Ruggero Leoncavallo
Walter Mehring, Schriftsteller und Satiriker

1896-1981, geboren in Berlin, gestorben in Zürich

Er führte ein rastloses Leben: "Du bist verdonnert nun auf lebenslänglich: Zu den kleinen Hotels. Zu den kleinen Hotels. Zu den kleinen Hotels." 1933 verbrannten die Nazis seine Bücher - er musste emigrieren. 1953 kehrte er von den USA nach Deutschland zurück. Seine letzten Lebensstationen verbrachte er im Tessin, München und Zürich. Mehring war befreundet mit Otto Bachmann, Henry Jäger, Horst Lemke und Erich Maria Remarque. "Die ganze Heimat, und das bisschen Vaterland, die trägt der Emigrant, von Mensch zu Mensch - von Ort zu Ort, an seinen Sohl'n, in seinem Sacktuch mit sich fort."
Aus dem "Ferien-Journal" Nr. 98/4, vom 9. Juli 1966, Asconeser-Künstler, Walter Mehring, von OL: „Man fragte sich, wer ist dieser Mann, der hin und wieder an einem Tisch vor einem Glas Cognac sass, im Pfauenrestaurant in Zürich, klein von Gestalt, in einem grosskarierten Hemd, mit einem Gesicht, etwas traurig, aber scharf im Profil, das einen glauben machte, man habe den leibhaftigen „Eulenspiegel“ vor sich? Nun, man fragte nach dem Namen dieses Mannes, der dann plötzlich vom Stuhle aufstand, wegging, allein, der Rämistrasse zu: das ist Walter Mehring. Dann sah man den Mann wieder hier in Ascona, diesmal an einem Caféhaustisch, und wieder der Cognac, und allein, etwas träumend auf den Tisch blickend, manchmal in die Sonne blinzelnd. Und in Ascona feierte er im April seinen 70. Geburtstag, er, der einmal gesagt haben soll: „Siebzig kann jeder Trottel werden“.
Walter Mehring – das ist personifizierte Zeit: Expressionist, Dadaist, Anarchist, Formalist – die Begriffe reichen nicht aus, ihn literarisch einzustufen; aber gehetzt durch die Zeit, durch die Länder, vor Kriegen und Feinden fliehend, immer liebend und immer enttäuscht, resigniert und doch wieder voll Zorn, zynisch manchmal bis beinahe zur verletzenden Pointe, dann wieder Augur, der die Zukunft in Breughelschen Schreckensbildern malt: nur, die Schreckensbilder trafen allemal zu. „Hier steht ein Mann und sing ein Lied / am Rand der Zeit, / die ausser Rand und Band geriet“; als ein Ketzer könnte man ihn wohl bezeichnen, und eines seiner Bücher mit Liedern und Chansons heisst auch „Ketzerbrevier“. Was er mit Leidenschaft vertrat und noch heute vertritt, das ist die uneingeschränkte Freiheit des Individuums. Nur in dieser Freiheit kann der Mensch schöpferisch sein. Und um sich diese Freiheit zu bewahren, die er allerdings der feinsten Zucht seiner Sprache unterwarf, floh er vor Gewalt, Faschismus und Autorität. Er begann in Berlin mit expressionistischer Lyrik, trug dann seine Chansons in den Berliner Cabarets der Zwanzigerjahre vor, schrieb eines der schönsten Bücher unserer Zeit, „Die verlorene Bibliothek“, ein Wehmutsgesang gleichsam auf Bildung, Humanität und Geist, analysierte den Faschismus mit seinem Roman „Müller. Die Chronik einer deutschen Sippe“, flieht jetzt noch immer von Caféhaustisch und bringt die Zeit mit dem engagierten Gefühl des Unruhigen und Skeptikers in Chansons und Versen unter.
Dieser Literat im besten Sinne des Wortes, passt in keine ordnende Kategorie. Gerade deshalb, weil er sich den ordnenden Kategorien entzog und in der schöpferischen Entfaltung seiner Freiheit ein Werk schuf, das einmalig, zynisch, spöttisch, voll formaler Feinheiten, ästhetisch und mit der verzweifelten Liebe zum Leben geschrieben.“


Der Emigrantenchoral
von Walter Mehring, Pfeffermühle, Basel, 1934, II. Programm

Werft eure Herzen über alle Grenzen
Und wo ein Blick grüsst, werft die Anker aus!
Zählt auf der Wandrung nicht nach Monden, Wintern, Lenzen –
Starb eine Welt – ihr sollt sie nicht bekränzen!
Schärft das euch ein und sagt: Wir sind zu Haus!

Baut euch ein Nest!
Vergesst – vergesst!
Was man euch aberkannt und euch gestohln!
Kommt ihr von Isar, Spree und Waterkant.
Was gibt’s da heut zu holn?

Die ganze Heimat
Und das bisschen Vaterland
Die trägt der Emigrant
Von Mensch zu Mensch – von Ort zu Ort
An seinen Sohl’n, in seinem Sacktuch mit sich fort.

Werft eure Hoffnung über neue Grenzen –
Reisst euch die alte aus wie’n hohlen Zahn!
Es ist nicht alles Gold, wo Uniformen glänzen!
Solln sie verleumden – sich vor Wut besprenzen –
Sie spucken Hass in einen Ozean!

Lass sie allein
Beim Rachespein
Bis sie erbrechen, was sie euch gestohln
Das Haus, den Acker – Berg und Waterkant.
Der Teufel mag sie holn!

Die ganze Heimat und
das bisschen Vaterland
Die trägt der Emigrant
Von Mensch zu Mensch – landauf landab
Und wenn sein Lebensvisum abläuft
mit ins Grab.