Ruggero Leoncavallo
Albert Möschinger, Komponist

1897-1985, geboren in Basel, gestorben in Thun

Sohn eines Kaufmanns. Schwierige Jugend: Die Mutter, eine Elsässerin, verliess die Familie 1901, der damals Vierjährige wurde von Grossmutter und einer Tante in Genf betreut. 1904 erneute Heirat des Vaters, Konflikt zwischen Albert und der Stiefmutter. Schulen in Basel. Er begann als Sechsjähriger Klavier zu spielen. Banklehre auf Geheiss des Vaters. Komponierte während seiner Lehre sein erstes Stück. Musikstudium in Bern, Leipzig und München. 1923 Rückkehr in die Schweiz, wo er als Kaffeehaus- und Salonmusiker im Berner Oberland tätig war. Ab 1928 Tätigkeit als Musiklehrer und Komponist. 1937 Anstellung als Lehrer am Konservatorium von Bern. Ab 1942 selbständiger Komponist in Saas Fee. Kompositionsaufträge unter anderem von Paul Sacher und Hermann Scherchen. 1955 hielt er sich nach einer Operation auf Empfehlung Wladimir Vogels in Ascona auf. 1956 Umzug nach Ascona. 1978 letzter Umzug nach Thun. Jakob Flach schrieb in seinem „Ascona“: Im Laufe der Jahre rücken die Komponisten an, einer nach dem andern, Hermann Hans Wetzler mit der „Steinernen Venus“; Ernst Krenek und sein „Jonny spielt auf“, Hans Haug, Mister Walton, Wladimir Vogel, Rolf Liebermann, Albert Möschinger...“  www.albertmoeschinger.ch
Hans Oesch schrieb im "Ferien-Journal" von Juni 1957 unter "Asconeser Künstler" über Albert Moeschinger: "Während eine grosse Zahl von Malern, Schriftstellern und Gelehrten in der künstlerischen Atmosphäre Ascona’s schon seit Jahrzehnten heimisch geworden sind, fehlten in ihrem Kreise merkwürdigerweise fast gänzlich die Musiker. Nach dem zweiten Weltkrieg liess sich Waldimir Vogel endgültig in der prachtvollen Landschaft der Collina nieder. Er kam aus einem einsamen Bergtal des Tessins herunter, wo er währen der Zeit, da andernorts Leben und Freiheit der Menschen bedroht waren, ganz seinem Schaffen lebte. Seit zwei Jahren nun weilt auch Albert Moeschinger in Ascona, sodass sich das schmucke Dorf am Lago Maggiore rühmen darf, zwei der charaktervollsten und originellsten Repräsentanten der schweizerischen Tonkunst zu beherbergen.
Der in Basels Altstadt herangewachsene Albert Moeschinger, dessen 60. Geburtstag zu Beginn dieses Jahres in allen kulturellen Zentren unseres Landes gefeiert worden ist, hatte früher ebenfalls jahrelang abseits der ruhelosen Städte gelebt. Ein schwerer Skiunfall zwang den Berner Konservatoriumslehrer zu einem – wie er glaubte – kürzeren Erholungsaufenthalt in den Bergen. 1943 begab er sich nach Saas Fee, dem hochgelegenen Walliser Fremdenort; aus den geplanten paar Wochen wurden volle 11 Jahre. In der „einsamen und menschlich leidenschaftslosen Umgebung der Berge“ und abseits der „beunruhigenden Einflüsse der Stadt“ fand Moeschinger damals die günstigste Atmosphäre für sein kompositorisches Schaffen. – Hier konnte er sich in aller Ruhe mit den künstlerischen Strömungen unseres turbulenten Jahrhundert’s auseinandersetzen, - denn für alles Neue in der Kunst hat er sich seit jeher brennend interessiert. Während des elfjährigen Aufenthaltes im Walliser Gletscherdorf vermehrte er die Reihe seiner originellen Kompositionen um eine stattliche Zahl charaktervoller Werke. Kürzlich hat er hier in Ascona seine IV. Symphonie, das 80. Opus, vollendet. Die Zahl seiner Kompositionen, die ausser der Oper alle musikalischen Gattungen umfassen, ist aber weit grösser, denn eine beträchtliche Zahl von Werken tragen keine Opus-Zahlen.
