Jo Mihaly, Schriftstellerin und Tänzerin

1902-1989, geboren in Schneidemühl, Posen, gestorben in Seeshaupt, Bayern

Eigentlich Elfriede Alice Kuhr, ihr Künstlername ist ein Zigeunername. Ausbildung in klassischem Tanz, Tourneen in Deutschland. Sie lebte in den 1920er Jahren einige Zeit als Vagabundin „auf der Strasse“. 1927 Heirat mit dem Schauspieler und Regisseur Leonard Steckel (Scheidung 1945). 1933 Emigration nach Zürich. "Ein Leben voller Mut und Zivilcourage" - sie kämpfte zeitlebens für Unterdrückte und Aussenseiter. Jo Mihaly emigrierte 1933 mit ihrem Mann nach Zürich.  Sie hat damals ihren Roman "Hüter des Bruders" geschrieben und hat unter Pseudonym für verschiedene Schweizer Zeitungen gearbeitet, neben ihrem Einsatz für die Flüchtlinge. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war sie im Stadtparlament von Frankfurt a.M. und als Gründerin der "Freien deutschen Kulturgemeinschaft" tätig. 1949 liess sie sich als freie Schriftstellerin in Ascona nieder, wo sie sich auch um kulturelle Veranstaltungen kümmerte. Sie schrieb auch für Hans Roos’ „Ferien-Journal“. Diverse Bekanntschaften und Freundschaften, unter anderem mit den Giovannettis, Isa Hesse-Rabinovitch, Jakob Humm, Rico Jenny, der für ihr "Bedenke, Mensch..." fotografierte, Erich Maria Remarque, Jonny Rieger, Wladimir Rosenbaum und seinen Frau Sybille, Ignazio Silone, Aline Valangin. 1975 gab sie zum Gedenken an ihre "Pflegemutter" "Was die alte Anna Petrowna erzählt", Geschichten aus Russland, heraus. Zu ihrem 80. Geburtstag schrieb Peter P. Riesterer in einer von Hanspeter Manzens "Libreria della Rondine" herausgegebenen Schrift: "Hommage an Jo Mihaly. Vor Jahren sagte Jo Mihaly es sei eine Gnade in Ascona den Lebensabend verbringen zu dürfen. Sie liebt diese Landschaft, den Borgo und seine Menschen, wo sie nach früheren Aufenthalten 1949 die feste Bleibe fand. Sie hat ihr Ascona gegen ungerechte Angriffe in Schutz genommen, aber sie wäre nicht Jo Mihaly, hätte sie sich  nicht gegen die zerstörenden Kräfte, gegen Ungeist, Machtansprüche und das Gelddenken aufgelehnt. Ascona - dies ist für Jo kein Ferienparadies. Zu ihrer Wahlheimat ist es geworden, der sie viel an geistigen Werten vermittelt, aus eigener Kraft gegeben hat. In dieser Welt spricht sie von Mut und Zärtlichkeit, von Liebe und Freiheit, von Freundschaften, die Krieg und Elend überdauern, von Begegnungen, die sie nie vergessen wird. Neid und Missgunst, die in der "Zone magnetischer Anomalie" besonders stark auftreten können, sind ihr fremd. In einer Welt menschlicher Verunsicherung, der Ängste und Nöte wirkt sie ausgleichend, ihre Güte heilend. Nicht nur der Schriftstellerin, Tänzerin, Pantomimin, Vagabundin, der Gattin des grossen Schauspielers Leonard Steckel, der Vermittlerin kultureller Werte, dem ganzen Menschen widmen wir zum 80. Geburtstag diese kleine Schrift mit einigen von Jo Mihalys Erzählungen von Ascona. Hier am Verbano wurden sie vor Jahren von ihr geschrieben. Ascona, im April 1982, im Namen ihrer vielen Freunde, Peter P. Riesterer."  In ihrem Todesjahr wirkte Jo Mihaly in Isa Hesse-Rabinowitchs Film "Geister und Gäste - in memoriam Grand Hotel Brissago" als Chronistin mit. Ihr Grab befand sich in Seeshaupt am Starnberger See, zu Ostern 2011 fand sie ihre letzte Ruhestätte an den Gestaden des Lago Maggiore.

