Oppenheimer, ein ehemaliger Nachbar Ludwigs in Moscia, beschrieb ihn als eitlen, unverhüllten Angeber. Emil Ludwig: "Jeder, der redet, verschweigt etwas und meistens das Beste." Ludwigs Grab befindet sich auf dem Friedhof von Ascona.

An Ascona: Ich wünsche ein Wort an den Ort zu hinterlassen, den ich als die einzige Heimat meines Lebens angesehen habe. So wenig ich der Schweiz zu danken habe, so viel dem Tessin. Hätten die schweizer Schriftsteller und Publizisten mich anders behandelt, so hätte ich ein längst entworfenes und begonnenes Buch über den Tessin geschrieben und das Bild dieses Landes vielleicht so weit in die Welt getragen wie das Bild des Nils. Mein Dank gilt Ascona, Locarno und den benachbarten Tälern, und zwar gilt er ganz und gar dem Volke dieser Gegend. Die Freundschaft und aas Vertrauen von zwanzig Familien, die ich durch drei Generationen kannte, ist eins meiner schönsten Erlebnisse gewesen. So herzliche Blicke, so freundliche Gesichter bei RÜckkehr von langen Reisen sind mir nur hier beschieden gewesen. Das Vertrauen, das ich unter diesen Familien genoss, ist mir ein kostbarerer Sehatz als die Verbreitung meines Namens in fremden Ländern; denn hier ist alles von Auge zu Auge, durch geprüfte Gesinnungen in voller Unabhängigkeit entstanden. Als wir 1921 wegen der Inflation und 1946 wegen der Dollar-Sperre unsere Schulden hier nicht bezahlen konnten, ist kein einziger Tessiner gekommen, um uns auch nur zu mahnen. In solcher Geduld und solchem Zutrauen zeigt sich die materielle Folge eines gänzlich uneigennützigen Gefühls. Wenn ich in eins dieser Asconeser Häuser trat, oder wenn wir bei Hochzeiten, Kind-Taufen, an Begräbnissen, unseren alten Freunden die Hand drückten, unter denen die Familie Spertini mit allen Kindern und Enkeln an erster Stelle stand, so war ich von dem tiefen Gefühl einer Heimat durchdrungen, nachdem ich die, in der ich geboren bin, gänzlich aufgegeben hatte. Es ist nicht allein die herrliche Landschaft die wir, frei unseren Wohnsitz in jedem Teile der Welt zu wählen, bis heute durch vierzig Jahre festgehalten haben; vor allem sind es die Herzen der Menschen, denen man sich verbunden fühlt. Der Ehrenbürgerbrief von Ascona ist mir inehr wert als alle Diplome, die ich von Akademien, Universitäten oder Institutionen in fremden Ländern empfangen habe. Möge Gottes Gnade über dem alten Dorf mit den zwei Türmen walten! 11. November 1946 Emil Ludwig, Moscia/Ascona. Aus dem "Ferien-Journal", Ausgabe September 1978.

Aus dem "Ferien-Journal" von Juli-August 1997, von Herta Konrad: „Genau 40 Jahre lebte der Schriftsteller Emil Ludwig auf dem Monte Verità. Seine Vorfahren waren noch Untertanen der Kaiserin Maria Theresia, bis Friedrich der Grosse Schlesien raubte und der Urgrossvater des Schriftstellers einem preussischen König dienen musste. Auch Schuberts Mutter Elisabeth Vietz kam aus Schlesien. Emil Ludwig, der inzwischen vergessene Schriftsteller, erzählt in seiner Biograhie von seinem Vater, dem weit 31 über die Grenzen Schlesiens hinaus bekannten und geachteten Augenarzt: Undank hielt der Vater für eine Todsünde, und Musik hatte einen hohen Stellenwert im Hause des berühmten Augendoktors. Wunderbar auch, wie Ludwig von einem Nachkommen des Botanikers Fuchs erzählt, nach dem die Fuchsien benannt sind. Dieser Nachkomme (Julius Fuchs) machte in Amerika als Dirigent und Lehrer Deutscher Musik Karriere. Gerne vergleicht Ludwig grosse Musiker mit grossen Malern; Dürer mit Bach, Michelangelo mit Beethoven, Mozart mit Raffale, Coreggio mit Schubert. Emil Ludwig nennt sein Erinnerungsbuch "Geschenke des Lebens", und dieses Buch endet mit einer Hymne für Franz Schubert: " ... Sollte ich diesen Rückblick mit einem einzigen Namen schliessen, wüsste ich gleich ihn zu nennen, denn er ist irdisch gewachsen und doch reicht sein Baum in den Äther, mit den Engeln hat er gespielt und kommt doch aus dem Volke, die Gnade des Genius hat ihn reicher beschattet als je einen vor und nach ihm, und wenn ihn jener an Tiefe, die er an Helle, der dritte an Kühnheit, vielleicht ein andrer an Grundgewalt zu übertreffen scheint, so hat doch keiner mit so hoher Anmut an die mystischen Themen des Lebens geführt, keiner mit solche Todesnähe die blühenden Ufer der Jugend gestreift... Immer jubiliert er auf eine irdische Weise und trauert auf eine ausserirdische. Er ist kein Musiker, er ist die Musik. In seinem Werke find ich sie alle wieder, die Geschenke des Lebens."