Man hat verschiedentlich versucht, Albert Moeschingers Werke einer bestimmten „Richtung“ im gegenwärtigen Musikschaffen zu unterstellen. Was für eine Etiquette man auch immer wählte, nie war sie für das ganze Oeuvre zutreffend, - weil es eben nur eine einzige Bezeichnung gibt, die den ganzen Reichtum der musikalischen Einfälle, die besondere Atmosphäre dieser Tonsprache und die vielgestaltigen Aspekte seines Schaffens umfasst: Albert Moeschinger. Neben Wladimir Vogel ist er einer der eigenständigsten Komponisten unseres Landes. – Obgleich man in den Frühwerken Einflüsse Max Regers und später solche Strawinsky’s feststellen kann, begnügte sich der unerbittlich den autonomen Weg des Künstlers gehende Tonschöpfer weder mit alten noch neuen Rezepten. Jeder musikalischen Arbeiten Moeschingers liegt ein eigenes Erlebnis zugrunde: immer ist sein Werk ein getreuer Spiegel dessen, was ihn bewegt, ein Abbild seiner reichen, eigenwillig herben, aber auch ungemein poetischen Persönlichkeit.
Im Gegensatz zu den esoterischen Strömungen in der neueren Musik, ging es ihm immer darum, vom Hörer verstanden zu werden. In den letzten Jahren schuf er Werke, die trotz ihres relativ grossen Orchesterapparates und der für Moeschinger typischen reichen Harmonik verhältnissmässig einfach und überschaubar sind. Im Ballett „Amor und Psyche“ (1955), in der dramatischen Kantante „Die kleine Seejungrau“ (1948) oder dem Trompetenkonzert (1954) ist der Melodie das Primat eingeräumt. Ihr sind Rhythmus, Harmonik und Orchestration bewusst untergeordnet, so dass die thematische Struktur gegenüber manchen früheren Kompositionen an Deutlichkeit gewonnen hat. – Diese Evolution innerhalb des Oeuvres hat in dem szenisch noch nicht uraufgeführten Ballett „Amor und Psyche“ ihre bisher schönste Frucht gezeitigt. Trotzdem es in einer Zeit gesundheitlicher Erschütterung entstanden ist, von der sich sein Autor nun in der landschaftlich und künstlerisch gleichermassen anregenden Ambiance von Ascona zusehends erholt, ist der Ton dieses gewichtigen Werkes nicht quälerisch, sondern geradezu apollinisch-heiter. Neben daimonischen Energien blühen schönste Lyrismen auf, die Fraktur ist transparenter denn je.
„Albert Moeschingers gesamtes Schaffen ist selbst dort, wo sein Suchen sehr weit führt, durch einen Faden mit der Tradition verbunden; es verliert sich nie in die reine und leere Konstruktion. Die Ehrlichkeit gegen sich selbst und gegen den Hörer lässt den Komponisten auf alles verzichten, was als wohlfeile Gefälligkeit ausgelegt werden kann“. Dies ist die Quintessenz eines Urkundentextes, der dem Komponisten anlässlich der Verleihung des Kunstpreises der Stadt Basel im Jahre 1953 überreicht wurde. Damit ist Albert Moeschingers Stellung in der Musikgeschichte unseres Jahrhunderts umrissen. Er war aus Humanismus nie systematisch revolutionär. Totale Umwälzungen liegen seinem Wesen nicht. Vielmehr war es ihm immer darum zu tun, „mit der Vergangenheit in Beziehung zu bleiben, bis zu einem gewissen Grade ihre Formen zu übernehmen und diese auf persönliche Weise zu gestalten“. Einem solchen, sich organisch entwickelnden Oeuvre kommt in einer Zeit, da die umstürzlerischen Bewegungen zu altern beginnen, erhöhte Bedeutung zu. Die Geschichte wird uns lehren, ob eine kontinuierliche Entwicklung, wie sie das Moeschingersche Schaffen aufweist, nicht ebenso wichtig sein kann wie die Experimente der Avantgardisten.
Diese humanistische Gesinnung verleiht dem Werk Moeschingers echt schweizerisches Gepräge, welches sich auch in der Verbindung von alemannischen und romanischen Elementen kundtut. (Sein Vater war Basler, die Mutter stammte aus dem Elsass). Wie so oft überwiegt auch bei ihm die mütterliche Komponente. Von Jugend an ging Moeschinger durch die Schule des Impressionismus. Ausgeprägter Sinn für die Finessen französischer Orchestersprache und die Vorliebe für Feinheiten reicher Harmonik waren seit jeher für ihn charakteristisch. Ist nicht schliesslich auch die Niederlassung im Tessin ein erneuter Beweis für seine Affinitäten zur Latinità?"