Carl Seelig schrieb im "Ferien-Journal" Nr. 26/3, von Juli 1957 unter "Asconeser Künstler": "Kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges wurde die damals zwölfjährige Jo Mihaly in der Nähe ihres in der ehemaligen Provinz Posen gelegenen Heimatstädtchens Schneidemühl Augenzeugin einer Schlacht, die ihr unvergesslichen Eindruck gemacht hat. Wie schon oft, hatten braungebrannte Zigeunersippen, die nach Polen wandern wollten, am Rand der Bürgerquartiere ihre Zelte aufgeschlagen. Als die jungen Burschen von Schneidemühl ihre Frauen und Töchter zu belästigen begannen, gingen die Zigeuner mit Messern auf sie los, so dass es zu einer blutigen Auseinandersetzung kam. Ins Gefängnis geschleppt wurden jedoch nicht die aufdringlichen Urheber dieses Streites, sondern die Zigeuner mit ihren Frauen und Kindern, worüber die kleine Zuschauerin so empört war, dass sie an die Redaktion des „Grenzboten“ einen Protestbrief schrieb. Das ist die erste öffentliche Auflehnung gegen ein Unrecht gewesen. Damals hat sie sich auch den Namen „Jo Mihaly“, das heisst „Einer von Ihnen“ zugelegt. Unter ihm ist sie eine der charaktervollsten Schriftstellerinnen unseres Landes geworden – eine Persönlichkeit von solch gebändigter Kraft und mitmenschlicher Anteilnahme, dass wir stolz darauf sind, sie seit zwei Jahrzehnten in unserem Land wirken zu sehen. 1933 ist sie von Berlin nach Zürich übersiedelt, um mit den Nationalsozialisten nicht gemeinsame Sachen machen zu müssen. Im Herbst 1949 verlegte sie sodann ihren Wohnsitz von Zürich nach Ascona-Saleggi, wo sie in der Nähe der Maggiamündung inmitten von Tabak- und Maisfeldern die ersehnte Stille gefunden hat, um arbeiten zu können. Mit ihrem freundlichen Herzen für alles Kreatürliche: für die Nachtigallen und Spatzen, die Hunde, Käfer, die Feld- und Gartenblumen, aber auch für die durchziehenden Bettler und einheimischen Arbeiter, lebt sie innig verwoben mit der Atmosphäre unseres Südkanton’s, dessen Eigenart sie besser begriffen hat als die meisten Deutschschweizer, die sich dort eingenistet haben. Man lese nur in der Reihe „Der Bogen“ das Jo Mihaly gewidmete Heft, das unter dem Titel „Das Leben ist hart“ kürzlich im Verlag Tschudy (St. Gallen) erschienen ist. Ihr gemeinsames Motto könnte der Luther-Vers „Mitten wir im Leben sind vom Tod umfangen“ sein, denn alle drei Erzählungen – „Die Brotsucher“, „Claudio und der Stein“ sowie „Die Schneeschleuder“ – gruppieren sich mit schlichten Volksgestalten um das Erlebnis des Todes, das über das sonst so heitere Naturell der Tessiner Bergbauern und Steinhauer seine Schatten legt.
Klarheit, Geist und Energie haben das edle Gesicht dieser Frau geprägt. Das sind auch die Eigenschaften, die ihre schriftstellerischen Arbeiten bestimmen. Die ersten gedruckten Versuche, eine „Ballade von Elend“, Kleinkindergeschichten und die 1930 erschienene, von ihr selbst illustrierte Kindergeschichte „Michael Arpad und sein Kind“ liegen schon ein Vierteljahrhundert zurück und gehören zu den dichterischen Niederschlägen jener Entwicklungsjahre, in denen sie sich mit ihrem leidenschaftlichen Solidaritätsgefühl den nomadisierenden Zigeunern und der riesigen Vagabundenbewegung angeschlossen hat, die zwischen den zwei Weltkriegen durch Europa flutete. So tippelten 1927 schätzungsweise etwas sieben Millionen Landstreicher über die Strassen von Deutschland. In jenen Jahren fühlte sich Jo Mihaly vor allem zur tänzerischen Gestaltung hingezogen. Als Ersatz für den erkrankten Alexander Moissi sehen wir sie im März 1935 und 1937 im Schauspielhaus als expressionistische Solotänzerin auftreten, später nochmals im Herbst 1947 in einem kleineren Saal. Den starken Eindruck, den sie hinterlassen hat, kann man in der dichterisch-schönen Skizze des schweizerischen Lyrikers Albin Zollinger nacherleben, die im Heft „Das Leben ist hart“ nachgedruckt wurde.
Damals ist auch ihr ergreifender Zigeunerroman „Hüter des Bruders“ (1942, Steinberg-Verlag in Zürich) erschienen: ein herrliches, bilderreiches Epos auf die Freiheit und den Kampf der Entrechteten für das Recht. Die Mythen der Zigeuner, ihre Sprache, ihre Überlieferungen, ihre Gesetze und Leiden sind hier zu einem Kunstwerk von unvergänglicher Schönheit geformt worden. Wir betrachten diesen Roman als die Stärkste deutschsprachige Leistung, die in der Katastrophenzeit von 1933 bis 1945 von einer emigrierten Dichterin geschaffen wurde.
Kaum bekannt ist Jo Mihalys 1946 erschienener, künstlerisch weniger abgerundeter Roman „Die Steine“, der sich mit dem gnadenlosen Maulwurfsdasein der deutschen Flüchtlinge im schweizerischen und französischen Exil beschäftigt. Als Form hat sie die autobiographischen Aufzeichnungen eines Arztes gewählt. Auch hier bleiben jedoch die disziplinierte Leidenschaft, die Schärfe des Intellektes, der Mut zur Wahrheit und die kampfbewusste Haltung der Verfasserin bewundernswert. Noch unveröffentlicht sind zwei weitere Romane: die zwischen den Kriegen sich abspielende „Erbschaft“, in deren tragischem Licht Gestalten ihrer Jugend stehen – die Grossmutter, ein Onkel, habgierige Verwandte und liebevoll gesehene Angestellte – sowie der um die Lösung sozialer Nachkriegsprobleme bemühte Roman „Orion über dem Dorf“, in dem das Schicksal der verwahrlosten deutschen Jugend geschildert wird. Vollendet oder zur letzten Umarbeitung bereit liegen ferner die Novellensammlung „Lob der Demut“ und das Kurzgeschichtenbändchen „Gleichnisse des Alltages“, während einige faszinierende Tiergeschichten nächstens in einem Sonderheft der „Guten Schriften“ (Basel) erscheinen soll.
Erstaunlich bleibt, was diese körperlich zarte Frau neben der täglichen Arbeit im Haushalt und Garten, der Sorge für die Familie und für die Freunde an Dichterischem alles zu leisten vermag! Daneben hat sie noch realistisch gesehen Reportagen über das Maggia-Werk, eine Bronzegiesserei in Mendrisio, Tessiner Küchenspezialitäten und über eine stimmungsreiche Osterliturgie in Ascona geschrieben, ferner ein ganzes Buch über die norddeutschen Halligen und den Text zu den „Tessiner Madonnen“, die der ebenfalls im Pedemonte lebende Photograph Rico Jenny aufgenommen hat. Auch wird die schmale Zahl ihrer gesinnungsschönen Gedichte, von denen ein Dutzend 1943 im vergriffenen Lyrikband „Wir verstummen nicht!“ abgedruckt wurde, langsam um weitere ergreifende Verse vermehrt.
Ihre Lehrmeister sind ausser Georg Büchner, Wilhelm Raabe und Flaubert die grossen, herrlichen Erzähler der Russen gewesen. An deren Werke hat sie ihr Ohr gelegt. Fast einen Zug zu Kleist’scher Härte besitzt nun ihre eigene Prosa, die – ohne je ins Verschwommen-Sentimentale abzusinken – den Lesern so viel innere Heiterkeit und Charakterfestigkeit zu schenken vermag. Ist es die klassisch-antike Landschaft des Tessins, die sie dazu erzogen hat? Das Schicksal der Emigration, durch das sie sich mit schweizerischer Mentalität amalgiert hat? Altes Erbgut oder einfach eine Gnade des Himmels? Bewundernswert trägt sie auf ihren jünglingshaften Schultern manches Schwere, das ihr aufgeladen ist, und so steht sie in einer zerbröckelnden Welt als eine Dichterin, zu der wir alles Vertrauen haben, dass ihr noch bedeutende Leistungen gelingen werden.

Peter P. Riesterer schrieb im "Ferien-Journal" Nr. 210/4, von Juli 1980 unter "Asconeser Persönlichkeiten" über Jo Mihaly: "Mit Jo Mihaly, der Schriftstellerin, verbindet mich eine stille und späte Freundschaft. Jo Mihaly steht der Sektion Tessin des Internationalen Schutzverbandes deutschsprachiger Schriftsteller vor. Sie hat viel Gütiges und Zerbrechliches an sich, eine vornehme Zurückhaltung ist ihr eigen. Und doch kann sie sich für viel Neues begeistern. Bevor ich Jo Mihaly persönlich kannte, fand ich durch das zusammen mit Rico Jenny entstandene Büchlein „Bedenke, Mensch“, Zugang zu ihrem Wesen und zu ihrer grossen Menschlichkeit. Zeitlebens eine Kämpferin für die geistige Freiheit; heute noch engagiert sie sich für Freiheit und Recht! Für sie bedeutet das Tessin ein Kleinod. Das Gedichtbändchen „Bedenke, Mensch…“ ist in Anlehnung an die Fresken des Todes im Tessin entstanden, und spricht aus, was an ihnen – schon fast versunken – kaum noch lesbar ist. „Die ländlichen Fresken des Todes, die Rico Jenny in den Felsentälern des Tessins photographiert, zeigen sich dem Suchenden nur zögernd. Sie lassen sich nicht wie reife Früchte pflücken, denn sie sind sparsam im Land verteilt und oft nur durch Zufall zu entdecken. Die Zeit hat sie wie die Namen auf alten Grabdenkmälern mehr und mehr ausgelöscht; so gleiche sie Gräbern vergangener Geschlechter, die mit gelassener Ruhe in die Erde zurücksinken, als sei nun genug der Dauer. Schön und still vergehen sie wie die Rose am Strauch. Niemand stört sie"."
Hier ein Ausschnitt aus "Geister und Gäste, in memoriam Grand Hotel Brissago, von Isa Hesse, mit freundlicher Zustimmung von Silver Hesse und Erich Langjahr, www.langjahr-film.ch - der Film kann auf DVD bei Langjahr Film GmbH bestellt werden. Jo Mihaly schildert die Entstehung des Hotels:

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